APUZ Dossier Bild

25.5.2011 | Von:
George Caldararu

Die größte Minderheit in Europa

So sieht unsere Demokratie aus!

Im Jahre 1954 schrieb der rumänische Schriftsteller Eugène Ionesco in dem Stück "Amédée, ou Comment s'en débarrasser" über einen Corpus, der nach dem Tod zu wachsen beginnt und damit eine zweite, unendliche Existenz als Leiche erfährt. So wie dieses unheimliche Etwas nicht aufhören will zu existieren, so bleibt auch die Frage, ob die Roma jemals in unserer Gesellschaft akzeptiert werden können: nicht in den Gesetzen oder auf offiziellen Papieren, nicht in den Diskursen der Politiker, nicht in den Programmen für Kinder, von denen alle anderen mehr profitieren als die Kinder. Es geht um einen Platz im täglichen Leben; in unserer immer noch vom alten Faschismus durchzogenen Welt, in der wir es gewohnt sind alles zu diskriminieren, was nicht unserer grauen Mentalität entspricht.

Wir wollen Tausende von Menschen wegschicken, aus unserem Blickfeld entfernen, die seit Generationen diesen von Kriegen und Zerstörung gezeichneten Teil der Erde mit uns teilen. Ihre Musik, die kulturellen Einflüsse können sie hier lassen, aber sie selbst müssen weg, auch wenn keiner weiß, wohin. In Rumänien, wo sie von der Gesellschaft immer noch als Sklaven, als unterster Teil betrachtet werden, obwohl die offizielle Befreiung bereits Mitte des 19. Jahrhunderts stattfand, haben Roma auf Grund von Ausgrenzung und einer schlechten Wirtschaftslage kaum eine Möglichkeit, sich eine gesicherte Existenz aufzubauen. Im reicheren Westeuropa will sich keiner mit diesen Binnenflüchtlingen auseinandersetzen, weil sie sich nicht verantwortlich fühlen. Sollen sie doch zurück nach Rumänien gehen! Aus den Augen, aus dem Sinn. Aber das Problem liegt nicht bei den Roma.

Noch immer gibt es in Rumänien keine offizielle Anerkennung für die Opfer des Holocaust, auch keine Erinnerung an das, was die rumänischen Faschisten den Roma angetan haben. Sie pferchten Familien zusammen und schickten sie in Lager nach Transnistrien. Im Winter 1942/43 starben auf Grund einer Anordnung des rumänischen Marschalls und Ministerpräsidenten Ion Antonescu rund 11000 Roma. In einem Land, in dem der Präsident gefährliche, diskriminierende Bemerkungen über Roma macht und trotzdem gewählt wird,[10] in dem 80 Roma-Familien im Winter aus ihren Häusern geworfen werden - ohne eine Alternative, wohin sie gehen könnten - und wo niemand reagiert;[11] in einem Land, in dem die Faschisten immer stärker werden und in dem darüber diskutiert wird, die offizielle Bezeichnung (und Selbstbezeichnung) der Roma wieder zurück in die Fremdbezeichnung "Tigan" zu ändern,[12] einzig und allein aus der Angst, dass die restliche Welt die Worte Roma und Rumänen verwechseln könnte: Wie sollen wir uns da über die aktuelle Situation der Roma in unserem Land wundern?

Gibt es eine Stadt oder ein Dorf, in dem die Roma nicht isoliert in den Randbezirken leben, an den schmutzigsten, verseuchtesten Orten, unter Bedingungen, die nicht in deinen schlimmsten Albträumen Platz fänden? Sie leben ein Leben in der ständigen Furcht, geräumt zu werden, kein Geld für Kleidung und Lebensmittel zu haben, gezeichnet von der Angst der Verzweifelten, die in Armut leben.[13] Und dennoch wird gesagt: Keiner ist so reich wie die Roma, nicht die Regierung oder die korrupten Beamten, die sich seit Jahren an den Ressourcen bereichern, nicht die orthodoxe Kirche, die hinter vorgehaltener Hand jede nationalistische und chauvinistische Bewegung fördert. Roma in Rumänien haben ein Problem: die Mehrheitsgesellschaft, die versucht, sie aus ihrem Blickfeld zu entfernen.

Übersetzung aus dem Englischen von Verena Spilker.

Fußnoten

10.
Angaben des European Roma Rights Centre (ERRC), vgl. www.errc.org/cikk.php?cikk=3577 (15.4. 2011).
11.
Vgl. www.errc.org/cikk.php?cikk=2645 (15.4.2011).
12.
Vgl. www.errc.org/cikk.php?cikk=3799 (15.4.2011).
13.
Vgl. www.errc.org/cikk.php?cikk=752 (15.4.2011).