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16.2.2010 | Von:
Heike Wiese

Kiezdeutsch - ein neuer Dialekt

Was ist typisch für Kiezdeutsch?

Wie die Beispiele vom Anfang zeigen, finden sich in Kiezdeutsch unter anderem Neuerungen in zwei Bereichen: Erstens werden neue Wörter verwendet, die etwa aus dem Türkischen oder Arabischen stammen, wie "Lan" (wörtlich "Mann/Typ") oder "wallah" (wörtlich "und Allah"). Diese Ausdrücke machen Kiezdeutsch nicht zu einer türkisch-deutschen oder deutsch-arabischen Mischsprache, wie manchmal angenommen wird, sondern werden als neue Fremdwörter integriert: Sie werden nach den Regeln der deutschen Grammatik verwendet ("Lan" zum Beispiel so ähnlich wie "Alter" in der Jugendsprache, "wallah" so ähnlich wie "echt"), und ihre Aussprache wird eingedeutscht. Als Fremdwörter werden sie von Sprechern unterschiedlicher Herkunft gleichermaßen benutzt, auch von solchen, die neben Deutsch keine weitere Familiensprache haben und zum Beispiel kein Arabisch oder Türkisch beherrschen: Genauso, wie zum Beispiel keine Englischkenntnisse dafür nötig sind, das Wort "Computer" im Deutschen zu gebrauchen, kann man "Lan" auch verwenden, ohne fließend türkisch zu sprechen.

Ein zweiter Bereich sprachlicher Neuerungen zeigt sich auf grammatischer Ebene, im Entstehen neuer Konstruktionen. Wie bei anderen Dialekten auch folgen diese Konstruktionen bestimmten Regeln und sind nicht darauf zurückzuführen, dass Sprecher nicht "richtig deutsch" sprechen könnten. Einige der grammatischen Neuerungen könnten auf den ersten Blick wie bloße Vereinfachungen wirken, etwa in den Beispielen "Das ist mein Schule" und "Hast du Handy?" Im ersten Satz hätte das Possessivpronomen "mein" im Standarddeutschen eine Flexionsendung ("meine Schule"), im zweiten Satz stünde im Standarddeutschen ein Artikel ("ein Handy"). Diese Unterschiede könnten zwar nahelegen, dass Kiezdeutsch so etwas wie eine grammatisch reduzierte Form des Standarddeutschen ist. Eine nähere Betrachtung zeigt aber, dass dies nicht der Fall ist.

Grundsätzlich können wir in der Entwicklung des Deutschen (und nicht nur dort) die Tendenz beobachten, dass Flexionsendungen und funktionale Elemente wie der Artikel "ein" verkürzt werden oder entfallen. So heißt es im heutigen Deutsch nicht mehr "dem Manne", sondern "dem Mann", ohne nominale Kasusendung; im gesprochenen Deutsch entfallen Personalendungen von Verben häufig in der ersten Person Singular, etwa "ich sag" statt "ich sage", und der indefinite Artikel "ein" wird oft stark reduziert und an das vorhergehende Wort gehängt: "Hast du'n Handy?"

Diese Tendenz des Deutschen spiegelt sich auch in Kiezdeutsch wider: Die Verkürzungen, die wir dort finden, sind im System des Deutschen bereits angelegt; sie bringen kein fremdes Element der grammatischen Reduktion von außen hinein, sondern führen eine bereits vorhandene sprachliche Entwicklung des Deutschen weiter. Eine solche Weiterführung ist charakteristisch für Dialekte, die oft dynamischer und innovativer sind als die Standardsprache, da sie keiner so starken schriftsprachlichen Normierung unterworfen sind.

Verkürzungen sind zudem nur die eine Seite der Medaille: Ergänzend zu grammatischen Vereinfachungen und oft im Zusammenspiel mit diesen entstehen in Kiezdeutsch auch neue sprachliche Formen und Konstruktionsmuster. Wenn wir einen Ausdruck wie "lassma" aus dem ersten Beispielsatz ganz am Anfang im sprachlichen System von Kiezdeutsch untersuchen, dann finden wir einen zweiten Ausdruck, "musstu", der sich ganz ähnlich wie "lassma" verhält. Beide Wörter, entstanden aus "lass uns mal" bzw. "musst du", leiten Aufforderungen ein, wie der Satz vom Anfang und das folgende Parallelbeispiel mit "musstu" illustrieren:[8] "Lassma Viktoriapark gehen!" / "Musstu hier anhalten!"

Wir können hier die Entstehung von zwei neuen Aufforderungpartikeln beobachten, also festen, unflektierten Ausdrücken, die signalisieren, dass der Satz, in dem sie auftreten, als Vorschlag oder Aufforderung zu verstehen ist. Die Entwicklung solcher Partikeln ist ein Phänomen, für das es auch andere Beispiele aus der Geschichte des Deutschen gibt: So ist im Standarddeutschen die Partikel "bitte" auf ganz ähnliche Weise aus der ursprünglich komplexen, flektierten Form "(ich) bitte" entstanden.

