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9.4.2010 | Von:
Bernd Simon

Respekt und Zumutung bei der Begegnung von Schwulen/Lesben und Muslimen

Gegenseitiger Respekt - eine Zumutung?

In der modernen, freiheitlichen und pluralen Gesellschaft dürfen sowohl Schwule und Lesben als auch Muslime - wie alle anderen Gesellschaftsmitglieder auch - Respekt erwarten und einfordern. Ebenso kann erwartet und gefordert werden, dass sie sich gegenseitig respektieren. Vorurteile und Unverständnis existieren ebenso wie divergierende Überzeugungen, sind aber keine legitimen Gründe, sich gegenseitig den Respekt zu verweigern. Schwule und Lesben mögen die Überzeugungen von Muslimen für falsch halten, so wie Muslime - ebenso wie Angehörige anderer Glaubensgemeinschaften auch[5] - den Lebenswandel von Schwulen und Lesben für schlecht halten mögen. Der legitime Anspruch auf Respekt und damit verknüpfte gleiche Rechte wird dadurch nicht geschwächt. Vielmehr setzt gegenseitiger Respekt der praktischen Wirksamkeit von gegenseitigen Unterstellungen, ein verfehltes Leben zu führen, deutliche Grenzen. Die eigene, für gut befundene Lebensweise darf nur unter Wahrung der gleichen Rechte für jedermann praktiziert werden.[6] Mehr noch: Respekt stellt sicher, dass der oder die Andere nicht zu einem un(ter)menschlichen Wesen mit irrationalen (religiösen) Überzeugungen oder unnatürlichen (sexuellen) Trieben degradiert wird. Denn Respekt bedeutet auch, dass dem oder der Anderen die Fähigkeit zugesprochen wird, sich vernünftig und autonom für eine Lebensweise entscheiden zu können.

In der modernen, freiheitlichen und pluralen Gesellschaft sind Schwule/Lesben und Muslime gleichermaßen respektwürdig und ihre jeweiligen Lebensweisen Bestandteil des vernünftigerweise zu akzeptierenden Pluralismus.[7] Angesichts der Unterschiedlichkeit ihrer jeweiligen Lebensweisen, insbesondere ihrer öffentlich präsentierten und wahrgenommenen, schließt dies eine wechselseitige Wahrnehmung als Zumutung jedoch nicht aus. Zumutungen verstanden als irritierende Konfrontation mit Alterität sind vielmehr hoch wahrscheinlich, da die Erfahrung des schwul-lesbischen oder muslimischen Anderen nicht unmittelbar an das Eigene anschlussfähig ist oder gar die eigenen Werte und Überzeugungen in Frage zu stellen droht. Solche Zumutungen sind in unserer offenen Gesellschaft jedoch unvermeidlich; sie sind, wenn der Zumutung - wie im gegebenen Fall - eine irritierende Konfrontation mit respektwürdiger Alterität zugrunde liegt, auch zumutbar.

Fußnoten

5.
Vgl. die Äußerung über Homosexuelle und Transsexuelle von Papst Benedikt XVI. in seiner Weihnachtsansprache 2008: "Auf diese Weise lebt er gegen die Wahrheit und den Geist des Herrn", zit. nach: Die Zeit, Nr. 2 vom 31.12.2008, S. 2.
6.
Vgl. Jürgen Habermas, Zwischen Naturalismus und Religion, Frankfurt/M. 2005, S. 268.
7.
Zur Idee des "reasonable pluralism" vgl. John Rawls, Justice as fairness, Cambridge-London 2001.

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