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23.3.2011 | Von:
Nimet Şeker

Ist der Islam ein Integrationshindernis? - Essay

Scharia als Gottesgesetz?

"Sind Islam und die Scharia, das islamische 'Rechtssystem', in Übereinstimmung zu bringen mit Demokratie, Menschenrechten, Meinungsfreiheit, Pluralismus und, dies der Kernpunkt überhaupt, mit der Gleichstellung der Geschlechter?", fragt beispielsweise ein renommierter Publizist.[4] Bei diesem Ansatz wird die "Scharia" als eine Ordnung verstanden, auf die jegliche Form von abweichendem Verhalten von Muslimen zurückzuführen ist. Sie gilt als normatives System, das zur Erklärung von Kriminalität und Gewaltverbrechen, Unterdrückung von Frauen und jeglichem politischen und sozialen Verhalten herangezogen wird und das dieser Auffassung nach in seiner Entwicklungsstufe im "Mittelalter" beziehungsweise in der "Vormoderne" stehengeblieben ist. So beschreibt auch eine weitere Publizistin muslimische Gemeinschaften als "Kollektive", die "Geboten und Verboten" unterliegen, die "letztlich Gottes Wille sind".[5] Türkei- und arabischstämmige Einwanderer missachteten deswegen die Gesetze der Demokratie, denn sie gingen davon aus, dass "Gott selbst der Gesetzgeber ist, dass seine im Koran niedergelegten Offenbarungen Gesetzeskraft habe und es keinen 'säkularen' Lebensbereich gibt".[6]

Hier herrscht offensichtlich ein Verständnis von "Scharia" als gottgegebenes Gesetz und von Menschen unveränderbarem Recht vor. Das ist irreführend, denn die Gleichsetzung von "Scharia" mit "Islamischem Recht" stellt eine Bedeutungsverengung dar. Scharia bezeichnet zunächst nur die Gesamtheit der Ge- und Verbote, die durch den Koran und die Prophetentraditionen (Hadithe) offenbart wurden.[7] Der Jurist und Islamwissenschaftler Mathias Rohe betont: "Die Scharia ist nicht etwa ein Gesetzbuch, sondern ein höchst komplexes System von Normen und Regeln dafür, wie Normen aufgefunden und interpretiert werden können. (...) Islamisches Recht (...), aber auch der Umgang mit religiösen Normen beruhen auf sekundärer Findung durch Auslegung und Schlussfolgerung, also auf menschlicher Denkkunst."[8] Die Scharia ist demnach kein kodifiziertes Recht, das sich etwa an einen weltlichen Vollstrecker dieser Gebote richtet. Das Islamische Recht wiederum ist nicht "Gottesgesetz", sondern ein von religiösen Quellen abgeleitetes, menschengemachtes Recht - und damit veränderbar.

Fußnoten

4.
Ralph Giordano, Nicht die Moschee, der Islam ist das Problem, in: Franz Sommerfeld (Hrsg.), Der Moscheestreit. Eine exemplarische Debatte über Einwanderung und Integration, Köln 2008, S. 46.
5.
N. Kelek (Anm. 1), S. 53, S. 59, S. 55.
6.
dies., Die muslimische Frau in der Moderne, in: APuZ, (2006) 1-2, S. 30.
7.
Vgl. Kathrin Klausing, Zur Terminologie einer islamischen Theologie in Deutschland, in: Hikma, 1 (2010), S. 50-55.
8.
Mathias Rohe, Das islamische Recht. Geschichte und Gegenwart, München 20092, S. 16.