APUZ Dossier Bild

30.6.2011 | Von:

Der 11. September als globale Zäsur? Wahrnehmungen aus Lateinamerika, Nahost, Russland und Indonesien

Der 11. September 1973: Unvergessene Verantwortung

Um die Bedeutung der Ausweisungen von Botschaftern im Rahmen der Bolivien-Krise nachzuvollziehen, muss man die historische Rolle der US-Botschaften in Lateinamerika beleuchten. Der außenpolitische Berater des brasilianischen Staatspräsidenten Marco Aurélio Garcia soll dem US-Botschafter in Brasilia einmal folgenden Witz erzählt haben: "Weshalb gab es in den USA noch nie einen Staatsstreich? Weil es dort keine amerikanische Botschaft gibt."[16]

Es ist unmöglich, aus lateinamerikanischer Perspektive auf den 11. September 2001 zu schauen, ohne die lange Geschichte von Interventionen und Einmischungen der USA auf dem lateinamerikanischen Subkontinent zu berücksichtigen. Aufgrund des Datenzufalls ist vor allem die Erinnerung an den Staatsstreich Augusto Pinochets am 11. September 1973 in Chile unvermeidlich, der heute als paradigmatisches Beispiel für die US-amerikanische Einmischung in Lateinamerika gilt. Die Erinnerung an von den USA mitverursachten Terror verhinderte in Lateinamerika proamerikanische Sympathiebekundungen in dem Maße, wie sie etwa in Europa spontan entstanden. Dadurch wurden die Beziehungen zwischen den USA und Lateinamerika zusätzlich strapaziert, da sich die USA eine bedingungslose Unterstützung erhofften, stattdessen aber mit der Einstellung vieler Lateinamerikaner "schrecklich, aber selber schuld" konfrontiert wurden.

Typisch für diese Einstellung ist die Reaktion des uruguayischen Schriftstellers Eduardo Galeano: "Henry Kissinger war einer der ersten, der angesichts der gerade geschehenen Tragödie reagierte. 'So schuldig wie die Terroristen sind diejenigen, die ihnen Hilfe, Finanzierung und Anregungen zukommen lassen' urteilte er. (...) Wenn das so ist, müsste man beginnen, Kissinger zu bombardieren. Er ist schuldig an viel mehr Verbrechen als denen, die durch Bin Laden und alle Terroristen der Welt begangen wurden. Und in viel mehr Ländern: Im Dienste verschiedener Regierungen der Vereinigten Staaten, unterstützte er mit 'Hilfe, Finanzierung und Anregungen' den Staatsterror in Indonesien, Kambodscha, Zypern, Iran, Südafrika, Bangladesh und den Ländern Südamerikas, die den schmutzigen Krieg des Plan Condor erlitten. Am 11. September 1973, genau 28 Jahre vor den heutigen Bränden, ließ er den Präsidentenpalast Chiles niederbrennen."[17]

Aus einer anderen Perspektive schreibt der chilenische Schriftsteller Ariel Dorfman, ehemaliger Berater des 1973 gestürzten Präsidenten Salvador Allende, über seine Hoffnung, dass die Tragödie des 11. September 2001 die amerikanische Bevölkerung dabei unterstützen möge, ihre auf fehlender Erinnerung beruhende Selbstgefälligkeit aufzugeben: "Wie kann sich das amerikanische Volk unschuldig fühlen", fragt Dorfman, "nachdem seine Regierung Vietnam in ein riesiges Massengrab verwandelt hat?" Die USA hätten jetzt die Chance festzustellen, dass sie nicht alleine seien mit ihrem Schmerz, dass sie in diesem Sinne nichts Außergewöhnliches seien, nicht einmal das Datum betreffend; dass der gleiche Schmerz - von den USA verursacht - bereits von anderen empfunden worden sei, und dass sich daraus ein Weg für das amerikanische Volk abzeichne, zu verzeihen.[18]

Fußnoten

16.
Documento relata encontro de Garcia com embaixador, 27.6.2008, online: www1.folha.uol.com.br/poder/852684-documento-relata-encontrode-garcia-com-embaixador-leia-em-ingles.shtml (24.5. 2011).
17.
La Jornada vom 21.9.2001.
18.
Vgl. Ariel Dorfman, Other Septembers, Many Americas, New York 2004, S. 11-14.