30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

9.4.2010 | Von:
Volkmar Sigusch

Homosexuelle zwischen Verfolgung und Emanzipation - Essay

Anhaltender Wille zur Vernichtung

Doch trotz dieses Aufbruchs dürfen Tatsachen nicht ignoriert werden. Eine ist: Menschen, die ganz überwiegend homosexuell empfinden und so leben, waren und sind in unserer Kultur eine Minderheit. Eine andere ist: Angehörige von Minderheiten müssen bei uns nach wie vor mit Risiken leben.

Heute sind die Worte "schwul" und "lesbisch" beides: Worte der Emanzipation und der Verachtung. Einerseits gibt es Gay Pride Parades und Gay Games, werden gelegentlich homosexuelle Paare kirchlich gesegnet, ist das einst heilige Institut der Ehe für dessen einst unheilige Zerstörer partiell geöffnet worden, setzt sich der US-Präsident trotz erheblicher Widerstände dafür ein, dass sich Armeeangehörige, Männer wie Frauen, endlich zu ihrer Homosexualität bekennen dürfen, bilden in der öffentlich-rechtlichen TV-Serie "Verbotene Liebe" die klügsten Frauen ein wunderschönes lesbisches Paar, zeigen zwei traditionell "männliche" junge Männer immer wieder aller Welt, wie angenehm es offensichtlich ist, einen Mann sinnlich zu küssen, ja wie normal es heute ist, schwul zu sein. Andererseits ist "schwul" auf Schulhöfen ein Beleidigungswort ersten Ranges, werden Schwule als solche von Normopathen "geklatscht" und ermordet, müssen Lesben mit "korrigierenden" Vergewaltigungen und Lynchmorden rechnen, suchen Forscher nach wie vor die "Ursache" dieser [10] "hetzt der Papst gegen die Gleichstellung homosexueller Lebensgemeinschaften" - so der Jesuit und Theologieprofessor Friedhelm Mennekes.[11]

Dass die Homosexuellen trotz aller Liberalisierungen nach wie vor prinzipiell an die Wand gestellt sind, geht auf die weitgehend unbewusste Tatsache zurück: dass alle Menschen auch homoerotische Wünsche haben. Der Hass der "Normalen" auf die Homosexuellen ist unabstellbar wie die Angst vor ihnen, solange beide für die Heterosexualität konstitutiv und dazu noch weitgehend dem Bewusstsein entzogen sind. Solange es Hetero- und Homosexualität als abgezirkelte gesellschaftliche Sexualformen gibt, so lange wird das so sein. Umso verständlicher ist es, dass immer mehr Homosexuelle nur noch "normal" leben wollen: gleichgestellt und amtlich registriert. Denn "normal" zu sein ist noch immer das Sicherste von der Welt. Nach wie vor wünscht sich so gut wie keine Mutter und so gut wie kein Vater, das eigene Kind möge homosexuell werden. Darauf aber spekulieren jene, welche die Homosexualität "verhüten" wollen. Vor wenigen Jahren, in AIDS-Zeiten und auf homosexuelle Männer gemünzt, sagte zum Beispiel der Kultusminister des Freistaates Bayern: Homosexualität sei "contra naturam (...), nicht nur contra deum (...) also naturwidrig", und weiter: "Dieser Rand muß dünner gemacht werden, er muß ausgedünnt werden."[12] Solche Sätze präsentieren schlagartig das Kontinuum der Barbarei. Nahmen in der Vergangenheit soziale Probleme überhand, bekam immer jenes Meinen Auftrieb, in dem sich Verhüten und Ausmerzen verschränken. Das sei nicht vergessen.

Auch nicht vergessen sei, welche Gewalt die katholische Kirche in vielen Ländern zahllosen Kindern und Jugendlichen angetan hat, die ihr anvertraut worden sind. Anscheinend haben sich in den zölibatär-männlichen Einrichtungen mehr sexuell Unreife, Protopädophile und Protohomosexuelle versammelt als in jeder anderen Männerorganisation. Will die katholische Kirche in Zukunft als moralische Instanz in Sachen Sexualität mitreden, muss sie sich zunächst einmal selbst geißeln und begreifen, dass das Sexuelle zum Menschen gehört wie das geistige Fantasieren und das körperliche Verdauen und dass es als solches nichts Böses ist. Sollte sie das eines Tages tatsächlich erkennen, wird sie im Einklang mit den heiligen Schriften den Zölibat abschaffen, Frauen zu Priesterinnen weihen und Homosexuelle nicht mehr verteufeln. Là-bas.

Fußnoten

10.
Vgl. Papst rügt Gleichstellung, in: Süddeutsche Zeitung vom 3.2.2010, S. 7.
11.
"Trauen Sie keinem Pfarrer". Jesuit Mennekes zum Missbrauch im Orden, in: Frankfurter Rundschau vom 5.2.2010, S. 38f., hier: S. 39.
12.
Hans Zehetmair im Bayerischen Rundfunk, zit. nach: Ins Krankhafte hinein, in: Der Spiegel Nr. 17 vom 20.4.1987, S. 56-59, hier: S. 56. Vgl. auch die ausführliche Wiedergabe in: Volkmar Sigusch, Anti-Moralia. Sexualpolitische Kommentare, Frankfurt/M.-New York 1990, S. 206f.

Dossier

Menschenrechte

Auf der Flucht vor Zwangsheirat, hinter Gittern wegen der "falschen" Meinung, in der Textilfabrik von Kindesbeinen an: Auch 70 Jahre nach Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte ist die Frage nach Freiheit und Würde des Menschen aktuell. Sind Menschenrechte universell? Wer verfolgt Verstöße gegen Menschenrechte? Und wie sieht die Situation in verschiedenen Regionen aus?

Mehr lesen

Mediathek

Homophobie begegnen

Homophobie und auch Transphobie findet man an vielen Orten. Dieser Film zeigt, was das eigentlich für die Betroffenen bedeutet.

Jetzt ansehen