APUZ Dossier Bild

30.6.2011 | Von:
Jana Puglierin
Christoph Schwarz

Das Ende der amerikanischen Supermacht nach "9/11"?

Weiterhin einzige Weltmacht im Weltmaßstab

Wie ein Blick in die aktuelle Nationale Sicherheitsstrategie der USA zeigt, vertritt auch Präsident Barack Obama nachdrücklich den globalen amerikanischen Führungsanspruch.[21] Und tatsächlich handelt es sich hierbei nicht um eine trotzige Weigerung, das Unvermeidliche zu akzeptieren, sondern es gibt gute Gründe, trotz aller oben genannten Bedenken auf absehbare Zeit von einer fortbestehenden globalen Führungsrolle der Vereinigten Staaten auszugehen.

Zweifellos hat der chinesische Aufstieg die Verhältnisse in Weltwirtschaft und Weltpolitik bereits verändert. Dieser Prozess wird sich auch in den kommenden Jahren fortsetzen. Allein aufgrund beeindruckender ökonomischer Wachstumsraten aber darauf schließen zu wollen, dass die USA ihre Führungsposition in Ökonomie und Politik zwangsläufig verlieren werden, ist kaum zulässig:
  • Erstens ist linearen Trendextrapolationen mit Skepsis zu begegnen: Niemand kann mit Sicherheit sagen, dass China seinen bisherigen Wachstumskurs unendlich fortsetzen kann.
  • Zweitens sagen Ressourcen wenig darüber aus, ob der betreffende Akteur in der Lage ist, die von ihm angestrebten Ergebnisse tatsächlich zu erzielen: Macht ist eben nicht nur die bloße Kontrolle über ein beträchtliches Arsenal an militärischen und nichtmilitärischen Instrumenten, sondern beschreibt die Fähigkeit, diese auch so einzusetzen, dass die verfolgten Ziele erreicht werden.[22]
  • Drittens darf das beeindruckende Wachstum der chinesischen Volkswirtschaft nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese in Bezug auf Pro-Kopf-Einkommen, Ausgaben für Forschung und Entwicklung sowie Bildung deutlich hinter den USA zurückliegt.
  • Viertens haben die Vereinigten Staaten kein demografisches Problem, wie es sich in China als Folge der Ein-Kind-Politik bereits deutlich abzeichnet.
  • Fünftens wird der Rückstand des "Reichs der Mitte" nirgendwo deutlicher als im militärischen Bereich. Josef Joffe hat vorgerechnet, dass die chinesischen Verteidigungsausgaben lediglich bei einem Siebtel des amerikanischen Budgets liegen.[23] Selbst wenn man die notorische Intransparenz der chinesischen Angaben in Rechnung stellt und den Etat deutlich höher ansetzt, klafft immer noch eine immense Lücke. Außerdem hat das vor allem zur See zu beobachtende Erstarken Pekings auf Seiten der Nachbarstaaten bereits zu Misstrauen hinsichtlich der Formel vom "friedlichen Aufstieg" des "Reichs der Mitte" geführt.[24] Es ist gut möglich, dass sich als Folge dieser Entwicklung neue Gelegenheiten für die USA ergeben werden, Allianzen zu knüpfen oder bestehende Verbindungen zu vertiefen, um auf diese Weise den weiteren Machtzuwachs Chinas zu verhindern und die eigene Position zu stärken.
  • Sechstens ist keineswegs ausgemacht, dass China tatsächlich einen alternativen Ordnungsentwurf für das internationale System verfolgt. Vielmehr deutet bisher alles darauf hin, dass es um die Vorteile des bestehenden Systems weiß und deshalb lediglich versucht, seine eigene Position innerhalb des Systems auszubauen. Wenn diese Einschätzung zutrifft, sind die USA in der Tat in einer guten Ausgangsposition, das Umfeld zu gestalten, innerhalb dessen sich Chinas weiterer Aufstieg vollzieht. Durch eine Einbindung Chinas und der anderen BRIC-Staaten (Brasilien, Russland und Indien) könnte Washington damit seinem Führungs- und Gestaltungsanspruch neuerlich Nachdruck verleihen und auf absehbare Zeit der primus inter pares bleiben.[25]


Fußnoten

21.
Vgl. The White House (ed.), National Security Strategy, Washington, D.C. 2010, S. 1.
22.
Vgl. Christopher Layne, The Waning of U.S. Hegemony - Myth or Reality? A Review Essay, in: International Security, 34 (2009) 1, S. 163.
23.
Vgl. Josef Joffe, The Default Power, in: Foreign Affairs, 88 (2009) 5, S. 26.
24.
Vgl. Jan Grebe/Christoph Schwarz, Die maritime Aufrüstung der Schwellenländer: Strategische und friedenspolitische Implikationen, in: Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik et al. (Hrsg.), Friedensgutachten 2011, Münster 2011, S. 324.
25.
Vgl. John G. Ikenberry, The Rise of China and the Future of the West. Can the Liberal System Survive?, in: Foreign Affairs, 87 (2008) 1, S. 23-37.