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7.9.2011 | Von:
Barbara Vinken

Erkenne Dich selbst: Frauen - Mütter - Emanzipation - Essay

Fehlende Gleichheit der Geschlechter

Wir verkennen uns selbst und die Sachlage genauso gründlich, wenn wir annehmen, dass die Geschlechterverhältnisse in Deutschland emanzipiert wären - was die meisten so selbstverständlich wie irrtümlich tun. Das können wir jedenfalls nur dann annehmen, wenn wir einen grundsätzlich anderen Begriff von Emanzipation haben, als den, der im Rest der Welt üblich ist. Grob gilt international, dass ein geschlechtsunabhängiger Zugang zu Macht, Geld und Autorität emanzipierte Zustände charakterisiert. Und dass sich das in den Löhnen, in den Karrieren, in den sozialen Sicherungssystemen, kurz: in einer finanziellen Angleichung zwischen Männer- und Frauenlöhnen niederschlägt.

Nun haben die Frauen in Deutschland die Männer bei den Bildungsabschlüssen zwar mittlerweile eingeholt oder sie sogar überholt. Das hat sich aber in ihren Karrieren nicht signifikant niedergeschlagen. Denn zwar arbeiten deutlich mehr Frauen als vor 30 Jahren, die Erwerbsquote ist stark gestiegen, das weibliche Arbeitsvolumen hat aber kaum zugenommen und somit ist auch keine signifikante Verbesserung der weiblichen Karrieren zu verzeichnen.[5] So liegt man in Deutschland, was den Verdienstunterschied zwischen Frauen und Männern angeht, deutlich über dem europäischen Durchschnitt; der Prozentsatz weiblicher Mitglieder in Aufsichtsräten sieht nicht besser aus. Unter den 49 durch den European Research Council (ERC) geförderten Spitzenforschern in Deutschland befand sich 2010 eine Frau[6] - unsere europäischen Nachbarn haben da ganz andere Zahlen. Diese Beispiele sind willkürlich herausgegriffen und die Liste ließe sich beliebig verlängern.

Beides - fehlende Gleichheit der Geschlechter und die Vorstellung davon, wie die Kinder erzogen werden sollen - hängen zusammen. Im Fachjargon heißt das, dass der deutsche Arbeitsmarkt sich durch extreme Geschlechtersegregation von den europäischen Arbeitsmärkten unterscheidet. Sprich: Frauen und Männer haben hierzulande zum einen ganz unterschiedliche Karrierewege und sie wählen zum anderen "typisch weibliche" und "typisch männliche" Berufe.

Der den Arbeitsmarkt in Deutschland im Gegensatz zu allen europäischen Ländern am stärksten segregierende Faktor ist die lange Babypause und die darauf folgende Teilzeit, in der so gut wie ausschließlich Frauen arbeiten: "Ein 'typisch weiblicher' Berufsweg ist meist von mehrjährigen Unterbrechungen geprägt, nach denen viele Frauen nicht mehr in eine Vollzeiterwerbstätigkeit zurückkehren. 84 Prozent der Mütter unter 45 Jahren haben ihre Berufstätigkeit einmal oder wiederholt unterbrochen, um ihre Kinder zu betreuen, von den Vätern unter 45 Jahren hingegen nur knapp 10 Prozent."[7] Der Prozentsatz von Frauen, die zwischen dem 25. und dem 45. Lebensjahr, der entscheidenden Phase im Berufsleben, in Teilzeit arbeiten, ist mehr als dreimal so hoch wie der von Männern der gleichen Altersgruppe.[8] In Teilzeit macht man keine Karriere, und in typisch weiblichen Berufen verdient man schlecht.

Dennoch strebt die Mehrheit der Frauen sehenden Auges weiterhin eine Teilzeitstelle an: "Trotz der gestiegenen Erwerbsquote und Berufsorientierung von Frauen ist die Vollzeitberufstätigkeit in Deutschland auch heute lediglich das Ideal einer Minderheit."[9] Knapp 60 Prozent der Frauen bis zu 45 Jahren hält die Verbindung von Mutterrolle und Teilzeitbeschäftigung für ideal.[10] Also keine Karriere zu machen, auf einen Mann als Hauptverdiener angewiesen zu sein, in dessen finanzielle Abhängigkeit man sich begibt und sich bei einer Scheidung - in Westdeutschland ein Risiko von über 40 Prozent[11] - oft in einer finanziell prekären Situation wiederzufinden.

Und warum? Weiblicher Masochismus? Angst vor der sogenannten Doppelbelastung? Schlichte Feigheit, Kneifen vor der Bewährung im Beruf, Faulheit? Frau hat ja im Studium bewiesen, dass sie sowieso klüger als die Jungs ist, warum sich jetzt noch ein Bein ausreißen? Lust daran, sich von einem Mann ausgehalten zu wissen? Die Allensbach-Umfrage weiß es besser: "Diese Präferenzen gründen nicht nur in der Sorge, sich selbst zwischen einer Vollzeitstelle und der Mutterrolle zu überfordern, sondern auch in der weitverbreiteten Überzeugung, dass eine stärkere Berufsorientierung von Frauen zu Lasten der Kinder geht."[12] All das also eines Irrglaubens wegen.

Fußnoten

5.
Vgl. R. Köcher (Anm. 1).
6.
Vgl. ERC Advanced Grant 2010. Outcome: Indicative statistics, online: http://erc.europa.en/pdf/Statistcs_AdG2010.pdf (24.8.2011).
7.
R. Köcher (Anm. 1).
8.
Vgl. ebd.
9.
Ebd.
10.
Vgl. ebd.
11.
Vgl. BMFSFJ (Anm. 4), S. 116.
12.
R. Köcher (Anm. 1).