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6.4.2011 | Von:
Seibring, Anne

Editorial

"Hauptsache Arbeit!" lautet oft der Ruf – die Qualität der Arbeitsplätze rückt dabei in den Hintergrund. In flexibilisierten Arbeitsformen liegen Risiken wie Chancen.

Die Teilhabe am (Erwerbs-)Arbeitsleben ist zentral für den Zugang zu Ressourcen und gesellschaftlicher Anerkennung. "Hauptsache Arbeit!" lautet der Ruf folgerichtig, insbesondere in Zeiten ökonomischer Krisen. Zweierlei tritt dabei in den Hintergrund: die ungleich verteilten Zugangschancen zum Arbeitsmarkt und die Qualität der Arbeitsplätze. Was "gute" Arbeit ausmacht, ist umstritten und nur schwer messbar. Der Begriff ist ähnlich unscharf wie das Schlagwort von der "Humanisierung der Arbeit" aus den 1970er Jahren. Hinter beiden steht indes die Überzeugung, dass die unantastbare Würde des Menschen der kapitalistischen Verwertung seiner Arbeitskraft Grenzen setzt.

Während die Anzahl der durch schwere körperliche Arbeit dauerhaft Geschädigten in den vergangenen Jahrzehnten zurückging, haben wir es heute mit einer neuen "Volkskrankheit" zu tun: Immer mehr Menschen erkranken an behandlungsbedürftigen Depressionen und Fehlzeiten und Frühverrentungen aufgrund psychischer Erkrankungen nehmen zu. Prekäre Arbeitsverhältnisse, fortschreitende Verdichtung der Arbeit mit steigendem Zeit- und Leistungsdruck und Entgrenzung zwischen Beruf und "freier" Zeit resultieren immer häufiger im "überforderten Ich".

Ein Zurück in das vermeintlich "goldene Zeitalter" eines männlich dominierten "Normalarbeitsverhältnisses" wird es kaum geben. In den flexibilisierten Arbeitsformen der Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft, so oft sie auch zu (Selbst-)Ausbeutung führen, liegen durchaus auch Chancen auf größere Autonomieräume, auf eine bessere Vereinbarkeit von Arbeit, Leben und (Weiter-)Lernen - und nicht zuletzt auf langfristigen ökonomischen Wohlstand. Dazu bedarf es einer nachhaltigen Arbeitspolitik, die bei aller Flexibilisierung soziale Absicherungsmechanismen auf menschenwürdigem Niveau nicht vergisst.