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9.4.2010 | Von:
Bernd Simon

Respekt und Zumutung bei der Begegnung von Schwulen/Lesben und Muslimen

Respekt - mehr als Toleranz

Ausgehend vom Ursprung des Wortes Respekt im lateinischen respicere (zurückschauen, sich umsehen, bemerken, berücksichtigen) kann in einem sehr grundsätzlichen Sinn von Respekt einer Person A gegenüber einer Person B gesprochen werden, wenn A nicht blind ihren eigenen Geschäften nachgeht, sondern sich umschaut, wie die eigenen Handlungen B betreffen könnten, oder auch wie B die eigenen Handlungen beeinflussen könnte, und A dies dann bei ihren weiteren Handlungen berücksichtigt. Kurzum: Ich respektiere jemanden, wenn ich mit ihm oder ihr rechne, ihn oder sie als Faktor in meine Gleichung, meine Handlungskalkulation, einbeziehe.

Insbesondere steht jeder Person Berücksichtigung und damit Respekt entsprechend ihrer sozialen Kategorienzugehörigkeit zu. So haben in traditionellen, feudalen oder auf andere Weise sozial stratifizierten Gesellschaften Personen Anspruch auf Respekt entsprechend ihrem Rang, ihrem Status oder ihrer sozialen Position (etwa als König, General oder Papst). In modernen, aufgeklärten Gesellschaften hat sich hingegen eine universalistische, egalitäre Auffassung von Respekt entwickelt, auf den jede/r Anspruch hat qua Zugehörigkeit zur umfassenden sozialen Kategorie Person oder Mensch. Diese Auffassung basiert auf der kantianischen Vorstellung, dass jeder Mensch den gleichen Respekt verdient, weil jeder Mensch gleichermaßen eine Würde besitzt und nicht bloß einen Preis, jeder Mensch also einen Wert an sich, einen Endzweck, und nicht bloß ein Mittel oder Hindernis für andere Zwecke beziehungsweise für die Zwecke von anderen Personen darstellt. In diesem modernen Sinn hat jede Person Anspruch darauf, in meiner Gleichung als Faktor mit einem Wert an sich, als eigenständiger Endzweck, nicht bloß als Mittel oder Hindernis für meine eigenen Zwecke Berücksichtigung zu finden, also als Gleiche(r) anerkannt und respektiert zu werden.[1] Diese gleichheitsbasierte Respektkonzeption entspricht der von Axel Honneth herausgearbeiteten, engen historischen und normativen Verknüpfung der Respektidee mit dem Gleichheitsprinzip, die im modernen liberalen Rechtsstaat in der Zuerkennung gleicher Rechte für alle Bürger ihren manifesten Niederschlag gefunden hat.[2]

In diesem Sinn ist Respekt deutlich anspruchsvoller als Toleranz.[3] Zweifelsohne stellt Toleranz auch als bloße Duldung im Vergleich zur Verleugnung oder gar Vernichtung des oder der Anderen einen zivilisatorischen Fortschritt dar. Dennoch reduziert sie den Anderen oder die Andere auf ein Übel, das es zu ertragen gilt. Respekt hingegen anerkennt den Anderen oder die Andere auf gleicher Augenhöhe, berechtigt ihn oder sie, Forderungen zu erheben, und ermöglicht so Teilhabe, auch Teilhabe an der Macht.[4]

Fußnoten

1.
Vgl. Bernd Simon, Respect, equality, and power: A social psychological perspective, in: Gruppendynamik und Organisationsberatung. Zeitschrift für angewandte Sozialpsychologie, 38 (2007) 3, S. 309-326.
2.
Vgl. Axel Honneth, Kampf um Anerkennung, Frankfurt/M. 1994.
3.
Vgl. Heiner Bielefeldt, Muslime im säkularen Rechtsstaat: Integrationschancen durch Religionsfreiheit, Bielefeld 2003, S. 24ff.
4.
Vgl. Bernd Simon, Macht, Identität und Respekt, in: ders. (Hrsg.), Macht: Zwischen aktiver Gestaltung und Missbrauch, Göttingen 2007.

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