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Wandel durch Klimawandel? Wachstum und ökologische Grenzen in Brasilien


17.3.2010
Brasiliens wirtschaftliche Entwicklung ist vom Wachstum des Agrarsektors geprägt, was zu Lasten der Tropenwaldfläche im Amazonasgebiet geht. Lassen sich wirtschaftliches Wachstum und Klimaziele miteinander vereinbaren?

Einleitung



Seit den 1940er Jahren gilt Brasilien als das "Land der Zukunft" - Stefan Zweig hatte sein Exilland so bezeichnet, unter dem Eindruck seiner Größe, seiner Vielfalt und des weitgehend friedlichen Zusammenlebens von Einwanderern aus vielen verschiedenen Ländern und von ehemaligen afrikanischen Sklaven. In der Nachkriegszeit schien auch die wirtschaftliche Entwicklung diesem Bild zu entsprechen, denn eine rasche Industrialisierung, hohe Wachstumsraten und die Erschließung des Landesinneren für die Landwirtschaft und den Bergbau prägten die Zeit bis in die 1970er Jahre. Darauf folgten 20 Jahre der Instabilität und Stagnation, hoher Inflation, grassierender Korruption, wachsender Umweltverschmutzung und extremer Einkommensunterschiede. Besonders die Zerstörung Amazoniens, die Bedrohung der Lebensräume indigener Völker und die ausbleibende Verbesserung der Lebensbedingungen für die dort lebenden Menschen zogen in den 1980er Jahren internationale Aufmerksamkeit auf sich.

Heute steht Brasilien in der öffentlichen Wahrnehmung anders da: Das Land gehört zu den führenden zehn Volkswirtschaften der Erde; "The Economist" bezeichnete seine wirtschaftliche Entwicklung im November 2009 als "Lateinamerikas große Erfolgsstory". Die jährlichen Wachstumsraten liegen zwar unter fünf Prozent und damit deutlich unter denen von China und Indien, aber Brasilien ist es in den vergangenen fünf Jahren gelungen, seine Schulden beim Internationalen Währungsfonds zu begleichen, hohe Währungsreserven zu bilden, die öffentliche Haushaltsführung zu konsolidieren, die Steuereinnahmen zu steigern und die Armut zu verringern. Kürzlich entdeckte Erdölvorkommen vor der südlichen Küste des Landes - 40 Prozent der weltweit ungenutzten Offshore-Vorkommen - versprechen hohe zukünftige Einnahmen.[1]

Diese ökonomische Erfolgsstory beruht auf dem Wachstum der Exporte und des Agrarsektors, einer Währungsreform Mitte der 1990er Jahre und einer Wirtschaftspolitik, die auf eine aktive Weltmarktintegration setzt, auf Privatisierung der großen Staatsunternehmen und auf Deregulierung des Arbeitsmarktes. Der Anteil der Landwirtschaft am Bruttoinlandsprodukt liegt bei 25 Prozent, wenn man vor- und nachgelagerte Bereiche dazuzählt. Der Sektor wächst schneller als die Wirtschaft insgesamt und stellt 36 Prozent der Exporte.[2] Brasilien ist der weltweit größte Produzent von Zuckerrohr, Kaffee, tropischen Früchten und Orangensaftkonzentrat und gehört außerdem zu den größten Produzenten von Sojabohnen, Mais, Baumwolle, Kakao, Tabak und Holz. Zudem verfügt das Land über die größte Rinderherde der Welt (170 Millionen Rinder) und ist stark in der Produktion von Geflügel und Schweinefleisch.[3] Die Stärke im Agrarbereich geht auf die Ausdehnung der landwirtschaftlich genutzten Flächen seit den 1970er Jahren und wissenschaftliche Fortschritte zurück: Genetische Veränderungen des Saatgutes ermöglichten die Nutzung der Böden im mittleren Westen des Landes, die durch den Einsatz neuer Technologien nun für mehr als 40 Prozent der Getreideproduktion stehen. Etwa 60 Prozent der Produktivitätszuwächse des Sektors sind dem Landwirtschaftsministerium zufolge auf die Forschung zurückzuführen.[4] Es wäre aber falsch, Brasilien nur als Agrarproduzenten zu sehen: Auch der Industriesektor des Landes ist modernisiert worden, das Land exportiert unter anderem Flugzeuge, dauerhafte Konsumgüter, Autos, Zellstoff und Papier. Der Erfolg hat jedoch auch Schattenseiten. Eine davon ist die große ökonomische Ungleichheit: Brasilien gehört zu den zehn Ländern mit der höchsten Einkommenskonzentration weltweit;[5] außerdem sind Wirtschaftskraft und Einkommen regional höchst unterschiedlich verteilt. Amazonien macht etwa 50 Prozent der Fläche Brasiliens aus und hat knapp acht Prozent der Einwohner, trägt aber seit Jahrzehnten nur zu etwa fünf Prozent der Wirtschaftskraft bei. Der Nordosten stellt 27 Prozent der Bevölkerung und konnte erst in den vergangenen fünf Jahren seinen Beitrag auf etwa neun Prozent steigern.[6] In beiden Regionen liegen die Indikatoren für die menschliche Entwicklung nach Zahlen von 2005 unter dem brasilianischen Durchschnitt, und die generell schlechter versorgte ländliche Bevölkerung ist in diesen Datensätzen häufig noch gar nicht erfasst.[7]

