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30.6.2011 | Von:
Marcel Hartwig

Der 11. September im nationalen Bewusstsein der USA

Der 11. September als national relevante Erzählung

Der Bedarf nach einer unmittelbaren Erklärung für die Terrorangriffe war erwartungsgemäß groß. Erste Medienberichterstatter lenkten die Aufmerksamkeit zunächst auf die Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP), die bereits im September 1970 in Jordanien vier Flugzeuge auf dem Weg nach New York entführt hatten. Als schließlich am 11. September 2001 auch der United-Airlines-Flug 93 in Pennsylvania abstürzte, mutmaßten andere in Anspielung auf die Friedensverhandlungen zwischen Ägypten und Israel vom 11. September 1978, dass das Ziel der Maschine Camp David gewesen wäre. Andere, durch das Datum vorgefertigte Erklärungen bleiben unerwähnt wie etwa der durch den US-Auslandsgeheimdienst CIA unterstützte Staatsstreich in Chile vom 11. September 1973, der in seiner Folge viele "Extremtraumatisierte" und eine ähnliche Opferzahl wie 2001 in New York forderte. Oder die am 11. September 1990 vom damaligen US-Präsidenten George H.W. Bush verkündete "New World Order", die von manchen auch als "Kampfansage an Kapitalismusgegner" wahrgenommen wurde.[11] Bevor sich also die öffentlichen Diskurse auf Auslöser und Erzählung einigten, erfolgten zugleich Wiederholung und Repression vorgefertigter Erinnerungen, die an symbolische Koordinaten der Realitätswahrnehmung (wie eben ein bestimmtes Datum) gekoppelt waren. Der Rückgriff auf historische Kontexte zur Erklärung des Ereignisses bedingte sich aus der dem Ereignis inhärenten verbalen "Unzugänglichkeit".

Die amerikanische Vergangenheit als Erklärungsmuster für die empfundene Gegenwart unterstützt die Herausbildung eines narrativen Kontextes. Aufgrund der unmittelbaren Medienpräsenz und der indirekten globalen Teilnahme eines jeden Zuschauers an den Ereignissen über die Fernsehbildschirme benötigte es keiner größeren "Latenzzeit",[12] um dem Auslöser für "9/11" einen historischen Kern zuzuschreiben und die Ereignisse als "Angriff" beziehungsweise "Kriegserklärung" darzustellen. Dadurch wurde auch die "terminologische Leerstelle" sinnstiftend gefüllt und die verbale "Unzugänglichkeit" aufgehoben. Auch ein Aggressor war schnell in aller Munde: Osama bin Laden, der vermeintliche Kopf des seit den frühen 1990er Jahren ausgemachten "Neuen Terrorismus".[13] Nahezu zeitgleich stimmen die Medienberichte in dieser historisch-sequenziellen Auslegung überein.

Aber nicht nur der "Neue Terrorismus" zirkulierte als sinnstiftender, narrativer Abschluss. So kommentiert der damalige Senator Nebraskas Charles Hagel die "Angriffe" mit: "This is the second Pearl Harbor. I don't think that I overstate it." Diese Rhetorik findet sogar ihren Weg in US-Präsident Bushs Tagebuch, der den Tag als "Pearl Harbor des 21. Jahrhunderts" notiert.[14] Die Bezugnahme auf Parallelen zum Zweiten Weltkrieg im bereits fünf Tage nach den "Angriffen" so benannten "Krieg gegen den Terror" schien nahezu kritikfrei vonstatten gegangen zu sein. Evident wird dies mit der Übernahme des Begriffs "Ground Zero" (ein in militärischen Fachdiskussionen hauptsächlich im Zusammenhang mit nuklearen Explosionen, vor allem im Zusammenhang mit Hiroshima und Nagasaki verwendeter Begriff): Der Atombombenabwurf auf Japan und die damit verbundene Zerstörung werden übergangen, stattdessen findet eine Übertragung dieser Erinnerung auf den Überraschungsangriff vom 7. Dezember 1941 und den anschließenden Eintritt in den Zweiten Weltkrieg statt, der für die USA gemeinhin als ein "guter Krieg" galt.[15]

Der Verwendung bemannter Flugzeuge scheint ein metaphorischer Bezug auf die einstigen japanischen Kriegsgegner innezuwohnen, und auch der unerwartete Charakter der Angriffe vom 11. September kommen dem Verständnis einer Heimtücke nahe. Der 11. September rückt damit in der amerikanischen Historiografie in sprachbildliche Nähe zum "Tag der Schande" (7. Dezember 1941), dem Tag, an dem japanische Luftstreitkräfte die Marinestation Pearl Harbor in der Nähe von Honolulu angriffen.

So wundert es nicht, dass bereits am 12. September 2001 die Terrorangriffe als ein New Day of Infamy ("Neuer Tag der Schande") in den amerikanischen Tageszeitungen betitelt wurden. Über diese Zuschreibung hat der 11. September nicht nur den Sinn eines heimtückischen Angriffes feindlicher Kräfte auf die amerikanische Nation zugeschrieben bekommen. Vielmehr ist er über diesen Bezug zu einem Moment von besonderer nationaler Relevanz geworden, da er sich hierüber in eine logische und historiografisch belegbare Folge der amerikanischen Machtposition einreiht.

Fußnoten

11.
Vgl. Daniel Singer, Braving Bush's New World Order, in: The Nation vom 25.3.1991, S. 370.
12.
Sigmund Freud entlehnt den Begriff der "Latenzzeit" aus der Neurosenforschung. Sie markiert die Zeit "zwischen den ersten Reaktionen auf das Trauma und dem späteren Ausbruch der Erkrankung". Sigmund Freud, Der Mann Moses und die monotheistische Religion, in: Alexander Mischerlich et al. (Hrsg.), Freud-Studienausgabe, Bd. IX, Frankfurt/M. 2000, S. 526, S. 553.
13.
Vgl. Steven Simon/Daniel Benjamin, America and the New Terrorism, in: Survival, 42 (2000) 1, S. 59. Die Autoren halten für die Begriffsdefinition fest: "Der 'Neue Terrorismus' tritt während Präsident Clintons Amtszeit hervor: Hierzu zählen die Bombenanschläge auf das World Trade Center von 1993 und damit in Verbindung stehende Komplotte, der 1996 verübte Bombenanschlag auf das Alfred P. Murrah Federal Building in Oklahoma City, die Bombenangriffe in Ostafrika aus dem Jahr 1998 und der 1995 begangene Sarin-Giftgasanschlag auf die U-Bahn von Tokio (...) Obgleich die Wurzeln des Neuen Terrorismus weit gestreut sind (...), ist das Gesicht dieses Phänomens Osama bin Laden."
14.
Zit. nach: Emily S. Rosenberg, A Date Which Will Live, Durham-London 2003, S. 175.
15.
Vgl. Stud Terkel, The Good War, New York 1997.