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7.6.2011 | Von:
Timothy Snyder

Im dunkelsten Belarus

Belarussische Geschichte

In den vergangenen fünfzehn Jahren ist den Belarussen eine Geschichte erzählt worden, die dieses seltsame Arrangement rechtfertigen soll. Während die meisten Staaten nach der Unabhängigkeit ihre Nationalgeschichte herausstellen, leugnet das Regime, dass es überhaupt viel belarussische Geschichte gibt. Lukaschenka ließ zunächst sowjetische Geschichtsbücher in den Schulen benutzen und beauftragte dann seinen früheren Geschichtslehrer Jakov Treschtschenok, ein neues Lehrbuch zu schreiben. Nach seiner Darstellung ist die politische Geschichte Belarus' weitgehend identisch mit der sowjetischen: Dank der russischen Revolution gewannen die Belarussen ein politisches Bewusstsein und entfalteten sich unter der brüderlichen Führung Moskaus. Belarussen und Russen standen gegen die deutschen Invasoren zusammen. Zum Glück wurde die sowjetische Herrschaft nach dem Krieg wiederhergestellt und nach Westen ausgedehnt, wodurch das belarussische Volk ihre Segnungen genießen konnte.

Die Belarussen sind mit ihrer jüngsten Geschichte allein, denn fast niemand außerhalb seiner Grenzen erkennt die Katastrophe der deutschen Besatzung an. Mangels anderer Darstellungen werden die Belarussen gerade durch dieses Leiden zur alten sowjetischen Version von der Erlösung durch die Befreier der Roten Armee gezogen.[8] Etwa jeder fünfte Bewohner der belarussischen Sowjetrepublik starb während der deutschen Besatzung. Über 300000 Belarussen wurden bei deutschen Antipartisanenaktionen erschossen, und weitere Hunderttausende verhungerten in Kriegsgefangenenlagern. Die Katastrophe wurde für die sowjetische Gegenpropaganda ausgebeutet. 1940 ermordete das NKWD polnische Offiziere im westrussischen Wald von Katyn. Um Verwirrung zu stiften, wählten die Sowjetbehörden ein belarussisches Dorf mit dem ähnlichen Namen Khatyn für ein Mahnmal, das an von den Deutschen zerstörte Dörfer erinnerte.[9] Im April 2010, als die russische Führung beschloss, die Opfer von Katyn gemeinsam mit den Polen zu ehren, erlebte Lukaschenkas Belarus einen Anfall der Eifersucht auf das Martyrium anderer. Als der polnische Präsident und 95 andere Menschen beim Flugzeugabsturz ums Leben kamen, war Lukaschenka der einzige Präsident eines Nachbarlandes, der keinen Tag der Staatstrauer erklärte. Kurz nach dem Unfall wurde in einer belarussischen Zeitung angedeutet, Polen trage irgendwie die Schuld an dem Massenmord, den Stalin in Katyn befahl.[10]

Auch der Holocaust passt nicht in eine Geschichte der Belarussen als Opfer und Sieger. Genau wie Sowjethistoriker ermordete Juden als Sowjetbürger zählten, zählen belarussische Historiker sie nun als belarussische Bürger. Treschtschenok lehnt eine ethnische Einordnung der Opfer ab. Dies ignoriert den besonders mörderischen Charakter der NS-Besatzung für Juden. Die Belarussen litten im Krieg mehr als jedes andere Volk - bis auf die Juden. Heutzutage werden jüdische Altstädte und Synagogen abgerissen. 2009 wurde eine Abwasserleitung durch einen jüdischen Friedhof gegraben und zerstörte dabei Gräber. Lukaschenka nennt sich einen "orthodoxen Atheisten", und seine Ideologen stellen Belarus als Teil der Zivilisation der Ostkirche dar. Die Lehrbücher sagen wenig über Katholiken und noch weniger über Juden. Belarussische Historiker können diese wesentlich sowjetischen Positionen im Land selbst nicht kritisieren. Eine Dissertation über das Alltagsleben in der Belarussischen Sowjetrepublik zwischen 1944 und 1953 wurde 2009 abgelehnt (ebenfalls von Treschtschenok), weil sie Russland nicht als "Hebamme" Belarus' darstellte.[11]

In Wirklichkeit hat Belarus eine lange und faszinierende Geschichte. Jahrhundertelang war das Land die Heimat von orthodoxen und katholischen Christen, Juden und Muslimen. Der polnische Nationaldichter Adam Mickiewicz wurde im heutigen Belarus geboren, das er Litauen nannte, in einer Stadt voller Juden, nicht weit von einer Moschee. Das Gebiet des heutigen Belarus lag im Herzen des Großfürstentums Litauen. Örtliche Bojaren saßen im Parlament der polnisch-litauischen Adelsrepublik, die das Großfürstentum im 16. Jahrhundert mit Polen errichtete. Staatssprache war eine dem Belarussischen ähnliche slawische Sprache. Bis zur Moderne unterschied sich die belarussische Geschichte stark von der russischen. In einem Lehrbuch für die Oberschule, das Treschtschenok auf Russisch schrieb, werden die Institutionen eines halben Jahrtausends als fremdländisch beschrieben, die Vereinigung mit Russland dagegen als schicksalhaft. Das zeigt sich deutlich an seiner Behandlung des Aufstands von 1863/64, bei dem Adlige und Bauern gegen das Zarenreich kämpften. Das Lehrbuch stellt nicht die belarussischen Rebellen heraus, sondern feiert den russischen General, der sie hängen ließ.[12]

