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26.2.2010 | Von:
Detlef J. Kotte

Entwicklung durch Handel?

Erfahrungen mit Handelsliberalisierung

Seit Mitte der 1980er Jahre haben die meisten Entwicklungsländer ihre durchschnittlichen Importzölle und andere Handelshemmnisse stark reduziert. Vorangetrieben wurde diese zunächst weitgehend einseitige Handelsliberalisierung dadurch, dass zahlreiche Entwicklungsländer für die Inanspruchnahme von Krediten der Weltbank und des IWF entsprechende wirtschaftspolitische Auflagen bei Strukturanpassungs- und Stabilisierungsprogrammen zu erfüllen hatten. In diesen Fällen war die Handelsliberalisierung Bestandteil von Maßnahmenpaketen zur Krisenbekämpfung, zu denen auch eine restriktive Geldpolitik zur Inflationsbekämpfung, eine Reduzierung der Staatsausgaben zur Budgetkonsolidierung und die Liberalisierung des Finanzsektors und des Kapitalverkehrs mit dem Ausland gehörten. Ab Mitte der 1990er Jahre fand dann in vielen Ländern eine weitere Handelsliberalisierung als Ergebnis multilateraler Verhandlungen im Rahmen der Uruguay-Runde und durch den Beitritt zur WTO statt.

Im Zuge dieser Liberalisierungswellen nahm der Außenhandel schneller zu als in den 30 Jahren zuvor und expandierte stärker als die Gesamtproduktion; dies gilt sowohl für die Entwicklungsländer als auch für die Weltwirtschaft insgesamt. Zwischen den Jahren 1985 and 2000 stieg das Volumen der Güterexporte der Entwicklungsländer im Durchschnitt um 10 Prozent jährlich. Dennoch deutet vieles darauf hin, dass die Handelsliberalisierung, gemessen an der Entwicklung des Sozialprodukts, dem wichtigsten Indikator für Entwicklungsfortschritte, nur sehr begrenzte positive Wirkungen auf die Entwicklung des globalen Südens hatte.[5]

Zwar erholte sich nach dem Jahr 1985 das Wachstum des Bruttosozialprodukts nach der Schuldenkrise, unter der zu Beginn der 1980er Jahre viele Entwicklungsländer litten. Aber in den 20 Jahren nach Beginn der Handelsliberalisierung blieben die durchschnittlichen jährlichen Wachstumsraten deutlich hinter jenen in den 20 Jahren vor der Schuldenkrise zurück. Zudem war der Entwicklungsimpuls in den verschiedenen Regionen des Südens sehr unterschiedlich. In den Entwicklungsländern Ostasiens blieb das Wachstum unverändert hoch, während es in Afrika und Lateinamerika weit unter den Werten der 1960er und 1970er Jahre lag. Dies änderte sich zwar in der Zeit nach dem Jahr 2003, aber die Wachstumsbeschleunigung in dieser Phase kann nicht der Handelsliberalisierung zu Gute gehalten werden, sondern ist auf das starke Wachstum der weltwirtschaftlichen Nachfrage, angetrieben von den USA und China, zurückzuführen.

Die regionalen Unterschiede in den Auswirkungen der Handelsliberalisierung auf das Wachstum in Entwicklungsländern lassen sich mit beträchtlichen Unterschieden in der Ausgangssituation und in der Kohärenz zwischen Handelspolitik und anderen Bereichen der Wirtschaftspolitik erklären. Dort, wo der Außenhandel als Teil einer Krisenbekämpfungsstrategie liberalisiert wurde, stiegen die Importe in der Regel schneller als die Exporte, und es kam zu einer Erhöhung der Handelsdefizite. So waren die ärmsten und fast ausschließlich von Rohstoffexporten abhängigen Länder, insbesondere in Afrika, nur in sehr begrenztem Umfang in der Lage, Industriegüter auf dem Weltmarkt anzubieten. Gleichzeitig drängten aber vermehrt Importwaren aus den Industrieländern, in erster Linie Konsumgüter einschließlich Nahrungsmitteln, auf ihre einheimischen Märkte.

Aber auch viele Länder, vor allem in Lateinamerika, die schon eine gewisse industrielle Entwicklung hinter sich hatten, waren meist nicht in der Lage ihre Exporte aufzustocken, weil ihre Industrien veraltet und sie aufgrund ungünstiger Wechselkurse und Produktionskosten international nicht wettbewerbsfähig waren. Hinzu kam, dass kapazitäts- und produktivitätssteigernde Investitionen in viel zu geringem Umfang vorgenommen wurden.

