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30.6.2011 | Von:
Jana Puglierin
Christoph Schwarz

Das Ende der amerikanischen Supermacht nach "9/11"?

Irak und Afghanistan: Moment des amerikanischen Niedergangs?

Bleiben die beiden Kriege im Irak und in Afghanistan als ausschlaggebendes Moment des amerikanischen Niedergangs. Beide Kriege waren und sind mit enormen personellen und finanziellen Kosten verbunden. Sie haben die amerikanischen Streitkräfte an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gebracht und gezeigt, dass auch ein in konventioneller Hinsicht haushoch überlegener Akteur verwundbar für irreguläre und asymmetrische Methoden der Gewaltanwendung ist. Damit hat sich nicht nur aufs Neue bestätigt, dass militärische Überlegenheit keinen politischen Erfolg garantiert. Vielmehr ist darüber hinaus der Respekt vor der amerikanischen Militärmacht ob ihrer augenfällig demonstrierten Verwundbarkeit weltweit gesunken. Demütigende Verhörmethoden, die auch die Anwendung von Folter einschlossen, sowie Kriegsverbrechen wie die Erschießung verwundeter Iraker und schließlich die dramatische Einschränkung ziviler Freiheiten in den USA selbst haben der Attraktivität und Beliebtheit der Vereinigten Staaten weltweit schwer geschadet.

Mit der Wahl Barack Obamas hat sich das Bild Amerikas in den Augen der Welt jedoch wieder deutlich verändert. Überhaupt scheint die Weltöffentlichkeit fähig zur Differenzierung. So wurde die amerikanische Bevölkerung im vergangenen Jahrzehnt im Schnitt deutlich besser beurteilt als die USA insgesamt.[27] Von einem nachhaltigen Schaden - auch mit Blick auf die traditionellen Verbündeten - ist damit nicht auszugehen.

Egal, wie man den Irak-Krieg politisch bewertet, er wird die USA nicht in den Bankrott treiben. Und trotz aller Ambivalenz hinsichtlich seines militärischen Erfolges, eines hat er jedenfalls bewiesen: Das amerikanische Militär ist in der Lage, während eines laufendes Konflikts seine Doktrin zu ändern und effektiv zur Anwendung zu bringen. Auch wenn der Stern von Counterinsurgency inzwischen tendenziell im Sinken begriffen ist,[28] ist die im Irak erfolgte Umstellung ein eindrucksvoller Beweis der Adaptions- und Innovationsfähigkeit sowie des unbedingten Erfolgswillens des amerikanischen Militärs. Angesichts dieser Eigenschaften stehen die Chancen gut, dass das US-Militär auch in zukünftigen Krisen und Kriegen fähig sein wird, sich anzupassen und weiterzuentwickeln, und auf diese Weise eine wichtige Voraussetzung für den Erhalt der amerikanischen Vorherrschaft zu schaffen.[29]

Insgesamt hat der Global War on Terror durch den drastischen Anstieg des amerikanischen Verteidigungshaushalts seit 2001 und die operativ-taktischen, aber auch technologischen Innovationen beispielsweise im Bereich unbemannter Flugobjekte, den Abstand zu den nachfolgenden Staaten eher vergrößert, als dass dieser kleiner geworden wäre. Eine direkte und symmetrische Konfrontation Amerikas ist damit für potenzielle Gegner in absehbarer Zukunft nicht zu gewinnen. Trotz der von Präsident Obama angekündigten Kürzungen des Verteidigungsetats von insgesamt 400 Milliarden US-Dollar in den kommenden zwölf Jahren bleiben die USA damit gerade mit Blick auf den Bereich der hard power nicht nur die "erste Weltmacht im Weltmaßstab", sondern auch die einzige.[30]

Fußnoten

27.
Vgl. Most Muslim Publics Not So Easily Moved. Confidence in Obama Lifts U.S. Image around The World. 25-Nation Pew Global Attitudes Survey, Washington, D. C. 2009, 15ff., S. 31ff.
28.
Vgl. David Ucko, Counterinsurgency and Its Discontents. Assessing the Value of a Divisive Concept, SWP-Research Paper, Berlin 2011.
29.
Vgl. James Kurth, Pillars of the Next American Century, in: The American Interest, (2009) 6, S. 8.
30.
Vgl. Lothar Rühl, Das Reich des Guten. Machtpolitik und globale Strategie Amerikas, Stuttgart 2005, S. 28.