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16.12.2009 | Von:
Norbert Kersting

Gesellschaftliche Teilhabe, Identität und Fremdenfeindlichkeit in Südafrika

Gewalttätige politische Demonstrationen in Südafrikas Armensiedlungen sind Resultat der eklatanten sozialen Ungleichheit, aber auch das Produkt eines starken Nationalismus. Kann die Fußball-WM zur Problemlösung beitragen?

Einleitung

Im Mai 2008 zog eine Welle der Gewalt gegen Ausländer durch ganz Südafrika. Sie startete in der Armensiedlung in Johannesburg und erreichte in den folgenden Wochen über verschiedene Marginalsiedlungen im Norden des Landes die Metropole Kapstadt. Die Attacken und Vorfälle blieben beschränkt auf die Schwarzensiedlungen. Vor diesem Hintergrund wurden die Vorfälle vor allem als Afrophobie und weniger als Xenophobie charakterisiert. Wie verträgt sich diese Gewalt gegen Ausländer mit dem dominanten Bild der Regenbogennation (Rainbow Nation)? Im Postapartheidregime wurden Konflikte zumeist als Auseinandersetzungen zwischen Bevölkerungsgruppen mit verschiedener Hautfarbe angesehen. In der schwarzen Bevölkerung wurde eine Renaissance afrikanischer Werte und Panafrikanismus propagiert. Insbesondere afrikanische Solidarität und Ubuntu ("Ich bin, weil Du bist") standen hoch auf der Agenda.[1] War diese Renaissance afrikanischer Werte wie auch die "Regenbogennation" lediglich eine Marketingkampagne, die keine Breitenwirkung hatte?






Die Regierungskampagnen gegen Rassismus und die Vorstellung des damaligen Präsidenten Thabo Mbeki von einer afrikanischen Renaissance scheinen eher ein Elitekonzept zu sein, das in den Armensiedlungen nicht aufgegriffen wird. Der häufig propagierte Geist Afrikas (Spirit of Africa), basierend auf einem ausgeprägten Panafrikanismus, scheint in den schwarzen "Townships" auf Widerstand zu stoßen. Oder sind die ausländerfeindlichen Ausschreitungen lediglich das Resultat der weiterhin bestehenden starken sozialen Ungleichheit und eine Reaktion auf die mangelhaften sozialpolitischen Maßnahmen im Wohnungsbau, Bildungs- und Gesundheitsbereich sowie in der lokalen Infrastrukturversorgung?

Politische Beteiligung wird vielfach als Teilnahme an Wahlen einerseits und als Abhaltung symbolischer oder gewalttätiger Demonstrationen andererseits charakterisiert. Letztere gelten als Mittel, um sich politisch Gehör zu verschaffen. Bietet Südafrika in seinem Quasi-Einparteiensystem[2] neben den oft als unzureichend empfundenen Wahlen keine anderen Beteiligungsformen, um Protest zu kanalisieren? Haben die urbanen Armen neben dem Wahlakt nur die Möglichkeit des massiven gewalttätigen Protests (brick or ballot - "Stein oder Stimmzettel")?

Im Folgenden wird untersucht, ob die ausländerfeindlichen Ausschreitungen in einem direkten Zusammenhang mit einem latenten Nationalismus stehen. Nationale Identität ist für den Prozess der Nationenbildung (nation building) und den sozialen Zusammenhalt in Südafrika wichtig. Er kann aber auch ausländische Randgruppen ausgrenzen und zu Opfern machen. Bestehen Möglichkeiten, einen friedlichen Patriotismus zu etablieren, der das Zusammenleben mit ausländischen Migrantinnen und Migranten ermöglicht? Bietet hierfür die Fußballweltmeisterschaft 2010 besondere Chancen?[3]

Untersuchungen von Donald Horowitz zufolge gibt es für das Ausbrechen von gewalttätigen, fremdenfeindlichen Ausschreitungen vier relevante Faktoren.[4] Erstens und vor allem spielen ethnische Antagonismen, also Spannungen zwischen ethnischen Gruppen, eine Rolle. Zweitens sind Ausschreitungen in der Regel die Antwort auf bestimmte reale oder medial konstruierte Ereignisse. Drittens wird nach einer vernünftigen Rechtfertigung für die Gewalt gesucht, und viertens findet Gewalttätigkeit vor allem in risikolosen Situationen statt, in denen der "Mob" nicht Gefahr läuft, zur Rechenschaft gezogen zu werden.[5] In der Analyse der Protestwellen und der Erhebungen zur Identität sowie zur Fremdenfeindlichkeit sollen diese Thesen im Folgenden im Hinblick auf Südafrika untersucht werden.

Fußnoten

1.
Vgl. Malegapuru William Makgoba (ed.), African Renaissance, Cape Town 1999.
2.
Zum Parteiensystem siehe den Artikel von Helga Dickow in dieser Ausgabe.
3.
Vgl. Norbert Kersting, Sport and National Identity. A comparison of 2006 and 2010 Fifa World Cup, in: Politikon, 3 (2007), S. 277 - 294.
4.
Vgl. Donald Horowitz, The Deadly Ethnic Riot, Berkeley 2001.
5.
Vgl. Henri Tajfel/John C. Turner, An Integrative Theory of Intergroup Conflict, in: William G. Austin/Stephen Worchel (eds.), The Social Psychology of Intergrup Relations, Monterey 1979, S. 33 - 47.

Afrika - Länder und Regionen
Informationen zur politischen Bildung (Heft 302)

Afrika – Länder und Regionen

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