APUZ Dossier Bild
1 | 2 | 3 | 4 Pfeil rechts

Zur Bildungssituation von deutschen Sinti und Roma


25.5.2011
Die desolate Bildungslage von Sinti und Roma belegt ein Versagen des Bildungssystems. Die Studie gibt Auskunft über Ursachen scheiternder Bildungsprozesse und verweist auf die Bedeutung informeller Bildung.

Einleitung



Immer wieder werden in Europa und in Deutschland leidenschaftliche Debatten um die "Integration", um "Anpassung" und "Einfügung" von Ausländern und Minderheiten in die Mehrheitsgesellschaften geführt. Bemerkenswert ist, dass in diesen Debatten zumeist die größte Minderheit in Europa fehlt: die Sinti und Roma. Ungefähr zehn bis zwölf Millionen Personen - so der Präsident des Europäischen Parlaments, Jerzy Buzek am 27. Januar 2011 - leben auf diesem Kontinent.[1] In Deutschland sind es circa 80000 bis 120000 mit deutscher Staatsangehörigkeit; hinzu kommen vermutlich rund 50000 Flüchtlinge und so genannte Arbeitsimmigranten.[2]

Im 15. Jahrhundert das erste Mal in Deutschland erwähnt, waren Sinti und Roma seither Vorurteilen, Anfeindungen und Verfolgungen ausgesetzt. Höhepunkt war die nationalsozialistische Verfolgung und der Völkermord: Bis zu 500000 Sinti und Roma wurden in Mittel- und vor allem Osteuropa während der Besatzung durch die deutschen Armeen und die SS ermordet, um 25000 allein aus Deutschland und Österreich. Erst in den 1980er Jahren erkannten die beiden Bundeskanzler Helmut Schmidt und Helmut Kohl den Völkermord an den Sinti und Roma an. 1997 wurden Sinti und Roma als nationale Minderheit in Deutschland anerkannt.

Es fällt auf, dass in den Integrationsdebatten Bildung als Voraussetzung für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, an Wirtschaft und Kultur, an Politik und Lebensstandard in Deutschland zwar für Einwanderer, aber nicht für die nationale Minderheit der deutschen Sinti und Roma diskutiert wird. Schlimmer noch: Über deren Bildungssituation war und ist wenig bekannt, obwohl Maßnahmen der Politik zwingend notwendig gewesen wären, weil die im Nationalsozialismus durchgesetzten Ausschulungen und Bildungsabbrüche seit den 1950er Jahren durch das Bundesentschädigungsgesetz zwar bekannt waren, dennoch mit Blick auf künftige Bildungsoptionen für die Minderheit folgenlos blieben. Im Zuge der aufstrebenden Bürgerrechtsbewegung wurde 1982 die Studie "Soziale Situation der Sinti in der Bundesrepublik Deutschland" im Auftrag des Bundesministeriums für Jugend, Familie und Gesundheit veröffentlicht.[3] Dem ging 1980 eine Studie voraus, die sich mit schulrelevanten Verhaltensmerkmalen von Sinti- und Roma-Kindern befasst hatte.[4] Sie präsentierten erschreckende Befunde einer desolaten Bildungssituation von Sinti und Roma. Adäquate Maßnahmen der Bildungspolitik blieben allerdings aus. Sie wären gestern wie heute zwingend notwendig gewesen. Das Ministerkomitee des Europarates kritisiert bereits seit 2002, dass in Deutschland ein Mangel an aussagekräftigen Daten zur Lebenslage und zur Bildungssituation der deutschen Sinti und Roma herrsche. Der Europarat fordert seitdem, die Kenntnisse der Lebens- und Bildungswirklichkeit zu verbessern, um so geeignete Maßnahmen ergreifen zu können, welche die wirksame Förderung der vollen und effektiven Gleichstellung der nationalen Minderheit sicherstellen.[5] Die Europäische Union (EU) forderte im April 2011 von ihren Mitgliedsländern nationale Strategien zur Integration der Roma bis 2020 und betont dabei die wichtige Rolle der Bildung: "Wir müssen daher dringend in die Bildung der Roma-Kinder investieren und ihnen so später einen erfolgreichen Weg in den Arbeitsmarkt ermöglichen."[6] Es soll sichergestellt werden, dass alle Sinti- und Roma-Kinder beziehungsweise -Jugendliche Zugang zu einer nichtdiskriminierenden, qualitativ hochwertigen Bildung sowie zu beruflicher Ausbildung und einen uneingeschränkten Zugang zum Arbeitsmarkt erhalten.


Fußnoten

1.
Vgl. Pressemitteilung des Europäischen Parlaments vom 15.3.2011.
2.
Vgl. UNICEF, Zur Lage von Kindern aus Roma-Familien in Deutschland, Berlin 2007.
3.
Vgl. Andreas Hundsalz unter Mitarbeit Harald Schaaf, Soziale Situation der Sinti in der Bundesrepublik Deutschland (Endbericht), Schriftenreihe des Bundesministers für Jugend, Familie und Gesundheit, Bd. 129, Stuttgart-Berlin-Köln-Mainz 1982.
4.
Vgl. ders., Zigeunerkinder. Eine sozialpsychologische Untersuchung schulrelevanter Merkmale, Frankfurt/M. 1980.
5.
Vgl. Stellungnahme der Bundesrepublik Deutschland zur Stellungnahme des Beratenden Ausschusses zum Bericht über die Umsetzung des Rahmenübereinkommens zum Schutz nationaler Minderheiten in der Bundesrepublik Deutschland; insbesondere Art. 4, Nr. 75 sowie Art. 6, Nr. 80, Bundesministerium des Innern, Berlin 2002, online: www.bmi.bund.de/SharedDocs/Downloads/
DE/Themen/MigrationIntegration/NationaleMinderheiten/Rahmenuebereinkommen_des_Europarates_zum_Id_23218_de.pdf?__blob=publicationFile (18.4.2011).
6.
Mitteilung der Kommission an das Europäische Parlament, den Rat, den Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss und den Ausschuss der Regionen. EU-Rahmen für nationale Strategien zur Integration der Roma bis 2020; KOM(2011) 173 endgültig, Brüssel, 5.4.2011, S. 2, online: http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=COM:2011:0173:FIN:DE:PDF (20.4.2011).