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25.1.2010 | Von:
Werner Rösener

Landwirtschaft und Klimawandel in historischer Perspektive

Ausweitung der Weinbaugrenzen

Inwieweit kann der Weinbau, der auf warme Temperaturen angewiesen ist, als Indikator der hochmittelalterlichen Wärmegunst im nordalpinen Raum dienen? Zahlreiche Studien zur Verbreitung des Weinbaus konnten aufzeigen, dass Wein im Hochmittelalter nicht nur in den alten Anbaugebieten an Mosel und Rhein in Lagen bis zu 200 Metern oberhalb der heutigen Weinbaugrenze erzeugt wurde, sondern auch weit im Norden bis nach Holstein und Ostpreußen sowie in England und im südlichen Skandinavien.[15] Die mittelalterlichen Nordgrenzen des Weinbaus sind teilweise zu Beginn des 21. Jahrhunderts im Umfeld einer neuen Warmphase wieder erreicht worden, wie in den Medien spektakulär berichtet wurde.

Die Weinrebe gehört zu denjenigen Kulturpflanzen, bei denen Klima und Witterung eine große Rolle spielen. Ihren hohen Ansprüchen kann der Weinbau in nördlichen Breiten daher nur an günstigen Standorten gerecht werden.[16] Weinbau deutet darauf hin, dass Nachtfröste im Frühjahr selten sind und die Sonnenscheindauer im Sommer und Herbst ausreichend ist, um Wein zu erzeugen. Die jährlichen Qualitätsunterschiede einzelner Weinsorten zeugen von der Relevanz des Klimafaktors für den Weinbau, zumal alle menschlichen Bemühungen darauf gerichtet sind, optimale Qualität zu garantieren. Über die Anforderungen an das Klima sind allerdings eindeutige Aussagen schwierig. Anhand von Temperaturskalen und Mittelwerten wurde zwar immer wieder versucht, klare Anbauregeln für Reben festzulegen und Grenzwerte für ihre Verbreitung herauszuarbeiten, aber dies hatte nur partiell Erfolg.

Wie sehr verschob sich die nördliche Weinbaugrenze während der Warmphase des Hochmittelalters? Ausgehend von den spätrömischen Rebanlagen an Mosel und Rhein hatte sich der Weinbau bereits in der Karolingerzeit vom linksrheinischen Raum auf die Gebiete rechts des Rheins ausgebreitet. Eine vermehrte Anlage von Weinbergen ist in Mitteleuropa vor allem seit dem 11. Jahrhundert zu registrieren.[17] Vom 11. bis zum 13. Jahrhundert verdichtete sich die Rebkultur nicht nur im Rheinland, sondern auch im Elsass, auf der rechten Seite des Oberrheins und in den innerschwäbischen Regionen. Bis um 1300 wurden auch das Maingebiet und der angrenzende Raum für die Weinrebe erschlossen, so dass der Weinbau hier im 14. Jahrhundert bereits sein späteres Verbreitungsgebiet erreichte.

Im Bereich von Saale und Unstrut, im Thüringer Becken und im Elbtal hatte sich der Weinbau ebenfalls ausgedehnt. Von den älteren Weinbauregionen aus war der Weinbau während des Hochmittelalters auch in klimatisch weniger begünstigte Anbaugebiete transferiert worden, etwa in die Eifel und nach Westfalen. Nach Norden hin drang der Weinbau bis Schleswig-Holstein, Mecklenburg und Ostpreußen vor. In Polen wird Weinbau bereits im 13. Jahrhundert an der unteren Nida erwähnt; in anderen Teilen Polens werden Rebanlagen in Posen und Plock genannt. Im Gebiet des Deutschen Ritterordens gab es Weinberge vor allem in der Gegend von Rastenburg, Leunenburg und Thorn.[18] Detaillierte Studien zu den Weinbauregionen in Nord- und Ostdeutschland haben ergeben, dass sich die Rebpflanzen auf ausgesuchten Flächen im Umkreis von Städten, Klöstern und Kirchen zur Deckung des Eigenbedarfs konzentrierten.

Fußnoten

15.
Vgl. Wilfried Weber, Die Entwicklung der nördlichen Weinbaugrenzen in Europa, Trier 1980; Helmut Hahn, Die deutschen Weinbaugebiete, Bonn 1956.
16.
Vgl. Alois Gerlich (Hrsg.), Weinbau, Weinhandel und Weinkultur, Stuttgart 1993.
17.
Vgl. W. Weber (Anm. 15), S. 15 - 24.
18.
Vgl. Janusz Tandecki, Weinbau im mittelalterlichen Preußen, in: Beiträge zur Geschichte Westpreußens, 12 (1991), S. 83 - 99.