Ein wesentlicher Grund hierfür war, dass parallel zur Handelsliberalisierung versucht wurde, mit einer stark restriktiven Geldpolitik die Inflation zu bekämpfen. Die damit verbundenen hohen Zinsen verschlechterten die Finanzierungsbedingungen für einheimische Investoren. Außerdem zogen sie oft in großem Umfang auch kurzfristige spekulative Kapitalzuflüsse ("hot money") aus dem Ausland an, die den Wechselkurs in die Höhe trieben, sodass sich die internationale Wettbewerbsfähigkeit der inländischen Produzenten noch weiter verschlechterte.

Zu einem starken Anstieg der Exporte von Industriegütern kam es dagegen vor allem in den Schwellenländern Ostasiens, in denen Liberalisierung nicht als Maßnahme zur Krisenbekämpfung, sondern aus einer Position der Stärke und in einem fortgeschrittenen Stadium industrieller Entwicklung vorgenommen wurde. Der Anstieg des Anteils von Industriegütern an den Gesamtexporten der Entwicklungsländer von ca. 30 Prozent im Jahr 1985 auf ca. 65 Prozent im Jahr 2000 ging überwiegend auf das Konto dieser Länder. Außerdem ergänzten sich die verschiedenen Bereiche der Wirtschaftspolitik bei der Förderung des Strukturwandels. Die Geldpolitik erleichterte durch ein niedriges Zinsniveau die Investitionsfinanzierung, die Steuerpolitik förderte die Reinvestition von Unternehmensgewinnen und verteuerte den Konsum von Luxusgütern, und durch staatliche Investitionen in Forschung, Bildungswesen und Infrastruktur erbrachte der Staat wichtige gezielte Vorleistungen für eine Erhöhung der Produktivität, der Produktion und der Exporte.

Die Handelspolitik in diesen Ländern war Teil einer umfassenderen Industriepolitik.[6] Sie zielte auf eine strategische Integration in die internationale Wirtschaft und setzte deshalb nicht ausschließlich auf die Entfaltung von Marktkräften durch den Abbau von Handelsschranken und einen Rückzug des Staates aus dem Wirtschaftsgeschehen. Vielmehr wurden Exportsektoren durch spezifische staatliche Vorleistungen und Subventionen gefördert; solange Industrien noch im Entstehen waren, wurden sie weitgehend vor übermächtiger Weltmarktkonkurrenz geschützt. Die Öffnung für den Außenhandel erfolgte schrittweise in solchen Sektoren, in denen die einheimischen Produzenten internationale Wettbewerbsfähigkeit erreicht hatten. Auf diese Weise entwickelten sich industrielle Aktivitäten, die sowohl Importe durch einheimische Produktion ersetzten als auch höhere Exporte ermöglichten.

Vgl. Schaubild und Tabelle in der PDF-Version

Fußnoten

5.
Studien dazu kommen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Einige ermittelten einen positiven Einfluss auf das Wirtschaftswachstum, so Jeffrey D. Sachs/Andrew M. Warner, Economic Reform and the Process of Global Integration, in: Brooking Papers on Economic Activity, 26 (1995) 1, S. 1 - 118; David Dollar/Aart Kraay, Growth is Good for the Poor, World Bank Policy Research Working Paper, Washington D.C. 2001. Zu anderen Ergebnissen kommen Francisco Rodriguez/Dani Rodrik, Trade Policy and Economic Growth: A Skeptic's Guide to Cross-National Evidence, in: NBER Macroeconomic Annual 2000, Cambridge 2001, S. 261 - 338; Steve Dowrick/Jane Golley, Trade Openness and Growth: Who Benefits?, in: Oxford Review of Economic Policy, 20 (2004) 1, S. 38 - 56; Richard B. Freeman, Trade Wars: The Exaggerated Impact of Trade in Economic Debate, in: The World Economy, 27 (2004) 1, S. 1 - 23; Yilmaz Akyüz (ed.), Developing Countries and World Trade. Performance and Prospects, London 2003.
6.
Vgl. Alice Amsden, Asia's Next Giant, New York 1985; Ha-Joon Chang, The East Asian Development Experience - The Miracle, the Crisis and the Future, Penang-London-New York 2006.

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