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30.6.2011 | Von:

Der 11. September als globale Zäsur? Wahrnehmungen aus Lateinamerika, Nahost, Russland und Indonesien

Fokus auf "lokale Feinde"

Gilt auch die Jeemah Islamiyah (JI) in Indonesien inzwischen als leidlich zurückgedrängt, haben andere, lokale militante Gruppen sowohl deren Ziele als auch deren Mittel adaptiert und zahllose Anschläge, die sich fast ausschließlich gegen soft targets wie Kirchen oder christliche Gemeinden richten, verübt. So wurden nach Angaben der Online-Zeitung "Compass Direct" zwischen 2004 und 2007 mehr als 100 christliche Kirchen in Indonesien niedergebrannt und zahllose Kirchgänger unter Androhung oder Anwendung von Gewalt an einer Teilnahme am Gottesdienst gehindert.

Allein am 4. Mai 2011 entschärfte die Polizei in Jakarta zwei Bomben. In den Wochen zuvor hatten die Bombeneinheiten ebenfalls alle Hände voll zu tun: Eine 150kg schwere Bombe, die an Ostern auf dem Gelände einer christlichen Kirche in Serpong/Westjava hochgehen sollte, erwies sich jedoch als Blindgänger. Im vergangenen Monat hat die Polizei mehr als 20 Verdächtige verhaftet, die für eine ganze Serie von Briefbomben innerhalb Jakartas verantwortlich gemacht werden. Adressiert waren die Sendungen allesamt an liberale Muslimführer.

Es gab auch eine Serie von gewalttätigen Anschlägen auf die islamische Ahmadi-Sekte, als deren Höhepunkt ein beispielloses Massaker im Februar 2011 in der Provinz Banten gilt: Ein Mob von mehr als tausend Personen hatte 20 Ahmadis in deren Moschee attackiert und vor laufenden Kameras drei Männer unter den Blicken der Polizei, die keinerlei Anstalten machte einzugreifen, brutal erschlagen. Der FPI, die seit Monaten eine massive Anti-Ahmadi-Kampagne betreibt, weil sie sie für unislamisch hält, und mehrere ihrer Moscheen niedergebrannt hat, war eine Beteiligung nicht nachzuweisen. Doch sandte der Umgang mit diesem Vorfall deutliche Zeichen an die Extremisten: Gegen keinen der Angreifer wurde ein Verfahren eingeleitet. Auch der letzte durch Zeugen identifizierte Täter kam Anfang Mai 2011 aus der Untersuchungshaft frei.

Einem Bericht der International Crisis Group zufolge gibt es unter den indonesischen Jihadisten einen neuen Trend: weg von den großen Organisationen und hin zu einem freelance- und low-cost-Terrorismus, der von kleinen unabhängigen Gruppen ausgeht und eine neue Strategie verfolgt. Zunehmend fokussieren diese auf "lokale Feinde" wie Politiker, liberale Muslime und die Polizei. Ein Beispiel für diese neue Linie war das Selbstmordattentat auf eine Polizeimoschee in Cirebon/Westjava im April 2011, bei dem 30 Menschen zum Teil schwer verletzt wurden. Die terroristische Bedrohung in Indonesien ist seit "9/11" nicht geringer geworden. Sie ist anders: weniger überschaubar und weniger kontrollierbar. Die großen Terrororganisationen haben ihre Saat verteilt und sich - vorerst - zurückgezogen.