In Paranoia bezieht sich Martinowitsch meist stärker auf die aktuelle westliche Kultur als auf die Geschichte, beispielsweise spielt er auf den Film "Matrix" an. Paranoia zeigt die Hohlheit des belarussischen Staatssozialismus, der sich mit der kreditfinanzierten Atmosphäre westlicher Konsumkultur dekoriert. Man kann auf der Friedrich Engels-Straße einen Big Mac essen. Man kann die einheimische Belo-Cola aus rotweißen Flaschen mit vertrauter Schrift trinken, aber auch Coca-Cola-Reklame in der U-Bahn hören.

Während des Kalten Kriegs boten die USA kommunistischen Regimen Schuldenerlass im Austausch gegen die Freilassung politischer Gefangener oder Reformversprechen. Heute schuldet Belarus nicht nur westlichen Ländern und internationalen Organisationen Geld, sondern auch Russland und China.

Wahrscheinlich wird sich das System verändern, wenn die russische Führung beschließt, es sei Zeit, den Nachschub an billigem Erdgas zu stoppen. Das könnte schon bald der Fall sein. Im Juli 2010 brachte ein großer russischer Fernsehsender eine Dokumentation über Lukaschenka mit dem Titel "Der Pate". Seine wichtigste These war, dass ein Mordkommando der belarussischen Regierung hinter dem Verschwinden von fünf Bürgern steckte, die als Lukaschenka-Gegner galten. Die Sendung sprach auch die delikate Frage von Lukaschenkas unehelichem Sohn Kolja an. Der Sender NTV gehört dem Erdgaskonzern Gazprom, an dem die russische Regierung 50,1 Prozent der Anteile hält.

Am 19. Dezember 2010 trat Lukaschenka zum vierten Mal mit "Erfolg" bei Präsidentschaftswahlen an. Er darf so oft kandidieren, wie er will; er hat selbst zugegeben, dass seine Regierung die Ergebnisse fälscht. Er hat angedeutet, dass er solange an der Macht bleiben will, bis Kolja bereit ist, sein Nachfolger zu werden. Moskau scheint indes andere Vorstellungen zu haben. In einem Moment, wo Dmitri Medwedew und Barack Obama im Interesse der bilateralen Beziehungen zu Kompromissen bereit scheinen, ist es theoretisch denkbar, dass Russland sich den USA und der EU darin anschließen könnte, freie Wahlen in Belarus zu unterstützen. Wenn Beobachter von außen wollen, dass Wahlen frei und fair sind, müssen sie darauf bestehen, an der Stimmenauszählung teilzunehmen.

Das soll nicht heißen, es gebe keine Opposition; vielmehr ist es in Belarus unmöglich, dass Bürger an Aktivitäten wie der Stimmenauszählung teilnehmen. Lukaschenka hat das Land so dominiert, dass er Präsidentschaftswahlen wohl auch gewinnen könnte, wenn sie frei und fair wären. Doch wenn internationale Aufsicht die theoretische Chance einer Niederlage eröffnen würde, müsste er zumindest Wahlkampf führen. Das könnte Diskussionen darüber anstoßen, welche Gesellschaft Belarus im 21. Jahrhundert sein soll.

Gekürzte Fassung eines Beitrages, der am 28. Oktober 2010 in The New York Review of Books erschienen ist. Übersetzung aus dem Englischen: Dr. Martin Richter, Berlin.

Fußnoten

8.
Ich behandle auch die deutsche Besatzung in meinem Buch Bloodlands: Europa zwischen Hitler und Stalin, München 2011 (i.E.).
9.
Die beste Darstellung der mörderischen deutschen Besatzung ist Christian Gerlach, Kalkulierte Morde. Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrussland 1941 bis 1944, Hamburg 1999.
10.
Vgl. Vadim Elfimov, O dvukh storonakh medaly, in: 7 Dnei vom 29.5.2010.
11.
Vgl. Hienad Sahanowicz, Losy biaoruskiej historiografii: od sowietyzacja do zachodniorusizmu nowego typu, in: Studia Biaorutenistyczne vom 3.11.2009. Eine wertvolle Dissertation über die Westausdehnung der belarussischen Sowjetrepublik: Jan Szumski, Sowietyzacja zachodniej Biaorusi, 1944-1953, Krakau 2010.
12.
Die Probleme der modernen belarussischen nationalen Identität sind ein Hauptthema meines Buchs The Reconstruction of Nations: Poland, Ukraine, Lithuania, Belarus, 1569-1999, New Haven, CT 2003.