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17.3.2010 | Von:
Peter Birle

Argentinien und Brasilien zwischen Rivalität und Partnerschaft

Bis spät ins 20. Jahrhundert gelang es Argentinien und Brasilien nicht, eine dauerhafte Partnerschaft zu etablieren. Heute scheint ihr Wettstreit zu Gunsten Brasiliens entschieden zu sein.

Einleitung

Das bilaterale Verhältnis zwischen Argentinien und Brasilien, den beiden größten Ländern Südamerikas, war lange Zeit durch Rivalitäten und Konflikte geprägt. Zwar standen sie sich seit dem Gewinn ihrer Unabhängigkeit von den Kolonialmächten Spanien und Portugal nur einmal in einem Krieg gegenüber, aber bis ins letzte Drittel des 20. Jahrhunderts gelang es nie, die bilateralen Beziehungen dauerhaft auf eine partnerschaftliche Grundlage zu stellen. Erst seit Ende der 1970er Jahre wurde die Rivalität schrittweise überwunden, beide Länder schlossen zahlreiche bi- und multilaterale Kooperationsabkommen ab und erklärten sich 1997 wechselseitig zu strategischen Partnern.

Nachfolgend werde ich die Entwicklung der bilateralen Beziehungen in fünf Phasen nachzeichnen. Die Zeit nach Erlangung der Unabhängigkeit bis zum Ende des brasilianischen Kaiserreichs 1889 war geprägt durch vielfältige Konflikte bei einer geringen Dichte der Beziehungen. Die zweite Phase umfasste die Blütezeit der Agrarexportmodelle bis 1930 und zeichnete sich durch Rivalität um die Vorherrschaft in Südamerika aus. Die dritte Phase bis Ende der 1970er Jahre war durch einen Wandel der Entwicklungsstrategie in beiden Ländern, wachsende ökonomische Interdependenz und wiederholte Ansätze zu einer stärkeren bilateralen Zusammenarbeit charakterisiert, die jedoch immer wieder an innenpolitischen Umbrüchen und geopolitischen Rivalitäten scheiterten. Die vierte Phase begann mit der Abkehr von bilateralen Bedrohungsvorstellungen Ende der 1970er Jahre und endete gegen Ende der 1990er Jahre. Die Zusammenarbeit auf allen Ebenen verdichtete sich in dieser Zeit, begünstigt nicht zuletzt durch die Rückkehr zur Demokratie. Die fünfte Phase setzte Ende der 1990er Jahre ein. Während Brasilien ein erfolgreiches wirtschaftliches Wachstumsmodell zunehmend mit einer regionalen Führungsrolle in Südamerika und mit aktivem Engagement auf globaler Ebene verbindet, durchlebt Argentinien 2001 eine der schwersten Krisen seiner neueren Geschichte und nimmt gegenüber dem großen Nachbarn Brasilien eine immer defensivere Haltung ein. Die Asymmetrien zwischen beiden Ländern wachsen und drohen auch die oft beschworene "strategische Allianz" zu einem bloßen Lippenbekenntnis werden zu lassen.[1]

Fußnoten

1.
Gute Einführungen in die Geschichte der bilateralen Beziehungen zwischen Argentinien und Brasilien sowie in die wechselseitigen Wahrnehmungen bieten zwei neuere Bücher, die jeweils in Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftlern aus beiden Ländern entstanden sind: Alejandro Grimson (Hrsg.), Pasiones Nacionales. Política y cultura en Brasil y Argentina, Buenos Aires 2007; Fernando Devoto/Boris Fausto, Argentina-Brasil 1850-2000. Un ensayo de historia comparada, Buenos Aires 2008.

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