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30.6.2011 | Von:
Jana Puglierin
Christoph Schwarz

Das Ende der amerikanischen Supermacht nach "9/11"?

Einfluss des 11. September

Schließlich wird auf einen fahrlässigen Umgang mit der amerikanischen Ausnahmestellung und schwerwiegende politische und strategische Fehler der amerikanischen Regierung nach den Anschlägen des 11. September 2001 verwiesen. Insbesondere der Krieg gegen den Irak im Jahr 2003 wird kritisch gesehen: ein insgesamt "expensive war of choice - militarily, economically and diplomatically as well as in human terms".[16]

Die amerikanische Führung hat damit nicht nur einen strategischen Fehler im Rahmen des Global War on Terror unternommen, weil der Irak-Krieg den Verfolgungsdruck von Al Qaida nahm und dem Terrornetzwerk zudem einen vielversprechenden neuen Operationsraum bot. Schlimmer noch: Die USA haben mit dieser Entscheidung auf einen Schlag jene weltweiten Sympathien verspielt, die ihnen unmittelbar nach den verheerenden Anschlägen von New York und Washington zuteilgeworden waren. Damit wurde auch die Möglichkeit verschenkt, die eben nicht nur auf traditionelle Verbündete beschränkte Solidarität mit Amerika dazu zu nutzen, um das Bild vom "wohlwollenden Hegemon" global zu stärken.

Mit der Entscheidung, in das Zweistromland einzumarschieren, wurde hingegen das genaue Gegenteil erreicht: Amerika wurde als neoimperiale Macht wahrgenommen, die ihre Interessen ohne Rücksicht auf das Völkerrecht und die Interessen anderer Akteure verfolgte.[17]

Die "normative Autorität" der USA lag nicht nur aufgrund des Irak-Krieges selbst "in Trümmern"[18] - die Einrichtung des Gefangenenlagers in Guantanamo und die Exzesse im irakischen Gefängnis von Abu Ghraib haben dem weltweiten Ansehen Amerikas weiteren nachhaltigen Schaden zugefügt. Denn mehr noch als der Irak-Krieg, der einer kleinen Gruppe von Entscheidungsträgern zur Last gelegt werden konnte, werfen beide Fälle in der Tat die grundsätzliche Frage nach dem amerikanischen Werterelativismus im "Krieg gegen den Terror" auf.[19] Ein Staat, der systematisch zu Folter und Erniedrigung greift, kann schwerlich darauf hoffen, weltweite Führung und Gefolgschaft zu beanspruchen.

Der "Krieg gegen den Terror" hat jedoch nicht nur der moralischen Autorität der USA nachhaltig geschadet, er hat auch immense personelle und ökonomische Belastungen verursacht. Hierbei ist nicht nur an die unmittelbaren Kosten der beiden Kriege im Irak und in Afghanistan zu denken. Auch die gravierende langfristige Belastung des Staatshaushalts durch Renten- und Versorgungsansprüche der Veteranen ist zu bedenken. Alleine der Irak-Krieg wird inzwischen mit Kosten zwischen einer und zwei Billionen US-Dollar beziffert.[20]

Damit schließt sich der Kreis: Die Schwindel erregenden Kosten dieser Kriege behindern nachdrücklich die Erholung der amerikanischen Wirtschaft ebenso wie dringend notwendige innenpolitische Reformen und tragen damit wesentlich zu Amerikas vermeintlichem Niedergang bei.

Fußnoten

16.
Richard N. Haas, The Age of Nonpolarity. What Will Follow U.S. Dominance, in: Foreign Affairs, 87 (2008) 3, online: www.foreignaffairs.com/articles/63397/richard-n-haass/the-age-of-nonpolarity (8.6.2011).
17.
Vgl. John G. Ikenberry, America's Imperial Ambition, in: Foreign Affairs, 81 (2002) 5, S. 56f.
18.
Jürgen Habermas, Der gespaltene Westen. Kleine Politische Schriften, Frankfurt/M. 2004, S. 34.
19.
Vgl. William Pfaff, Die Befehlskette nach Abu Ghraib, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, (2004) 6, S. 673.
20.
Vgl. Linda Bilmes/Joseph E. Stieglitz, Encore: Iraq Hemorrhage, in: The Milken Institute Review, (2006) 4, S. 76-83.