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Gefangenensubkulturen


8.2.2010
Der Beitrag befasst sich mit Erscheinungsformen der Gefangenensubkulturen in den Justizvollzugsanstalten. Herausgearbeitet sind die dort Sicherheit und Ordnung beeinträchtigenden mit den Subkulturen verbundenen Problembereiche.

Einleitung



Als Reaktionen auf den Freiheitsentzug und zur Bewältigung der mit der Inhaftierung verbundenen Lebenssituation existieren in den Justizvollzugsanstalten (JVAen) subkulturelle Gegenordnungen mit spezifischen Normen, einer gewissen Organisation und besonderen Gebräuchen.[1] Die Subkulturen stellen Teilsysteme innerhalb des umfassenderen Gesamtsystems einer Anstalt dar. In ihnen können die einzelnen Gefangenen verbotene Mittel anwenden, unerlaubte Ziele verfolgen, die Erwartungen des offiziellen Vollzugsstabs hinsichtlich ihrer Person umgehen und dadurch eine gewisse Freiheit in Unfreiheit erlangen.






Entstehungsbedingungen und Erscheinungsformen der Gefangenensubkulturen gehörten in Deutschland zu den eher vernachlässigten Bereichen der Strafvollzugswissenschaft. Vor allem Gewalttätigkeiten unter Inhaftierten wurden lange Zeit kaum öffentlich wahrgenommen und unter wissenschaftlichen Aspekten nur wenig thematisiert. Erst seit relativ kurzer Zeit beziehen sich auch bei uns vermehrt Forschungsprojekte auf subkulturelle Handlungsweisen von Gefangenen. Es waren im Wesentlichen die Ereignisse im Jugendstrafvollzug der JVA Siegburg in der Nacht vom 11. auf den 12. November 2006, die das Thema der Subkulturen im Strafvollzug ins Blickfeld einer breiteren Öffentlichkeit - insbesondere der Medienöffentlichkeit - rückten. In der nordrhein-westfälischen JVA waren zum fraglichen Zeitpunkt vier junge Gefangene in einem etwa 20 Quadratmeter großen Haftraum untergebracht. Ohne jeglichen äußeren Anlass misshandelten drei von ihnen über Stunden hinweg den vierten Gefangenen und missbrauchten ihn sexuell. Schließlich beschlossen sie, ihn zu töten. Nach vier misslungenen Versuchen mit diversen Elektrokabeln erhängten sie ihn mit einem aus Bettlaken gedrehten Strick. Die mediale Berichterstattung über diesen Fall führte zur "Entdeckung" der vollzuglichen Subkulturen und ihrer Erscheinungsformen.

Es kann ausgeschlossen werden, dass es eine ganz spezifische Anstaltsgesellschaft mit gänzlich übereinstimmenden formellen und informellen Normen und Werten gibt, in die Verurteilte sich im Verlauf ihres Anstaltsaufenthalts einem bestimmten Verhaltenstypus gemäß einfügen. Die Entzugssituation der Inhaftierung löst vielmehr individuell unterschiedliche Mechanismen aus, zu denen auch die Bildung informeller Subsysteme oder der Anschluss an solche gehört. Inwieweit eine Anpassung der einzelnen Inhaftierten an solche Systeme erfolgt, hängt auch von der jeweiligen Biographie ab. Die Vielfältigkeit der Ursachen des menschlichen Verhaltens - und auch das der Reaktionen auf Konflikt- und Stresssituationen - stellt modellhafte typische Rollenbeschreibungen von Strafgefangenen in Frage. Dennoch sind personenunabhängig und anstaltsübergreifend bestimmte Erscheinungsformen von Gefangenensubkulturen festzustellen. Vordergründig zeigt sich die Anstaltssubkultur etwa bei illegalen Kauf- und Tauschgeschäften in den Vollzugseinrichtungen. Dabei ist das Schwarzmarktgeschehen wiederum gekennzeichnet von subkulturellen Gegenleistungen (Übermittlung von Nachrichten, sexuelle Hingabe, Einschmuggeln verbotener Gegenstände), wobei das Eintreiben der illegalen Schulden von Gefangenen mit Nachdruck betrieben wird.[2] Zu den offen erkennbaren Ausdrucksformen subkultureller Aktivitäten zählen ferner die knasttypischen Tätowierungen.[3] Die Anstaltssubkultur zeigt sich ferner im Sprachgebrauch der Strafgefangenen. Die Inhaftierten bilden eine rund um die Uhr in der Einrichtung anwesende, von der Außenwelt mehr oder weniger abgeschottete Sprachgemeinschaft. Diese pflegt mit der Knastsprache einen eigenen Wortschatz, wobei ihr auch eine Einheit stiftende Funktion im Sinne eines Zusammengehörigkeitsgefühls zukommt.[4] Bezogen auf die Sicherheit und Ordnung in den JVAen liegen die eigentlichen Problemfelder jedoch vor allem in der Herausbildung von Rangordnungen in den Einrichtungen. Hinzu kommen Gruppenbildungen. Geprägt sind die Aktivitäten auf der subkulturellen Ebene zudem ganz wesentlich durch die vollzugliche Suchtproblematik.


Fußnoten

1.
Dazu Klaus Laubenthal, Erscheinungsformen subkultureller Gegenordnungen im Strafvollzug, in: Thomas Feltes/Christian Pfeiffer/Gernot Steinhilper (Hrsg.), Kriminalpolitik und ihre wissenschaftlichen Grundlagen. Festschrift für Hans-Dieter Schwind, Heidelberg 2006, S. 593-602.
2.
Vgl. Ralf Kölbel, Strafgefangene als Eigentümer und Vertragspartner, in: Strafverteidiger, 19 (1999) 9, S. 498-507.
3.
Vgl. Klaus Pichler, Tätowieren als Element der Gefängniskultur, in: Kai Bammann/Heino Stöver (Hrsg.), Tätowierungen im Strafvollzug, Oldenburg 2006, S. 145-159.
4.
Vgl. Klaus Laubenthal, Lexikon der Knastsprache, Berlin 2001.

 

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