Ein weiterer negativer Faktor sind die Umweltbelastungen, die mit dem brasilianischen Wachstum verbunden sind: Das Land gehört mit sieben Prozent der globalen Treibhausgasemissionen zu den vier größten Emittenten. Etwa 55 Prozent der brasilianischen Treibhausgasemissionen sind zurückzuführen auf die Entwaldung, die durch die Ausdehnung der Viehwirtschaft vor allem in Amazonien vorangetrieben wird und dort auch zum Biodiversitätsverlust beiträgt. Auf die Landwirtschaft sind etwa 14 Prozent der Emissionen zurückzuführen, vor allem wegen des hohen Viehbestandes. Sind diese Schattenseiten nur Nebenwirkungen, die mit der Fortsetzung des Modernisierungsprozesses der brasilianischen Wirtschaft behoben werden können, oder handelt es sich hier um systemische Fehlentwicklungen? Im September 2009 wurde in der Zeitschrift "Nature" ein Aufsatz mit der These veröffentlicht, dass "heute, vor allem wegen einer schnell wachsenden Verbreitung fossiler Energieträger und industrieller Formen der Landwirtschaft, die menschliche Naturnutzung ein Niveau erreicht hat, das die Systeme schädigen kann, die die Erde für menschliches Leben attraktiv machen. Das Ergebnis kann ein unwiderruflicher (...) Umweltwandel sein, der die Erde in einen Zustand versetzt, der mit menschlicher Entwicklung schwer vereinbar ist".[8] Diese systemischen Störungen umfassen den Klimawandel, den Biodiversitätsverlust, den Stickstoff- und Phosphorzyklus, das Ozonloch, die Versauerung der Meere, die globale Nutzung von Süßwasser, Veränderungen der Landnutzung, chemische Verschmutzung und die Luftverschmutzung. In all diesen Bereichen sind mögliche Grenzwerte für die Übernutzung entweder überschritten oder fast erreicht. Um diese Fehlentwicklungen aufzuhalten, fordern die Autoren des Artikels ein rasches und abgestimmtes Handeln der Staatengemeinschaft. Auf nationaler Ebene bedeutet dies, dass Gesetze und Anreize zur Begrenzung der Naturnutzung durch Produktion und Konsum dringend erforderlich sind. Die gescheiterten Klimaverhandlungen in Kopenhagen Ende 2009 zeigen, wie schwer es der internationalen Staatengemeinschaft fällt, entsprechende Vereinbarungen zu treffen. Die Emissionsverringerungen, zu denen sich die Industrieländer bisher verpflichtet haben, sind nicht ausreichend, um die globale Erwärmung auf zwei Grad Celsius zu begrenzen, ein Grenzwert, der allgemein mit einigermaßen beherrschbarem Klimawandel assoziiert wird und Zielgröße des Copenhagen Accord ist.[9] Nimmt man die Diagnose des zitierten Artikels jedoch ernst, sind nicht nur Begrenzungen der Treibhausgasemissionen notwendig, sondern auch andere Grenzziehungen. Im Vorfeld der Kopenhagener Klimakonferenz wurden große Hoffnungen auf Brasilien gesetzt. Das Land war 1992 Erstunterzeichner der Klimarahmenkonvention, und es hatte sich in den Folgejahren stets als engagierter, wenn auch harter Verhandler mit hohem wissenschaftlichem und diplomatischem Niveau ausgezeichnet. Präsident Luiz Inácio Lula da Silva hatte an hochrangigen EU-Initiativen teilgenommen, um die politische Basis für ein anspruchsvolles und konkretes Abkommen zu vergrößern, und er versicherte bis zum Schluss, nur ein solches unterzeichnen zu wollen.[10] Doch inwiefern spiegelt die brasilianische Klimapolitik ein Umdenken, das ökologische Grenzen für wirtschaftliches Handeln akzeptiert und berücksichtigt? Wo liegen Chancen und wo Spannungsverhältnisse zwischen Klima- und Wirtschaftspolitik?


Fußnoten

1.
Vgl. IPEA, Brasil em desenvolvimento. Estado, planejamento e políticas públicas, Brasília 2009; OECD, Economic Survey of Brazil, 2009, Policy Brief, Juli 2009.
2.
Vgl. Embrapa/Unicamp (Hrsg.), Aquecimento global e a nova geografia da produção agrícola no Brasil, São Paulo 2008, S. 14.
3.
Vgl. US Department of State, Background Note: Brazil, February 2010, online: www.state.gov/r/pa/ei/bgn/35640.htm#econ (12.2.2010).
4.
Vgl. Aquecimento global (Anm. 2), S. 15f.
5.
Das Ranking bezieht sich auf Daten zwischen 1992 und 2007. Vgl. Angaben zum Gini-Koeffizienten im Human Development Report 2009, online: http://hdrstats.undp.org/en/indicators/161.html (12.2.2010).
6.
Vgl. IPEA (Anm. 1), Bd. 2, S. 396 und die Daten des letzten Zensus von 2007, online: www.ibge.gov.br/home/estatistica/populacao/contagem2007/defaulttab.shtm (12.2.2010).
7.
Vgl. List of Brazilian states by Human Development Index, online: http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_Brazilian_states_by_Human_Development_Index (12.2.2010).
8.
Johan Rockström u.a., A safe operating space for humanity, in: Nature vom 24.9.2009, S. 472-475 (Übersetzung: I.S.).
9.
Vgl. Climate Action Tracker, Ambition of only 2 developed countries sufficient for Copenhagen Accord meeting 2°C target, press release, 2.2.2010, online: www.climateactiontracker.org/pr_2010_02_02.pdf (11.2.2010).
10.
Vgl. Lulas Rede am 17.12.2009 in Kopenhagen, online: http://climatechange.thinkaboutit.eu/think2/post/pre (12.2.2010).

 

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