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23.3.2011 | Von:
Hamed Abdel-Samad
Eren Güvercin

Was ist ein zeitgenössischer Islam?

In der Islamdebatte ist der Begriff des zeitgenössischen Islams ein geflügeltes Wort. Doch was heißt zeitgenössischer Islam? Darüber herrschen unter den in Deutschland lebenden Muslimen unterschiedliche und teils kontroverse Ansichten.

"Ohne Verherrlichung und ohne Diffamierung"

Eren Güvercin · Hamed Abdel-Samad

Eren Güvercin: Seit einiger Zeit gibt es eine intensive Debatte über Muslime in Deutschland. Es gibt Stimmen, die im Islam einen Hauptgrund für die Integrationsprobleme sehen. Was sind die Integrationsprobleme der Muslime in Deutschland, und welche Rolle spielt dabei die Religion?

Hamed Abdel-Samad: Religion beginnt in der Familie. Wenn die Eltern die Religion als eine geistige Mauer zwischen ihren Kindern und der hiesigen Gesellschaft missbrauchen, dann kann sie zum Hindernis werden. Das wäre der Fall, wenn sie Nichtmuslime als "Ungläubige" bezeichnen oder ihre Kinder vor den Kindern, "die Schweinefleisch essen", warnen. So baut sich eine Mauer zwischen den Kindern und der Gesellschaft auf. Auf der institutionellen Ebene kann Religion ein Integrationshindernis werden, wenn die Verbände ihre religiösen Vorstellungen über das Zusammenleben stellen, darauf beharren und damit ein Sonderrecht erwirken, was wiederum bei der Mehrheitsgesellschaft schlecht ankommt. Das heißt, die Religion muss nicht ein Hindernis sein, aber sie kann es werden, wenn sowohl in der Familie als auch im gesellschaftlichen Diskurs immer nur die konfliktbeladenen Aspekte der Religion betont werden.


Sie fordern von den hier lebenden Muslimen eine Reform des Islams, einen sogenannten aufgeklärten Islam. Dabei stellen Sie aber auch den Kern der Religion infrage. Was bleibt denn dann noch von der Religion übrig?

Was ist so schlimm daran, wenn ich die Unantastbarkeit des Koran infrage stelle? In einer Demokratie darf man das tun, aus islamischer Sicht nicht. Da beginnt der Konflikt, weil ich das als mein Recht bezeichne und viele Muslime das als Angriff interpretieren. Aus intellektueller und zivilgesellschaftlicher Sicht ist dagegen nichts einzuwenden. Aber wenn die Muslime ihre Religion über all diese Grundsätze erheben, dann dürfen sie das natürlich als Angriff auffassen. Eine entspannte Debatte kann aber nur entstehen, wenn diese Befindlichkeiten und Empfindlichkeiten nicht den Diskurs bestimmen, sondern wenn jeder sagen darf, was er will, ohne emotional zu werden. Das gilt nicht nur für meine Kritik, sondern für jede Form von Kritik.

Sie sind in Ägypten aufgewachsen und 1995 nach Deutschland gekommen. Wie war es für Sie, plötzlich in einer anderen Gesellschaft zu leben? Haben Sie den Kontakt zu anderen Muslimen gesucht?

Am Anfang wollte ich den Kontakt zu Muslimen vermeiden. Ich wollte nur Deutsche um mich haben, um die Sprache richtig zu lernen. Aber als die Identitätskonflikte in mir begangen, habe ich gezielt nach Gleichgesinnten in den Moscheen gesucht, um mich von den Spannungen zu erholen, die aus den intensiven Begegnungen mit der anderen Kultur entstanden sind. Es ist in der Tat ein breites Phänomen, dass vor allem unter arabischen Studenten dort ein unkontrollierter Individualisierungsprozess stattfindet (der wiederum zu einer Art Identitätskarussell führt, oder - wie ich es nenne - zu einem Identitätspoker), wo die Gemeinschaft fehlt, die einen kontrolliert, Anerkennung zeigt und Geborgenheit bietet. Das führt zu einem Hin- und Hergerissensein. Man wechselt sehr schnell das Lager, kopiert andere Sachen und verbrennt seine Finger an der Freiheit. Und dann geht man reumütig zurück in die Moschee. Die zweite Generation, die hier geboren ist, hat beide Sozialisationen parallel erlebt, durch die Familie und die Gesellschaft. Bei den arabischen Studenten, die erst später nach Deutschland kamen, erfolgte das eine nach dem anderen. Das führt bei einigen zu mehr Druck, Verwirrung und moralischer Desorientierung.

Im Zusammenhang mit der Integration von Muslimen ist oft die Rede von einer "liberalen Theologie", ohne dass klar wird, was damit gemeint ist. Ist die Frage nach der Integration überhaupt eine theologische Angelegenheit? Muss man liberal sein, um ein guter Staatsbürger zu sein?

Ich kenne viele konservative Muslime, die gut integrierte Staatsbürger sind. Das, was die Debatten dominiert, ist ein Missverständnis: Die meisten Nichtintegrierten haben mit Religion nichts am Hut. Es geht nicht darum, wie gläubig ein Mensch ist, sondern darum, wie sich dieser gläubige Mensch in Angelegenheiten einmischt, die mit Religion nichts zu tun haben wie Schulunterricht, die Freundschaften seines Kindes, die Regeln auf der Arbeit. Es gibt konservative Leute, die säkular sind. Es gibt aber auch Leute, die selber nicht fünf Mal am Tag beten, aber religiöse Grundsätze für alle Bereiche des Lebens als maßgeblich betrachten. Das behindert die Integration massiv. Daher geht es für mich weniger um eine "liberale Theologie", sondern eher um den Grundsatz, dass Religion eine Privatsache ist, und sich aus dem öffentlichen Raum und dem politischen Diskurs zurückziehen muss. Das gilt nicht nur für den Islam.

