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16.12.2009 | Von:
Heike Becker

Kids of the Rainbow Nation: Blicke in die junge südafrikanische Gesellschaft

HIV/Aids und Gender

In Universitätsseminaren ist von den angesprochenen Bedrohungsängsten selten etwas zu hören. Dort präsentieren sich die Studierenden zumeist selbstbewusst. Wenn man aber genauer hinhört, zeigen sich vor allem bei vielen jungen Männern Bruchstellen und Verletzlichkeiten.

Der südafrikanische gender-Spezialist[15] Robert Morell argumentiert, dass die Ängste junger Männer zum einen globalen Entwicklungen geschuldet seien, vor allem dem Verlust von Tausenden von Arbeitsplätzen seit dem Ende der Apartheid. Zum anderen habe der historische Umbruch in Südafrika neue Unsicherheiten hervorgerufen: Unter anderem fordere die - zumindest rhetorisch - ungewöhnlich radikale und seit 1996 in der Verfassung verankerte Politik der Geschlechtergleichstellung die Männer zu neuem Verhalten heraus. Morell schreibt, dass zwei Grundformen von Reaktionen zu beobachten seien: Einerseits reagierten Männer mit zunehmender sozialer Gewalt untereinander und vor allem mit geschlechterspezifischer Gewalt gegen Frauen. Andererseits hätten sich auch hoffnungsträchtige neue Formen von männlichem Selbstverständnis entwickelt.[16] Unter den Studenten der UWC lassen sich in der Tat beide Reaktionen beobachten.

Im Hinblick auf Geschlechterverhältnisse werden in Südafrika häufig zwei soziale Probleme genannt: die bereits erwähnten gewalttätigen Beziehungen und die hohe Rate von HIV-Infizierten bzw. an Aids Erkrankten. Von HIV/Aids sind besonders junge Frauen im Alter von 15 bis 24 Jahren betroffen, vor allem dann, wenn sie sexuelle Beziehungen mit älteren Männern eingehen, in denen sie wenig zu sagen haben. Dies wird auch gelegentlich als ein Problem von Studentinnen berichtet, die an der UWC die Mehrheit (60 %) der Studierenden stellen.

Wenngleich Statistiken über sexuelle und interpersonelle Gewalt notorisch unzuverlässig sind - in Südafrika wie anderswo -, kann kein Zweifel darüber bestehen, dass die vorgestellte und reale Bedrohung durch Gewalt ein allgegenwärtiges Phänomen ist. "Violence is everywhere", beschrieb eine Studentin ihren Alltag außerhalb, aber auch innerhalb der Universität. Eine andere Studentin berichtete, dass sie eines Abends im Wohnheim Ohrenzeugin wurde, wie ihre Zimmernachbarin von ihrem Freund geschlagen wurde, aber dass sie nicht eingreifen wollte, weil sie befürchtete, dann selbst zum Opfer zu werden. Erzwungener Geschlechtsverkehr ist an der UWC kursierenden Gerüchten zufolge ein beinahe alltägliches Vorkommnis in den Wohnheimen, von dem besonders Erstsemesterinnen betroffen sind. Trotz aller Gleichstellungspolitik scheinen auch nach 1994 viele Studierende alte Stereotype von geschlechtstypischem Verhalten verinnerlicht zu haben, die junge Frauen zu Unterwürfigkeit und ihre männlichen Kommilitonen zu macho-bravado anhalten.[17]

Es gibt unter jungen Südafrikanern aber auch andere Ansätze von Geschlechterbeziehungen, die sich gerade in der Auseinandersetzung mit der HIV/Aids-Epidemie entwickelt haben. Die neueste, großangelegte Studie zeigt, dass trotz der insgesamt immer noch extrem hohen Infektionsrate (über 15 Prozent der 15 - 49-Jährigen) der Anteil der Infizierten unter den Jugendlichen (15 - 24 Jahre) von 10,3 Prozent im Jahre 2005 auf 8,6 Prozent im Jahr 2008 zurückgegangen ist. Besonders ausgeprägt war der Rückgang unter den Teenagern (15 - 19 Jahre).[18]

Während lange Zeit die meisten HIV-Kampagnen den Virus mit einem sicheren baldigen Tod und oft genug auch mit mangelhafter Sexualmoral assoziiert haben, sind in den vergangenen Jahren neue Ansätze entwickelt worden, um das Problem zu thematisieren. In Bezug auf Jugendliche ist hier besonders die Organisation LoveLife bedeutsam, die mit Medienkampagnen und anderen Aktivitäten 79,1 Prozent der Südafrikanerinnen und Südafrikaner im Alter von 15 bis 24 Jahren erreicht.[19] LoveLife wurde 1999 mit dem Ziel gegründet, mit innovativen Ansätzen Jugendliche zu Verhaltensänderungen zu bewegen. Zentral dabei ist, dass diese regierungsunabhängige Organisation bewusst nicht als eine öffentliche Gesundheitskampagne wahrgenommen werden will, sondern HIV/Aids nur als Teil ihres Anspruchs versteht, Jugendlichen anspruchsvolle Lebensziele und eine "neue positive Kultur" zu vermitteln. LoveLife stellt sich als Markenname (brand) dar, um die junge Generation anzusprechen, für die Markennamen von Mode oder Mobiltelefonen so wichtig in ihrem Bestreben nach einem "coolen" Lebensstil sind.

Die Grundidee dabei ist, dass junge Leute, die Hoffnung auf ein besseres Leben haben, auch mehr Vorsicht in ihren sexuellen Begegnungen walten lassen. Initiativen wie LoveLife oder auch die bei Jugendlichen populäre Fernsehserie "Yizo Yizo" zeigen der Kwaito-Generation, wie die heutigen Jugendlichen oft nach dem populären südafrikanischen Musikstil gleichen Namens genannt werden, alternative Lebensentwürfe auf. Sie propagieren - was für die vor 1994 extrem puritanische südafrikanische Gesellschaft ganz erstaunlich ist - öffentlich Ideen von freier Sexualität, einschließlich gleichgeschlechtlicher Beziehungen und verbinden "sexuellen Dialog" mit einem "positiven Lebensstil". Nach dem Motto "Lasst uns über Sex reden!" fordern sie die Jugendlichen auf, verantwortungsbewusste Entscheidungen über ihr Leben und ihre Zukunft zu treffen ("Sex nur mit Kondom"; "Lasst Euch testen, damit Ihr wisst, was Sache ist"). Trotz des Aufklärungscharakters dieser Kampagnen steht bei ihnen der Spaßfaktor im Vordergrund.

Fußnoten

15.
Im Folgenden verwende ich den englischen Begriff gender für Geschlechteridentitäten und -praktiken.
16.
Vgl. Robert Morrell, The New Man?, in: Agenda, 37 (1998), S. 7-12.
17.
Vgl. Bridgett Sass, Coping with Violence: Institutional and Student Responses at the University of the Western Cape, Bellville 2005 (MA dissertation).
18.
Vgl. Olive Shisana u.a., South African National HIV Prevalence, Incidence, Behaviour and Communication Survey 2008: A Turning Tide Among Teenagers?, Cape Town 2009, S. xvii.
19.
Vgl. ebd., S. 59.

Afrika - Länder und Regionen
Informationen zur politischen Bildung (Heft 302)

Afrika – Länder und Regionen

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