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"Islamische Studien" an deutschen Universitäten - Zielsetzungen, offene Fragen und Perspektiven


23.3.2011
Bei der gesellschaftlichen Implementierung eines hier beheimateten Islams sind mindestens zwei strategische Handlungsfelder erkennbar: die Einführung eines islamischen Religionsunterrichts und die Akademisierung des Islams.

Einleitung



Am 31. Oktober 2011 feiern Deutschland und die Türkei den 50. Jahrestag der Unterzeichnung des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens. Der Vertragsabschluss von Bad Godesberg im Oktober 1961 und der danach einsetzende Zuzug türkischer Arbeitskräfte markiert mehr als jedes andere Datum in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland den Beginn eines nachhaltigen Transformationsprozesses, in dem sich eine ethnisch weitgehend homogene, überwiegend christlich geprägte Gesellschaft sukzessiv in eine werteplural orientierte Zuwanderungsgesellschaft wandelte. Seit spätestens Mitte der 1970er Jahre wurden die Veränderungen auch im öffentlichen Raum langsam sichtbar. Vor allem der Islam in seinen mannigfachen Ausprägungen entwickelte sich zu einem wahrnehmbaren Bestandteil des urbanen Lebens. Die Zahl der Muslime ist seither kontinuierlich gestiegen. Die Studie "Muslimisches Leben in Deutschland" schätzt die Zahl der heute in Deutschland lebenden Muslime auf bis zu 4,3 Millionen.[1] Der Islam ist nach den christlichen Kirchen unbestritten die drittgrößte Religionsgemeinschaft in Deutschland.

Obwohl Muslime seit mehr als fünf Dekaden in Deutschland leben, erscheint der Islam vielen Menschen, die sich der nichtislamischen Mehrheitsgesellschaft zurechnen, als eine hier nicht beheimatete "Ausländerreligion". Verantwortlich für diesen Sachverhalt sind unter anderem zahlreiche Versäumnisse der vergangenen zwei Dekaden, die gleichermaßen der Residenzgesellschaft und den Entsendestaaten, Zuwanderern und deren Organisationen angelastet werden können.

Zunächst ist zu konstatieren, dass die verantwortliche Politik in Bund, Ländern und Kommunen mehr als zwei Jahrzehnte lang nicht zur Kenntnis nahm, dass viele muslimische Zuwanderer eine Verbleiborientierung entwickelt hatten. "Gastarbeiter" waren zu Zuwanderern geworden, die ihren Lebensschwerpunkt dauerhaft in Deutschland hatten. Die Entwicklung einer dauerhaften Verbleiborientierung führte auch zu einer veränderten Bedürfnislage in Sachen Religionsausübung. Bislang hatten sich viele muslimische Zuwanderer mit provisorisch eingerichteten Gebetsräumen abgefunden. Qualifizierte Imame und eine lebensweltbezogene Bildungsarbeit in den Gemeinden gab es faktisch nicht. Nun wollte und forderte man repräsentative Moscheegebäude und in den Schulen einen ordentlichen Religionsunterricht.

Die Politik reagierte auf diese Forderungen äußerst schwerfällig. Als erstes Bundesland entschloss sich Nordrhein-Westfalen ein schulisches Bildungsangebot für muslimische Schülerinnen und Schüler einzuführen. Die im Jahr 1986 eingeführte Islamische Unterweisung war jedoch für eine lange Zeit lediglich ein Bestandteil des muttersprachlichen Unterrichts. Erteilt wurde sie zumeist in türkischer Sprache. Der Islam blieb damit im schulischen Kontext lediglich eine Ausländerreligion.[2] Versäumnisse sind aber auch den Entsendestaaten und den hiesigen islamischen Dachverbänden anzulasten. Verwiesen sei hier lediglich auf die Politik der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion e.V. (DITIB), einem Dachverband von bundesweit etwa 900 Moscheegemeinden, die wegen ihrer Nähe zur türkischen Administration wiederholt in der Kritik stand. Die DITIB stand für einen langen Zeitraum einem deutschsprachigen Islamunterricht in öffentlichen Schulen ablehnend gegenüber. Durchaus problematisch zu sehen ist auch ihre Imam-Entsendepraxis, die seit Jahrzehnten im Rotationsprinzip durchgeführt wird. Eine nachhaltige Beziehungs- und Dialogarbeit der Gemeinden zum deutschsprachigen Gemeindeumfeld wurde und wird hierdurch erheblich erschwert.

Mittlerweile haben nahezu alle Akteure aus Politik und Moscheegemeinden erkannt, dass die gesellschaftliche Implementierung eines hier beheimateten Islams eine wichtige Zukunftsaufgabe darstellt. Seit der Einberufung der ersten Deutschen Islamkonferenz (DIK) im Jahr 2006 sind zwei strategische Handlungsfelder erkennbar. Ganz oben auf der Agenda steht die Einführung eines islamischen Religionsunterrichts für die geschätzten 800.000 bis 900.000 muslimischen Schülerinnen und Schüler. Im zweiten Handlungsfeld soll die Akademisierung des Islams vorangetrieben werden.

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Fußnoten

1.
Vgl. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Hrsg.), Muslimisches Leben in Deutschland, Nürnberg 2009.
2.
Vgl. Michael Kiefer, Islamkunde in deutscher Sprache in Nordrhein-Westfalen, Münster 2005, S. 89ff.