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23.3.2011 | Von:
Michael Kiefer

"Islamische Studien" an deutschen Universitäten - Zielsetzungen, offene Fragen und Perspektiven

Islamische Einheitstheologie?

Grundsätzlicher Klärungsbedarf besteht ferner bei der Festlegung der "Geschäftsbereiche" einer islamischen Theologie und Religionspädagogik. Nach knapp einer Dekade Islamdebatte in Europa, die in den Feuilletons aller großen Medien mit viel Verve geführt wurde, hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass der Islam als Interpretationsreligion vielgestaltig ist. Dies gilt umso mehr für "den Islam" und seine Erscheinungsformen in Zuwanderungsgesellschaften, da hier Muslime aus zahlreichen Ländern mit jeweils verschiedenen kulturellen und religiösen Entwicklungen eine neue Heimat gefunden haben.

Im Organisationsprozess muslimischer Vereine und Verbände, der zurzeit zu beobachten ist, finden diese Fakten ihren deutlichen Niederschlag. Mittlerweile hat sich beispielsweise die Alevitische Gemeinde Deutschland als eigenständige religiöse Tradition innerhalb des Islams aufstellt und in einigen Bundesländern einen alevitischen Religionsunterricht beantragt. Baden-Württemberg, Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen haben im Schuljahr 2007/2008 mit der Einführung eines alevitischen Religionsunterrichts im Sinne des Artikels 7 Absatz 3 des Grundgesetzes (GG) begonnen. Ein ähnlicher Weg zeichnet sich vielleicht für die schiitischen Gemeinden ab. Im März 2009 gründeten 110 schiitische Gemeinden den Dachverband Islamische Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden Deutschlands. Seinem Selbstverständnis nach ist der Verband eine Religionsgemeinschaft im Sinne des Artikels 140 GG und damit auch Ansprechpartner für einen möglichen schiitischen Religionsunterricht. In Hessen stellte im Januar 2011 die Ahmadiyya einen Antrag auf die Einführung eines islamischen Religionsunterrichts. Langfristig könnten sich außerdem, in Analogie zu der Ausdifferenzierung der jüdischen Gemeinden in orthodoxe und liberale, neben dem sunnitischen Verbandsislam liberale muslimische Gemeinden und Organisationen etablieren. Es ist durchaus denkbar, dass diese einen weiteren islamischen Religionsunterricht beantragen und damit das vorhandene Spektrum erweitern würden.

Die skizzierte Entwicklung zeigt, dass sich der Islam in Deutschland in einem Prozess der Konfessionalisierung befindet. Die Bildung weiterer kleinerer islamischer Religionsgemeinschaften im Sinne des Artikels 140 GG begründet mit Sicherheit neue Ansprüche gegenüber der Bildungs- und Wissenschaftspolitik der Länder. Es ist deshalb schon bald damit zu rechnen, dass Forderungen nach einer an Universitäten verankerten alevitischen und schiitischen Theologie laut werden. Unklar ist, ob die angestrebten Zentren in ihrem jetzigen Zuschnitt der skizzierten Entwicklung beziehungsweise der zu erwartenden Pluralisierung gerecht werden können.