In standarddeutschen Konstruktionen wie "Dann musst du hier anhalten" ist "musst" eine Singularform, kann sich also nur an einen einzelnen Hörer richten. In Kiezdeutsch ist die Entwicklung von "musstu" zu einer festen Partikel schon so weit fortgeschritten, dass "musstu" auch gegenüber mehreren Hörern gebraucht werden kann, also in Kontexten, in denen im Standarddeutschen "müsst ihr" verwendet würde. Interessanterweise ist in Kiezdeutsch nicht nur ein einzelner neuer Ausdruck entstanden, sondern es bildet sich bereits ein neues grammatisches Subsystem, in denen die beiden Aufforderungspartikeln unterschiedliche, sich ergänzende Funktionen erfüllen: "lassma" leitet Aufforderungen ein, die den Sprecher selbst einbeziehen (Wir-Vorschläge), "musstu" leitet dagegen Aufforderungen ein, die nur dem Hörer bzw. den Hörern gelten (Du/Ihr-Vorschläge).

"Musstu" und "lassma" gehen auf zwei Verben zurück, die mit Infinitiven kombiniert werden, nämlich "müssen" und "lassen". Durch die Entwicklung von "musstu" und "lassma" zu festen Wörtern erhalten wir in Kiezdeutsch Sätze, in denen diese Partikeln nun von Infinitiven gefolgt werden ("Viktoriaplatz gehen", "hier anhalten"). Dieses Schema passt ebenfalls gut in das grammatische System des Deutschen: Aufforderungen können typischerweise durch Infinitivkonstruktionen ausgedrückt werden, zum Beispiel "Bei Rot hier anhalten". Ein kiezdeutscher Satz wie "Musstu anhalten" ist damit in seinem Aufbau parallel zu einem standarddeutschen Satz wie "Bitte anhalten", in dem ebenfalls eine Partikel mit einer Infinitivkonstruktion kombiniert wird. Wir haben es hier also mit einer Entwicklung in Kiezdeutsch zu tun, die sich in das grammatische System des Deutschen einpasst.

Die Verwendung von "Viktoriapark" als bloßes Nomen ohne Artikel und Präposition im Satz "Lassma Viktoriapark gehen" verweist auf ein weiteres Phänomen, das diese Einpassung von Kiezdeutsch verdeutlicht. Auf den ersten Blick mag die Konstruktion wie eine willkürliche Vereinfachung wirken. Zum einen treten solche bloßen Nomen jedoch systematisch als Orts- und Zeitangaben auf. Zum anderen findet man ähnliche Wendungen auch in der gesprochenen Sprache außerhalb von Kiezdeutsch, ein Hinweis auf die Verankerung dieser Option im System des Deutschen. Im informellen gesprochenen Deutsch werden solche Konstruktionen zum Beispiel im Berliner Raum regelmäßig bei der Bezeichnung von Haltestellen öffentlicher Verkehrsmittel verwendet. Hier zwei Antworten, die Studierende eines Grammatikseminars erhielten, als sie an unterschiedlichen Orten Berlins nach dem Weg fragten: "Dann steigen Sie Mollstraße aus." (statt "an der Mollstraße") / "Sind wir schon Zoo?" (statt "am Zoo").

Äußerungen wie diese sind keine Ausnahmen, sondern illustrieren ein gut etabliertes Phänomen: Fast zwei Drittel der Antworten in dieser Studie hatten diese Form. Das bedeutet, dass es in der gesprochenen Sprache fast schon ungrammatisch ist, hier Artikel und Präposition zu benutzen! Im informellen Standarddeutsch scheint diese Art von Ortsangabe auf Haltestellen beschränkt zu sein, während es in Kiezdeutsch diese Einschränkung nicht gibt. Wir finden hier also eine Neuerung in Kiezdeutsch, die entsteht, indem eine grammatische Möglichkeit des Deutschen in ihrem Anwendungsbereich erweitert wird.

Ein weiteres charakteristisches Merkmal von Kiezdeutsch ist die Verwendung von "so" an Stellen, an denen man es im Standarddeutschen nicht erwarten würde. Hier zur Verdeutlichung noch einmal zwei der Beispielsätze aus der Einleitung: "Ich höre Alpa Gun, weil der so aus Schöneberg kommt." / "Ich hab meiner Mutter so Zunge rausgestreckt, so aus Spaß."

Im Standarddeutschen hat die Partikel "so" mehrere Funktionen, insbesondere kann sie Vergleichsrelationen ausdrücken ("So schnell wie Anja") und Intensität markieren ("So hoch!"). In der gesprochenen Sprache wird "so" darüber hinaus als sogenannter Quotativmarker verwendet, zur Einleitung von Zitaten ("Ich dann so: ,Was ist denn hier los?"). Gemeinsam ist diesen Funktionen, dass "so" einen Bedeutungsbeitrag leistet, der auf "Wie?" antwortet und umschrieben werden kann mit "auf diese Art".

