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6.4.2011 | Von:
Dieter Sauer

Von der "Humanisierung der Arbeit" zur "Guten Arbeit"

Aktions- und Forschungsprogramm "Humanisierung des Arbeitslebens"

Vor diesem Hintergrund entstand ein reformorientiertes Bündnis aus Bundesregierung, Gewerkschaften, Arbeitgeberverbänden und Wissenschaft, welches das Humanisierungsprogramm der ersten Phase (1974-1980) trug. In dieser Anfangsphase bestanden genügend parallele Ziele auf Basis der Interessen der Akteure.[7] Entscheidend waren die Schnittmengen zwischen den Interessen des Managements und der Arbeitgeberverbände (Modernisierung der Organisationsstrukturen) auf der einen und den Betriebsräten und Gewerkschaften (Ausweitung der Mitbestimmung) auf der anderen Seite. Der Arbeitsforschung fiel die Aufgabe zu, analytische Grundlagen und "gesicherte arbeitswissenschaftliche Erkenntnisse" zu liefern und betriebliche Gestaltungsprojekte zu begleiten.[8]

Diese Interessenkonstellation konnte in eine beteiligungsorientierte Programmorganisation übersetzt werden: Neben den unabhängigen Wissenschaftlern und Experten waren Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände gleichgewichtig in den programm- und projektbegleitenden Beratungsgremien vertreten, Betriebs- und Personalräte waren aktiv an Gestaltungsprojekten beteiligt (Zustimmungspflicht) und schließlich gab es trägerautonome Transferprojekte der Tarifparteien für ihre jeweiligen Zielgruppen. Das Programm zur "Humanisierung des Arbeitslebens", das bis 1989 unter diesem Namen existierte, hat eine Fülle von Ergebnissen und betrieblichen Erfahrungen geliefert: vom Abbau negativer Umgebungseinflüsse etwa bei Lärm und Asbest über menschengerechte Gestaltung von Industrierobotern, Werkzeugmaschinen und flexiblen Fertigungssystemen bis hin zu beteiligungsorientierten Organisationsmodellen in der Montage und Büroautomation.[9]

Aus heutiger Sicht erscheint das HdA-Programm als eine herausragende Erfolgsgeschichte.[10] Dennoch gab es damals auch Kritik: Einige Wissenschaftler und Gewerkschafter sahen in dem Programm die "Fortsetzung von Rationalisierung mit anderen Mitteln (...). Das Humanisierungsprogramm bewirkte keinen Wandel der strukturellen Machtasymmetrie zwischen Kapital und Arbeit - Erfolge waren allenfalls innerhalb dieser Machtasymmetrie zu erreichen, und diese waren häufig mehr als bescheiden."[11] Wie berechtigt diese Kritik war, ist jedoch erst im Laufe der folgenden Jahre mit den Veränderungen von Programmzielen und deren Umsetzung deutlich geworden.

Fußnoten

7.
Vgl. Werner Fricke, Dreißig Jahre staatlich geförderte Arbeitsgestaltung - eine Bilanz, in: Jürgen Peters/Horst Schmitthenner, "Gute Arbeit": Menschengerechte Arbeitsgestaltung als gewerkschaftliche Zukunftsaufgabe, Hamburg 2003, S. 51-66.
8.
Sowohl den ingenieurwissenschaftlich ausgerichteten Arbeitswissenschaften wie auch den Sozialwissenschaften eröffneten sich damit neue Möglichkeiten der Finanzierung von groß angelegten Forschungs- und Gestaltungsprojekten. Sie legten vielfach die Grundlagen für den Ausbau diverser Institute und auch der Etablierung an den Universitäten.
9.
Vgl. Günter Neubauer/Paul Oehlke, Gesellschaftliche Knotenpunkte arbeitspolitischer Programmentwicklung in Deutschland, in: Zeitschrift für Arbeitswissenschaft, (2009) 2, S. 92-103.
10.
Seine Ergebnisse finden sich in der 100 Bände umfassenden Schriftenreihe Humanisierung des Arbeitslebens (Campus Verlag, VDI-Verlag, Verlag Glückauf).
11.
G. Schmidt (Anm. 2), S. 176.