APUZ Dossier Bild

7.6.2011 | Von:
Timothy Snyder

Im dunkelsten Belarus

Der Roman Paranoia des Belarussen Viktor Martinowitsch geht davon aus, dass man in einem Polizeistaat immer beobachtet wird. Echtes Alleinsein nährt Paranoia.

Einleitung

Im Sommer mieten sich junge Paare in der belarussischen Hauptstadt Minsk Ruderboote. Sie lassen sich scheinbar ziellos von der Strömung der Swislatsch treiben, bis sie unter eine Brücke kommen. Dort rudern sie so lange es geht gegen den Strom, um vor der Sonne und neugierigen Augen geschützt zu sein. Der auf Russisch geschriebene Roman Paranoia des belarussischen Autors Viktor Martinowitsch[1] geht von der Prämisse aus, dass dies unmöglich ist. In einem Polizeistaat wie der belarussischen Diktatur von heute, der immer größere Kontrolle anstrebt, wird man immer beobachtet. Die jungen Liebenden beobachten einander, egal ob sie es merken oder nicht. Der einzige Weg, in einer solchen Gesellschaft ganz sicher zu sein, ist das Aufgeben der Liebe, aber echtes Alleinsein nährt Paranoia.

Zu Beginn des Romans ist der junge Schriftsteller Anatoli allein, seine geliebte Lisa ist aus ihrer Wohnung in der Karl-Marx-Straße verschwunden. Er schiebt Zettel unter ihrer Tür hindurch, wo sie vom KGB pflichtbewusst gesammelt, kopiert und interpretiert werden.[2] Diese Polizeidokumente eröffnen den Roman und bieten dem Leser einen Blick auf den jungen Mann aus Sicht der Behörden. Dann erinnert Anatoli sich an eine Beziehung, die in ihrer Reinheit zunächst verblüffend erscheint (sein Nachname Newinski klingt wie "unschuldig"). In einem Café begrüßt ein junger Mann eine junge Frau mit der Frage: "Hast du lange gewartet?" Sie antwortet: "Mein ganzes Leben lang." Es folgt eine so leidenschaftliche Liebesaffäre, dass die beiden den Namen des anderen erst erfahren, als sie sich streiten. Die Quelle der Spannung ist Lisas anderer Geliebter: Murawjow, der Minister für Staatssicherheit, der den Staat (offensichtlich Belarus) kontrolliert, alle wichtigen Ämter innehat und Menschen verschwinden lassen kann.

Murawjow, nicht nur Diktator, sondern auch Pianist, ist weniger Big Brother als Big Lover; in Paranoia werden Konventionen der Menage à trois kunstvoll mit denen der Antiutopie kombiniert. Lisa scheint schwanger zu sein. Wer ist der Vater? Anscheinend deutet sie gegenüber beiden Männern an, sie könnten es sein. Lisa scheint ermordet worden zu sein. Wer ist der Täter? Murawjow behauptet, es nicht zu wissen, doch das wirkt unglaubhaft, und er würde so etwas auch kaum zugeben. Zunächst sucht Anatoli nach Lisa und konfrontiert Murawjow, aber im Verhör gesteht er den Mord. Hat sein Geständnis irgendeine Beziehung zu dem, was wirklich geschah? Oder hilft Anatoli dadurch dem Regime, dessen neuesten Mord zu vertuschen? Sind er und Murawjow in irgendeiner Weise Komplizen?

Der 1977 geborene Martinowitsch wurde unter der Diktatur erwachsen, die Aljaksandr Lukaschenka seit 1994 im postsowjetischen Belarus errichtet hat. Im Roman erneuert er einige Hauptthemen der klassischen osteuropäischen Dissidentenliteratur. Das System sind nicht nur die Herrscher, es sind auch die Beherrschten.[3] Selbstkontrolle ist wichtiger als Kontrolle; Liebende verraten einander wissentlich oder unwissentlich; wir alle verraten letztlich uns selbst. In Anatoli zeichnet Martinowitsch einen Schriftsteller, der zwar die Ästhetik des Totalitarismus kritisiert, aber von dessen Macht angezogen ist. Anatoli scheint zu begehren, was Murawjow besitzt. Er beschreibt ausführlich den Latte macchiato, den Lisa trinkt, das Produkt eines Lebensstils, der nur innerhalb des Systems möglich ist. Er ist von ihrem schwarzen Wagen mit den KGB-Nummernschildern zugleich abgestoßen und fasziniert. Anatoli begegnet dem Staat im attraktiven Medium des Körpers einer jungen Frau oder der würdigen Plattform der Hochkultur. Am Schluss tritt Anatoli Murawjow gegenüber, nachdem der Minister für Staatssicherheit Mozarts Klavierkonzert Nr. 24 gespielt hat.

Fußnoten

1.
Viktor Martinowitsch, Paranoia, St. Petersburg 2010.
2.
Im Roman heißt die Institution "Ministerium für Staatssicherheit". Der Einfachheit halber benutze ich den vertrauten Ausdruck KGB, die russische Abkürzung für "Komitee für Staatssicherheit", die auch heute in Belarus gebräuchlich ist.
3.
Vgl. z.B. Václav Havel, Versuch in der Wahrheit zu leben, Reinbek 1980.