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Erkenne Dich selbst: Frauen - Mütter - Emanzipation - Essay


7.9.2011
Der spezifisch (west-)deutsche Glaube, Kinder gediehen einzig und allein unter der Vollzeitfürsorge einer liebenden Mutter, und das daran gekoppelte Diktum der Unvereinbarkeit von Kind und Karriere sind Irrtümer, die einen hohen Preis fordern.

Einleitung



Erkenne Dich selbst - das, so meinte schon der alte Sokrates - sei das höchste Ziel aller intellektuellen Bestrebungen. Schon daran sieht man, dass das mit der Selbsterkenntnis nicht so leicht ist. Selbsterkenntnis ist aber die Bedingung der Möglichkeit für Veränderung. Wir verkennen uns etwa selbst - und zwar gründlich - wenn wir unsere kulturellen Prägungen für natürlich halten; ein Irrtum, der im Moment in der Luft liegt. Besonders gern halten wir kulturelle Prägungen für in der Natur der Sache liegend, wenn es um das scheinbar Natürlichste der Welt, nämlich um Kinderkriegen und Kindererziehung geht. Hier scheint Mutter Natur höchst persönlich zu dekretieren, was für unsere Kinder gut und was für sie schlecht ist. Sich ihren Anordnungen zu widersetzen, würde auf Kosten unserer Kinder gehen.

Alle Umfragen belegen es in nun fast schon ermüdender Regelmäßigkeit immer wieder neu, dass wir in Deutschland - und besonders in Westdeutschland - ein Wissen haben, das dem Rest der Welt verborgen geblieben ist. Ich zitiere aus der lakonischen Zusammenfassung der letzten Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach zum leidigen Dauerbrenner Vereinbarkeit von Familie und Beruf: "Die westdeutsche Bevölkerung hat eine völlig andere Einstellung zur Fremdbetreuung von Kindern als die ostdeutsche oder die französische Bevölkerung. Den Zeitpunkt, von dem an Kinder unbesorgt in eine Betreuungseinrichtung gegeben werden können, setzt die westdeutsche Bevölkerung bei knapp drei Jahren an, die ostdeutsche bei anderthalb Jahren, die französische Bevölkerung vor der Vollendung des ersten Lebensjahrs. In Ostdeutschland wird die ganztägige Betreuung von Kindern im Hort oder in der Schule von 60 Prozent der Eltern positiv gesehen, in Westdeutschland nur von 24 Prozent."[1]

Nichts scheint uns, die Westdeutschen, in der Überzeugung, dass es Kleinkindern schadet, wenn die Mutter sich nicht höchstpersönlich 24 Stunden lang um sie kümmert, erschüttern zu können. Alle Umfragen kommen hier einmütig zum selben Ergebnis. Der Gender-Datenreport des Familienministeriums Ende 2005 wartete mit folgenden Daten auf: 70 Prozent der westdeutschen Männer und 56 Prozent der westdeutschen Frauen im Alter zwischen 16 und 29 Jahren stimmen der Aussage zu: "Ein Kleinkind wird sicherlich darunter leiden, wenn die Mutter berufstätig ist."[2]

Da aber nicht davon auszugehen ist, dass die deutsche Natur von der dänischen oder der französischen grundsätzlich verschieden ist und andere unumstößliche Wahrheiten verkündet, sollten wir diese Fiktion von der Stimme der Natur vielleicht aufgeben. Denn in Dänemark oder Frankreich werden die Kleinkinder in der allergrößten Mehrheit "fremdbetreut" - und kein Mensch glaubt, dass sie darunter leiden. Im Gegenteil. Man hält das für förderlich. In Dänemark werden 78 Prozent der ein- bis zweijährigen Kleinkinder ganztägig in Krippen betreut, in Frankreich sind es 30 Prozent (das liegt am hohen Prozentsatz der assistance maternelle, der Tagesmütter und der Au-pair-Mädchen, die oft die Kinder bis zum dritten Lebensjahr betreuen) - und in Westdeutschland 2,5 Prozent.[3] Sie, diese Kinder, weisen nicht die Symptome auf, die einem hierzulande mit drohend besorgter Stimme angekündigt werden, sollte man sich für die frühe "Fremdbetreuung" und sogar ganztägige Betreuung entscheiden. Die Dänen oder Franzosen, die jetzt um die 30, 40 Jahre alt und bereits zu großen Prozentsätzen "fremdbetreut" worden sind, sind nicht neurotischer als die Deutschen gleichen Alters; sie sind nicht flächendeckend beziehungsgestört und haben nicht mehr Schlafstörungen oder Aufmerksamkeitsdefizite als auch sonst üblich. Also sollten wir unsere tiefsten Überzeugungen, die wir für schlechthin natürlich halten, überprüfen.


Fußnoten

1.
Renate Köcher, Allensbach-Analyse. Junge Frauen - Wirklichkeit und symbolische Politik, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 24.2.2011, online: www.faz.net/artikel/C30923/allensbach-analyse-junge-frauen-wirklichkeit-und-symbolische-politik-30328540.html (24.7.2011).
2.
Vgl. Waltraud Cornelißen/Christian Dressel/Karin Wolf, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, in: Waltraud Cornelißen (Hrsg.), Gender-Datenreport. 1. Datenreport zur Gleichstellung von Frauen und Männern in der Bundesrepublik Deutschland im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, München 2005, S. 278-356, hier: S. 307.
3.
Vgl. Barbara Vinken, Die deutsche Mutter. Der lange Schatten eines Mythos, erweiterte und aktualisierte Ausgabe, Frankfurt/M. 2007, S. 14.