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6.4.2011 | Von:
Dieter Sauer

Von der "Humanisierung der Arbeit" zur "Guten Arbeit"

Ein Programm unter "Marktdruck"

Das HdA-Programm geriet vor diesem Hintergrund in den Fokus politischer Auseinandersetzungen und erfuhr vielfältige Veränderungen und Einschränkungen: Schon in den 1980er Jahren wurden die beteiligungsorientierte Programmorganisation schrittweise aufgelöst (Bedeutungsverlust der Beratungs- und Sachverständigenkreise, Rückzug der Tarifparteien, weniger Einfluss der Betriebsräte) und die Demokratisierungsansätze der ersten Programmphase gestoppt. 1989 wurde das Humanisierungsprogramm in "Arbeit und Technik" umbenannt und neu konzipiert. "Fortan zielte das Programm vor allem auf die wettbewerbspolitisch begründete Förderung wirtschaftlicher Modernisierung."[15]

In der Ende der 1990er Jahre im Rahmen des Programms verselbstständigten Dienstleistungsinitiative bestimmten dann überwiegend Unternehmensvertreter und betriebswirtschaftliche Experten die Ausrichtung der Förderperspektiven. Schließlich wurde der Programmhaushalt in den 1990er Jahren auf 50 Millionen DM heruntergefahren, also faktisch halbiert.[16] Dennoch gelang es - trotz politischen Drucks aus wechselnden Richtungen - immer wieder durch eine Neuausrichtung des Förderprogramms (2001 "Innovative Arbeitsgestaltung - Zukunft der Arbeit", 2006 "Innovationen mit Dienstleistungen") und eine Anpassung an jeweils aktuelle Herausforderungen (innovations- und beschäftigungspolitische Fragestellungen) ein Programm zu erhalten, das auch heute noch eine wichtige Förderinstitution für Arbeitsforschung darstellt.

Die Programmentwicklung wurde nicht nur von den politischen Kräfteverhältnissen beeinflusst, sondern ist auch Ausdruck der sich vollziehenden gesellschaftlichen Umbruchprozesse. Und spätestens in den 1990er Jahren wurden die zentralen Merkmale dieses Umbruchs sichtbar: Es handelt sich um grundlegende Veränderungen in der Organisation der Unternehmen und in der Steuerung von Arbeit, die als Prozesse der Vermarktlichung beschrieben werden können. Die Marktlogik wird zum dominanten Organisations- und Steuerungsprinzip. Damit zusammenhängend wurde die historisch erreichte soziale Absicherung von Arbeitskraft weitgehend rückgängig gemacht. Mit dem Ende der Vollbeschäftigung verlor das tiefe Vertrauen auf Wachstum und sozialen Fortschritt, das sich in der "Wirtschaftswunder-Bundesrepublik" herausgebildet hatte, endgültig seine stabile Grundlage.[17]

Mit steigenden Arbeitslosenzahlen trat das Problem der Beschäftigungssicherung in den Vordergrund und verdrängte schnell und nachhaltig alle anderen Zielsetzungen von der arbeitspolitischen Agenda. Die Losung "Hauptsache Arbeit" einte alle arbeitspolitischen Akteure zumindest in der Frage der Prioritäten. Die Qualität der Arbeit verschwand hinter einem abstrakten, inhaltlich leeren Begriff von Erwerbsarbeit, der die Existenzsicherung durch Arbeit ins Zentrum stellte. Im Zeichen der Standort- und Beschäftigungssicherung wurden viele der früher von den Arbeitnehmern und ihren Interessenvertretungen erkämpften sozialen Errungenschaften, die auch Merkmale einer Qualität der Arbeit waren, gegen Zusagen zur Arbeitsplatzsicherung eingetauscht. Neben Einkommensverlusten waren dies vor allem längere Arbeitszeiten, weniger Urlaub, schlechtere Pausen- oder Schichtzeitregelungen, höhere Leistungsziele. Darüber hinaus wurde an vielen Stellen - so zum Beispiel in den Montagehallen der Automobilindustrie - das Rad der Arbeitsgestaltung zurückgedreht: Über-Kopf-Arbeit wieder eingeführt, Taktzeiten verkürzt, Gruppenarbeit aufgelöst, Beteiligungsformen (wie zum Beispiel Gruppensprecher) zurückgenommen.

Fußnoten

15.
W. Fricke (Anm. 7), S. 55.
16.
Vgl. G. Neubauer/P. Oehlke (Anm. 9), S. 97.
17.
Vgl. Dieter Sauer, Arbeit im Übergang. Zeitdiagnosen, Hamburg 2005.