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Diskriminierung von Homo- und Bisexuellen


9.4.2010
Homosexuelle können Lebenspartnerschaften eingehen und Karrieren bis in die Spitzen von Politik und Medien machen. Dennoch kann eine ungerechtfertigte Ungleichbehandlung in Gesetzgebung und Alltagspraxis konstatiert werden.

Einleitung



Ist Diskriminierung von Homo- und Bisexuellen in Deutschland noch ein Thema? Homosexuelle können nicht nur Lebenspartnerschaften eingehen und sich in Paraden zum Christopher Street Day öffentlich zur Schau stellen, sondern auch Karrieren machen, die sie bis in die Spitzen von Politik und Medien führen. Inwiefern kann dennoch eine ungerechtfertigte Ungleichbehandlung konstatiert werden? Basis für eine Analyse ist das Minoritätenstressmodell von Ilan H. Meyer.[1] Danach wird Minoritätenstress als der vermehrte Stress identifiziert, dem Angehörige von stigmatisierten sozialen Gruppen auf Grund ihrer Minderheitenposition ausgesetzt sind. Er setzt sich zusammen aus gesellschaftlicher Stigmatisierung, der Erfahrung von Diskriminierung und Gewalt sowie verinnerlichten negativen Einstellungen gegenüber der Eigengruppe.[2]

Bevor diese Themenfelder im Einzelnen betrachtet werden, seien zentrale Annahmen des Modells skizziert. Zunächst wird impliziert, dass psychische Störungen bei Homosexuellen (und anderen Angehörigen diskriminierter Minderheiten) häufiger auftreten oder stärker ausgeprägt sind, weil auf sie auf Grund des Minderheitenstatus mehr Stressoren einwirken und weil gehäufte oder stärker ausgeprägte Stressoren zu mehr Störungen führen. Neben dem Stress, dem alle Menschen ausgesetzt sein können, kommt zusätzlicher Stress hinzu. Die Herausforderung, das Leben zu meistern, ist daher für Menschen, die einer Minderheit angehören, um einiges größer. Minderheitenstress ist zudem chronisch, weil er stabilen sozialen und kulturellen Strukturen unterliegt; er basiert auf sozialen Prozessen, Institutionen und Strukturen.

Minderheitenstress für homosexuelle und bisexuelle Menschen setzt sich zusammen aus distalen - zum Beispiel vorurteilsbasierte Ereignisse (Diskriminierungen, Gewalt) - und proximalen Faktoren wie Angst vor Ablehnung, Verheimlichung und internalisierte negative Einstellungen gegenüber Homosexuellen. Vom Distalen zum Proximalen wirken somit als Stressoren zum einen externe, objektiv stressvolle Ereignisse und Bedingungen (chronisch und akut), daneben aber auch Erwartungen des Eintritts solcher Ereignisse, ferner die Wachsamkeit, die diese Erwartungen auslösen, sowie die Internalisierung von negativen gesellschaftlichen Einstellungen (Schlagwort "Heterosexismus"). Damit wird eine weitere Implikation des Modells deutlich: Objektiv stressvolle Ereignisse sind keine notwendige Voraussetzung, um Minderheitenstress zu erleben - chronisch stressig kann es schon sein, in Erwartung solcher Ereignisse zu leben.


Fußnoten

1.
Vgl. Ilan H. Meyer, Prejudice, social stress, and mental health in lesbian, gay, and bisexual populations: Conceptual issues and research evidence, in: Psychological Bulletin, 129 (2003) 5, S. 674-697.
2.
Die Begriffe "Homophobie" und "internalisierte Homophobie" sind zwar weit verbreitet, sollen aber hier nicht verwendet werden. Erstens handelt es sich bei negativen Einstellungen gegenüber Homosexuellen nicht um individuelle Phobien, sondern um gesellschaftlich erlernte Einstellungen: Während beispielsweise eine Spinnenphobie eine individuelle, übersteigerte Angst vor Spinnen ist, haben negative Einstellungen gegenüber Homosexuellen primär gesellschaftliche Wurzeln. Um ein berühmtes Wort zu paraphrasieren: Nicht der Homophobe ist krank, sondern die Gesellschaft, die ihn erzeugt! Dies verschleiert der Begriff "Homophobie". Darüber hinaus ist eine phobische Reaktion auf das Selbst ("internalisierte Homophobie") ein in sich widersprüchliches Konzept.

 

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