In Kiezdeutsch kommt noch eine neue Funktion hinzu, bei der dieser Bedeutungsbeitrag dann entfällt: In den Beispielen steht "So" jeweils vor dem sogenannten Fokus des Satzes, jenem Teil, der die neue, besonders hervorzuhebende Information liefert. Im ersten Beispiel ist dies "aus Schöneberg": Diese Ortsangabe liefert die besonders hervorgehobene Information, sie gibt den Grund an, aus dem die Sprecherin den Rap-Sänger Alpa Gun besonders mag. Im zweiten Beispiel ist die wichtige Information im ersten Teil die Handlung "Zunge rausgestreckt", im zweiten Teil die Information, dass dies "aus Spaß" geschah. In allen Fällen markiert "so" den jeweiligen Fokusausdruck.

Grundsätzlich wird der Fokus eines Satzes im Deutschen zum einen durch die Intonation markiert: Der Fokusausdruck wird am stärksten betont, er erhält den Satzakzent. Zum anderen wird Fokus durch die Wortstellung unterstützt: Fokusausdrücke stehen oft in hervorgehobener Position am Ende des Satzes. In Kiezdeutsch entwickelt sich mit "so" eine weitere Option, die das Standarddeutsche nicht hat, nämlich die Verwendung eines Fokusmarkers. Als solcher liefert "so" keine zusätzliche Bedeutung für den Satz. Man spricht in einem solchen Fall daher von "Grammatikalisierung": ein Verlust von Bedeutung zu Gunsten einer rein grammatischen oder pragmatischen Funktion.

Ein Beispiel für Grammatikalisierung im Standarddeutschen ist die Verwendung der Partikel "zu". In Konstruktionen wie "Sie liest Krimis zur Entspannung" begründet "zu" eine Finalangabe, die das Ziel oder den Zweck einer Handlung angibt, liefert also Bedeutungsanteile für den Satz. In Infinitivkonstruktionen wie "Sie glaubt zu träumen" ist "zu" demgegenüber grammatikalisiert: "zu" trägt nicht mehr zur Bedeutung bei, sondern ist hier ein reiner Infinitivmarker.

Die Verwendung von "so" als Fokusmarker scheint nicht auf Kiezdeutsch beschränkt zu sein, sondern auch in anderen umgangssprachlichen Varianten des Deutschen vorzukommen, wenn auch möglicherweise nicht so häufig. Hier ein Beispiel aus einem Internetchat: G.: "was suchst du im chat?" - L.: "so coole leute zum kennenlernen". Ein weiteres Beispiel kommt aus einer Talkshow, in der der Moderator Johannes B. Kerner die Autorin Charlotte Roche fragt, von wem sie auf ihr neues Buch angesprochen wird: "So auch auf der Straße kommen die Leute, oder sind das hauptsächlich Journalisten?"

In beiden Fällen wird "so" als Fokusmarker verwendet: Es trägt keine inhaltliche Bedeutung, sondern markiert jeweils die Ausdrücke, die die wichtige, besonders hervorzuhebende Information liefern, nämlich "coole Leute" im ersten und "auch auf der Straße" im zweiten Beispiel. Die Entwicklung, die wir für "so" in Kiezdeutsch beobachten, ist somit kein isoliertes Phänomen, sondern hier nur besonders augenfällig: Kiezdeutsch baut eine Option systematisch aus, die auch in anderen Varianten des Deutschen genutzt wird.

Ein ganz ähnliches Phänomen wie im Fall von "so" ist übrigens für eine verwandte germanische Sprache, nämlich das Englische, beobachtet worden, und zwar für den Ausdruck "like", der ja teilweise eine ähnliche Bedeutung wie "so" hat und interessanterweise ebenfalls als Quotativmarker benutzt werden kann ("I was like, What's going on here?"). Im nordamerikanischen Englisch wird "like" - ganz ähnlich wie "so" in Kiezdeutsch - als Fokusmarker verwendet und kann - wie "so" - in dieser Funktion an Stellen auftreten, an denen es im Standardenglischen nicht erwartet würde, zum Beispiel in "She's like really smart."[9]

Das bedeutet nicht, dass die Verwendung von "so" als Fokusmarker eine Entlehnung aus dem Englischen ist. Der Fall von "like" zeigt, dass die Entwicklung von Fokusmarkern in germanischen Sprachen möglich ist und dass mit der Verwendung von "so" in Kiezdeutsch eine Option realisiert wird, die keinen Einzelfall darstellt, aber das bedeutet nicht, dass für diese Entwicklung ein Einfluss des Englischen nötig war.

Ebenso sind auch die anderen grammatischen Neuerungen in Kiezdeutsch, wie wir gesehen haben, im System des Deutschen verankert und nicht etwa auf Einflüsse aus dem Türkischen oder Arabischen zurückzuführen: Kiezdeutsch ist ein Dialekt des Deutschen, der - wie andere Dialekte auch - die grammatischen Möglichkeiten unserer Sprache weiterentwickelt.

Fußnoten

8.
Vgl. Heike Wiese, "Ich mach dich Messer": Grammatische Produktivität in Kiez-Sprache, in: Linguistische Berichte, 207 (2006), S. 245 - 273.
9.
Robert Underhill, Like is, like, focus, in: American Speech, 63 (1988), S. 234 - 246.

Joachim Scharloth

Revolution der Sprache?

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