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6.4.2011 | Von:
Dieter Sauer

Von der "Humanisierung der Arbeit" zur "Guten Arbeit"

Reformerischer Aufbruch

Die in den 1950er und 1960er Jahren vorherrschende Erwartung, dass sich die Qualität des Arbeitslebens mit dem technischen Fortschritt quasi im Selbstlauf verbessern würde, hatte sich nicht erfüllt. Standen bis dahin im Zeichen des "Wirtschaftswunders", in einer Phase extensiven Wachstums, vor allem Einkommenserhöhungen und Arbeitszeitverkürzungen, also mehr Freizeit, im Zentrum arbeitspolitischer Forderungen, so ging es Ende der 1960er bzw. Anfang der 1970er Jahre auch um die "Qualität der Arbeit". Verschärfte Rationalisierung und eine Intensivierung der Arbeit hatten die Arbeitsbedingungen zunehmend verschlechtert. Der Zusammenhang von Arbeitszeitverkürzungen und zunehmender Verdichtung der Arbeit hatte seine Wirkung gezeigt. Höhere Einkommen und mehr Freizeit, die lange Zeit auch in den Forderungsperspektiven der Gewerkschaften qualitative Fragen der Entwicklung von Arbeit überlagert und verdeckt hatten, verloren angesichts massiver gesundheitlicher Belastungen und Gefährdungen ihre Kompensationsfunktion. Die Grenzen der fordistischen Massenproduktion und der tayloristisch geprägten Arbeitsorganisation mit dem Fließband als Symbol wurden sichtbar. "Die Bereitschaft, schlechte Arbeitsbedingungen als notwendiges Übel zu akzeptieren, ist merklich gesunken. Gesundheitsgefährdung und Schwerbelastung lassen sich heute weniger als gestern mit Geld bezahlen."[2]

In einer Reihe von spontanen und gewerkschaftlich organisierten Streikaktionen Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre erhielten Arbeitsbedingungen eine zunehmende Bedeutung.[3] Hintergrund dieser sozialen Auseinandersetzungen war eine soziokulturelle Aufbruchstimmung, die nicht zuletzt in einer außerparlamentarischen Opposition, antiautoritären Protesten von Studenten, Schülern und Lehrlingen und später in feministischen und ökologischen Bewegungen ihren Ausdruck fand. Sie speiste sich aus dem vermehrten materiellem Wohlstand und wachsenden Lebensansprüchen bis in die Arbeit hinein. Das Bedürfnis nach Anerkennung, Beteiligung und Selbstentfaltung in der Arbeit machte sensibel gegenüber gesundheitsgefährdenden Belastungen, restriktiven Arbeitsbedingungen, dürftigen Arbeitsinhalten und autoritären Führungsstilen.[4]

Die neue Stoßrichtung zeigte sich auch in den Kämpfen um die Durchsetzung des Lohnrahmentarifvertrags in Baden-Württemberg im Jahre 1973: Entgegen der damals vorherrschenden Einschätzung, Arbeitnehmer kämpften und streikten nur für Lohnerhöhungen, wurden unter anderem Pausenregelungen, höhere Taktzeiten am Fließband und Schutzregelungen für ältere Arbeitnehmer in einem harten Arbeitskampf durchgesetzt.[5]

Den aufflammenden Kämpfen um eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen folgten Reformbemühungen, die rückblickend als Ausdruck einer arbeitspolitischen Wende bezeichnet wurden. Neben den von Gewerkschaften in Tarifverträgen durchgesetzten Maßnahmen und Regelungen für humanere Arbeitsbedingungen gab es auch eine Reihe von wichtigen staatlichen Reformmaßnahmen wie das novellierte Betriebsverfassungsgesetz (1972), das Arbeitssicherheitsgesetz (1973), die Arbeitsstättenverordnung (1975), die Gründung der Bundesanstalt für Arbeits- und Gesundheitsschutz, und nicht zuletzt das vom damaligen Bundesforschungsminister Hans Matthöfer auf den Weg gebrachte staatliche Aktions- und Forschungsprogramm zur "Humanisierung des Arbeitslebens" (1974).[6] Inhaltlich ging es vorrangig um die Verbesserung gesundheitsgefährdender Arbeitsbedingungen: vor allem um Belastungen aus schwerer körperlicher Arbeit, Umgebungsbelastungen (wie Lärm) und um die negativen Auswirkungen restriktiver monotoner Arbeit. Es ging auch - wie die Bedeutung von Beteiligungs- und Mitbestimmungsfragen zeigt - um Anerkennung des Arbeitnehmers als rechtlich geachteter Arbeitsbürger. Diese Entwicklungen wurden begleitet von einem politischen Machtwechsel über die Große Koalition hin zu den sozial-liberalen Koalitionsregierungen unter Führung der SPD.

Fußnoten

2.
Gert Schmidt, "Humanisierung" der Arbeit, in: Wolfgang Littek/Werner Rammert/Günter Wachtler (Hrsg.), Einführung in die Arbeits- und Industriesoziologie, Frankfurt/M.-New York 1982, S. 163-186, hier: S. 168.
3.
Vgl. Horst Kern, Kampf um Arbeitsbedingungen. Materialien zur "Humanisierung der Arbeit", Frankfurt/M. 1979; Fritz Vilmar (Hrsg.), Menschenwürde im Betrieb, Hamburg 1973.
4.
Wissenschaftlich wurden in großen Projekten des Rationalisierungs-Kuratoriums der Deutschen Wirtschaft (RKW) und der Kommission für wirtschaftlichen und sozialen Wandel die Defizite des tayloristischen Rationalisierungspfades aufgedeckt und auf notwendige Veränderungen der hoch arbeitsteiligen Betriebsorganisation verwiesen, um den Anforderungen einer flexiblen Qualitätsproduktion gewachsen zu sein. Vgl. Paul Oehlke, Arbeitspolitik zwischen Tradition und Innovation. Studien in humanisierungspolitischer Perspektive, Hamburg 2004.
5.
Vgl. Franz Steinkühler, Menschengerechte Arbeit - geschichtliche Herausforderung und Gegenwartsaufgabe. Durchsetzung und Bedeutung des Lohnrahmentarifvertrages II, in: Hilde Wagner (Hrsg.), Arbeit und Leistung - gestern und heute: ein gewerkschaftliches Politikfeld, Hamburg 2008, S. 83-96.
6.
Vgl. Stefan Remeke, Gewerkschaften und Sozialgesetzgebung. DGB und Arbeitnehmerschutz in der Reformphase der sozialliberalen Koalition, Essen 2005.