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16.2.2010 | Von:
Heike Wiese

Kiezdeutsch - ein neuer Dialekt

Wer spricht Kiezdeutsch?

Jugendsprachen hat es schon immer gegeben; das Besondere an Kiezdeutsch ist, dass sich diese Jugendsprache im Kontakt unterschiedlicher Sprachen entwickelt hat.[3] Ähnliche Jugendsprachen gibt es auch in anderen europäischen Ländern, zum Beispiel in den Niederlanden, in Dänemark und in Schweden.[4] Kiezdeutsch ist also kein isoliertes deutsches Phänomen. In den Niederlanden wird die betreffende Jugendsprache Straattaal genannt, wörtlich "Straßensprache"; in Schweden spricht man von Rinkeby-Svenska, benannt nach Rinkeby, einem Stockholmer Vorort mit hohem Migrantenanteil; in Dänemark ist eine solche Jugendsprache als K?benhavnsk Multietnolekt bekannt.

All diesen Jugendsprachen ist gemeinsam, dass sie nicht auf Jugendliche mit Migrationshintergrund beschränkt und auch nicht für Sprecher einer bestimmten Herkunftssprache typisch sind (etwa Türkisch), sondern sich im gemeinsamen Alltag junger Menschen unterschiedlicher Herkunft entwickelt haben. Man spricht daher auch von "Multiethnolekten", ein Begriff der die ethnische Vielfalt der Sprecher betont.[5] Kiezdeutsch ist somit nicht etwa ein Zeichen fehlender Integration "ausländischer" Jugendlicher, sondern hat sich gerade in gemischten Gruppen Jugendlicher deutscher und nicht-deutscher Herkunft entwickelt. Kiezdeutsch ist damit ein Zeichen für eine besonders gelungene sprachliche Integration: ein Beitrag aus multiethnischen Wohngebieten, an dem Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund gleichermaßen beteiligt sind.

Diese Integration macht Kiezdeutsch zu einem besonders interessanten sprachlichen Phänomen. Mit anderen Jugendsprachen teilt es Charakteristika wie etwa die bevorzugte Verwendung innerhalb einer Gruppe Gleichaltriger, die Abgrenzung gegenüber Erwachsenen oder auf sprachlicher Ebene zum Beispiel den Einfluss des US-Amerikanischen. Im Vergleich zu anderen Jugendsprachen finden wir in Kiezdeutsch aber eine besondere grammatische Dynamik, die durch die vielsprachigen Kompetenzen seiner Sprecher gestützt wird.

Viele Sprecher von Kiezdeutsch beherrschen neben dem Deutschen noch eine oder sogar mehrere andere Sprachen fließend. So mag jemand, der Kiezdeutsch mit seinen Freunden spricht, vielleicht kurdisch mit seiner Großmutter sprechen, arabisch mit dem Großvater und der Mutter und deutsch mit dem Vater. Ein anderer Jugendlicher, der Kiezdeutsch spricht, mag deutscher Herkunft sein und zu Hause nur deutsch sprechen, aber von seinen Freunden oder deren Eltern etwas Türkisch gelernt haben.[6] Diese vielsprachigen Kompetenzen erzeugen ein Umfeld, das sprachliche Innovationen besonders begünstigt. Kiezdeutsch konnte sich so zu einem Dialekt des Deutschen entwickeln, der in relativ kurzer Zeit besonders viele sprachliche Neuerungen hervorgebracht hat.

Fußnoten

3.
Vgl. z.B. Peter Auer, "Türkenslang": Ein jugendsprachlicher Ethnolekt des Deutschen und seine Transformationen, in: Annelies Häcki Buhofer (Hrsg.), Spracherwerb und Lebensalter, Tübingen 2003; Werner Kallmeyer/Inken Keim, Linguistic variation and the construction of social identity in a German-Turkish setting, in: Jannis Androutsopoulos/Alexandra Georgakopoulou (eds.), Discourse Constructions of Youth Identities, Amsterdam 2003; Heike Wiese, Kiezdeutsch, Publikation vorgesehen für 2010, C. H. Beck-Verlag.
4.
Vgl. Heike Wiese, Grammatical innovation in multiethnic urban Europe: New linguistic practices among adolescents, in: Lingua, 119 (2009), S. 782 - 806; weitere Literaturangaben dort.
5.
Vgl. etwa P. Auer (Anm. 3); Pia Quist, Sociolinguistic approaches to multiethnolect, in: International Journal of Bilingualism, 12 (2008), S. 43 - 61; Heike Wiese/Ulrike Freywald/Katharina Mayr, Kiezdeutsch as a test case for the interaction between grammar and information structure, Potsdam 2009.
6.
Vgl. Inci Dirim/Peter Auer, Türkisch sprechen nicht nur die Türken, Berlin 2004.

Joachim Scharloth

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