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6.4.2011 | Von:
Dieter Sauer

Von der "Humanisierung der Arbeit" zur "Guten Arbeit"

Humanisierungspolitische Renaissance?

Nicht ohne Grund werden die 1990er Jahre als "arbeitspolitisch verlorenes Jahrzehnt"[18] bezeichnet. Doch auch im folgenden Jahrzehnt hat sich die Entwicklungsrichtung nicht geändert: Die Arbeitsbedingungen haben sich weiter verschlechtert, der arbeitspolitische Problemdruck hat sich zugespitzt. Was sich geändert hat, ist die Wahrnehmung und öffentliche Thematisierung der zum Teil dramatischen Folgen dieser Entwicklung. So haben der gestiegene Zeit- und Leistungsdruck in den Betrieben und die rapide Zunahme psychischer Erkrankungen inzwischen auch die Titelseiten der Zeitungen erreicht. Die Botschaften der meisten wissenschaftlichen Berichte sind fast identisch: Fast jeder zweite Arbeitnehmer leidet stark unter Hektik, Zeit- und Termindruck am Arbeitsplatz. Ebenso viele klagen über massive Erschöpfungszustände. Psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen sind dabei, den Charakter einer Volkskrankheit zu erreichen. Und es gibt inzwischen auch zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen, welche die Ursachen dieser Belastungen und Gesundheitsgefährdungen in den betrieblichen Reorganisations- und Rationalisierungsstrategien und im daraus resultierenden, oft überfordernden Leistungsdruck identifiziert haben.

Die große Resonanz der Initiativen zu "Guter Arbeit" und die daraus entstandenen Hoffnungen sind auch vor diesem Hintergrund zu verstehen. Ist die bleierne Zeit des arbeitspolitischen Stillstands beziehungsweise der arbeitspolitischen Rückschritte nun vorbei? Gibt es eine Trendwende, treten Fragen der Qualität der Arbeit aus dem Schatten anderer drängender Probleme? Zumindest - und das wäre eine Parallele zu den 1970er Jahren - drängen sich qualitative Fragen der Entwicklung von Arbeit interessenpolitisch wieder mehr in den Vordergrund. Wachsender Problemdruck, Konflikte und eine breite öffentliche Thematisierung erinnern an den historischen Ausgangspunkt der HdA-Initiativen in den 1970er Jahren. Aber so wichtig es sein mag, an frühere historische Errungenschaften und den gesellschaftspolitischen Stellenwert der HdA-Initiative zu erinnern, so wichtig ist es, sich der historischen und inhaltlichen Unterschiede bewusst zu sein.

Fußnoten

18.
Klaus Pickshaus, Was ist gute Arbeit?, in: IG Metall Projekt Gute Arbeit, Handbuch "Gute Arbeit". Handlungshilfen und Materialien für die betriebliche Praxis, Hamburg 2007, S. 16-31, hier: S. 17.