Wie bewerten Sie die Einführung eines islamischen Religionsunterrichts in den Schulen?

Ich habe prinzipiell nichts gegen islamischen Religionsunterricht, aber der deutsche Staat ist getrieben von den eigenen religiösen Traditionen, vom Staatskirchenrecht, und das ist eigentlich ein Sonderfall in Europa. Im Idealfall ist Religion und Religionsunterricht eine Privatsache. Der Staat sollte sich da nicht einmischen. Aber wir haben es hier mit einer asymmetrischen Beziehung zwischen dem Staat und den muslimischen Verbänden sowie zwischen den muslimischen Verbänden und den christlichen beziehungsweise jüdischen Verbänden zu tun. Dieser gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Asymmetrie soll durch mehr Einfluss auf die Inhalte entgegengewirkt werden.

Aber grundsätzlich ist es nicht Aufgabe des Staates, für Religionsunterricht zu sorgen. Das ist eine Sache der Glaubensgemeinschaften, die sie mit ihren Anhängern aushandeln. Was der Staat anbieten kann - das wäre meine Wunschvorstellung -, ist, dass wir über die Religionen im Unterricht aufklären, ohne überall den konfessionellen Religionsunterricht einzuführen. Alle Religionen müssten mit Respekt, aber auch fachlicher Kompetenz unterrichtet werden - ohne Verherrlichung und ohne Diffamierung.

Erweitern wir das Bild: In Ihrem Buch "Der Untergang der islamischen Welt" vertreten Sie die These, dass der Islam als politische Idee und gesellschaftliche Kultur ausgedient habe. Dennoch gab es vielerorts Stimmen, die angesichts der Revolutionen in Tunesien und Ägypten vor einer Erstarkung und Machtübernahme der Islamisten warnten. Sie haben die Aufstände auf dem Tahrir-Platz in Kairo miterlebt: Waren die Muslimbrüder bei den Protesten präsent?

Sie waren präsent, aber haben die Szene nicht dominiert. Die Umwälzungen in der arabischen Welt haben die Menschen hier in Europa überrumpelt. Sie haben die ganze Welt aufgefordert, sofort zu handeln. Viele haben aber nur langsam reagiert. Diese Asymmetrie, von der wir gerade gesprochen haben, zwischen den Migranten und der deutschen Mehrheitsgesellschaft, zwischen muslimischen Organisationen und dem Staat, herrscht auch zwischen Europa und der arabisch-islamischen Welt: Wir haben immer diese Ungleichzeitigkeit, diese zwei unterschiedlichen Entwicklungsgeschwindigkeiten beklagt.

Doch zum ersten Mal sind es die Araber, die schneller sind: Sie nutzen Facebook, eine Errungenschaft der Globalisierung, und verändern damit in kürzester Zeit ihr Leben. Die Welt schaut zu und staunt, mehr aber auch nicht, weil man nicht bereit ist, zu verstehen, dass diese Veränderungen auch Europa zwingen, sich zu verändern. Deshalb waren die Reaktionen meist verkrampft.

Sie kennen sich mit der Muslimbruderschaft aus, da sie selbst Mitglied waren. Wie groß ist die Gefahr, die von ihr ausgeht?

Ich sage immer, der ehemalige Präsident Ägyptens Husni Mubarak wurde 1928 geboren, und im selben Jahr wurde die Muslimbruderschaft gegründet. Beide gehören zur alten Struktur. Die jungen Muslimbrüder denken anders und haben ganz andere Vorbilder als die alte Garde. Die Türkei als eine islamisch inspirierte Demokratie ist ein wichtiges Vorbild für die neue Generation. So heißt die neue Partei, die von der Muslimbruderschaft nach der Revolution gegründet wurde, "Gerechtigkeit und Freiheit" - in Anlehnung an die "Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung" (AKP) des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoan.

Die jungen Muslimbrüder haben sich längst vom Traum der Errichtung eines Gottesstaates verabschiedet. Alle reden von einer zivilen Gesellschaft, von einem Staat, der durch seine Institutionen lebt und nicht durch eine göttliche Macht. Die Jugend, die früher keine Stimme hatte, hat jetzt eine Stimme, und braucht die Muslimbrüder nicht mehr als Sprachrohr - auch wenn die Muslimbrüder nun nicht mehr kriminalisiert werden und sich am politischen Spiel beteiligen dürfen.

Der politische Islam hat eigentlich schon längst an Einfluss verloren, weil er nie imstande war, die Massen zu mobilisieren. Die Muslimbruderschaft hat es lange Zeit versucht, aber es ist ihnen nicht gelungen. Die jungen Menschen haben sich sowohl von den alten Strukturen Mubaraks als auch von der Ideologie der Muslimbruderschaft gelöst. Der Islam als politische Kraft hat den Muslimen nicht viel zu bieten, es sei denn, er befreit sich von dem wichtigsten Anspruch des politischen Islams, nämlich der Herrschaft Gottes auf Erden. Doch wenn ich sage, dass der politische Islam pleitegegangen ist, dann werden sowohl Europäer als auch Muslime sauer.

Das Gespräch fand am 2. März 2011 statt.