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14.3.2011 | Von:
Thomas Retzmann

Kompetenzen und Standards der ökonomischen Bildung

Für die Standardisierung der Ziele ökonomischer Bildung fehlte bislang ein domänenspezifisches Kompetenzmodell. Der Beitrag skizziert einen Vorschlag, der die Anforderungen der KMK einzulösen verspricht.

Einleitung

Die Standardisierungsdiskussion wird in allen Fachdidaktiken geführt.[1] Bildung soll seit dem "PISA-Schock" und dem Erscheinen der von Eckhard Klieme et al. vorgelegten Expertise "Zur Entwicklung nationaler Bildungsstandards"[2] demzufolge nicht mehr allein über den Input, sondern vor allem über den Output gesteuert werden. Im Zuge dieses Paradigmenwechsels der Schulpolitik stellte sich eine um die andere Fachdidaktik die Aufgabe, ihre Domäne kompetenztheoretisch zu fundieren.

Für die Domäne der ökonomischen Bildung fehlte bis vor kurzem ein theoretisch fundiertes und elaboriertes Kompetenzmodell, das der Standardisierung ihrer Ziele zugrunde gelegt werden könnte. Gleichwohl stehen in den Bundesländern, besonders in jenen, die wie Baden-Württemberg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen (Modellversuch an Realschulen) über ein eigenständiges Fach für diese Domäne verfügen, Kommissionen vor der Aufgabe, den Outcome ökonomischer Bildung in Termini von Kompetenzen zu formulieren und in Form von Standards zu normieren.

Die Vorschläge der Deutschen Gesellschaft für ökonomische Bildung (DeGöB) genügen nur zum Teil den Anforderungen der Klieme-Expertise. Trotz dieses Mangels wurden sie seit ihrem ersten Entwurf, anders als in anderen Domänen,[3] nicht neu aufgelegt, sondern nur von einzelnen Autoren fortentwickelt. Diese Vorarbeiten[4] weiterführend legte Ende 2010 eine Gruppe von Wirtschaftsdidaktikern, der auch der Verfasser angehörte, ein Modell domänenspezifischer Kompetenzen nebst abschlussbezogenen Bildungsstandards und exemplarischen Aufgabenbeispielen vor.[5] Eine derart umfassende Ausarbeitung, die zugleich in Inhalt, Form und Aufbau den von der Kultusministerkonferenz (KMK) für andere Fächer verabschiedeten Bildungsstandards entspricht, stellt für die ökonomische Domäne ein Novum dar.

Die KMK stellt an Bildungsstandards formale und inhaltliche Anforderungen, die es zu beachten galt:
  • Die Standards müssen abschlussbezogen formuliert werden.
  • Diese abschlussbezogenen Standards müssen sich durch Kumulativität auszeichnen, um einen nachhaltigen Kompetenzaufbau über mehrere Jahrgänge und Niveaustufen hinweg zu sichern. Dafür wird ein Kompetenzmodell benötigt, das es erlaubt, Kompetenzzuwächse von der Grundschule bis zur Sekundarstufe II abzubilden.
  • Die von der KMK verabschiedeten Standards fokussieren kognitive Fähigkeiten, obschon Kompetenzen laut einschlägiger Definition[6] auch motivationale, volitionale (auf das Wollen bezogene) und soziale Bereitschaften und Fähigkeiten beinhalten. Daher erfolgte auch hier eine Beschränkung auf kognitive Fähigkeiten.
  • Standards geben ausschließlich Kompetenzziele, nicht den Weg dorthin an. Daher enthalten sie keine Vorgaben für die Thematik und Methodik des Unterrichts.
  • Ihre Erreichung soll mittels standardisierter Lernstandserhebungen und Schulleistungsstudien überprüfbar sein.
  • Die in den Standards zum Ausdruck kommenden Kompetenzstufen sollen durch Aufgabenbeispiele "illustriert"[7] werden.

Fußnoten

1.
Dieser Beitrag beruht auf Thomas Retzmann/Günther Seeber/Bernd Remmele/Hans-Carl Jongebloed, Ökonomische Bildung an allgemeinbildenden Schulen, Essen-Lahr-Landau-Kiel 2010, online: www.wida.wiwi.uni-due.de/downloads/publikationen (16.2.2011), ohne dies in jedem Einzelfall auszuweisen. Die Verantwortung verbleibt gleichwohl allein beim Verfasser.
2.
Eckhard Klieme et al., Zur Entwicklung nationaler Bildungsstandards. Eine Expertise, hrsg. vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, Bonn 20072, S. 7-176.
3.
Die Deutsche Gesellschaft für Geographie (DGfG) beispielsweise hat ihren Entwurf sukzessive weiterentwickelt und 2010 bereits die sechste Auflage vorgelegt.
4.
Siehe vor allem Thomas Retzmann, Nationale Standards für die ökonomische Bildung - Theoretische Grundlagen und offene Forschungsfragen, in: Bernd O. Weitz (Hrsg.), Standards in der ökonomischen Bildung, Bergisch Gladbach 2005, S. 51-72; Eberhard Jung, Möglichkeiten der Überprüfung von Kompetenzmodellen in der Ökonomischen Bildung, in: Bernd O. Weitz (Hrsg.), Kompetenzentwicklung, -förderung und -prüfung in der ökonomischen Bildung, Bergisch Gladbach 2006, S. 33-60; Günther Seeber/Julia Krämer, Zur Modellierung ökonomischer Kompetenzen vor dem Hintergrund eines fragwürdigen Domänenbegriffs - das Beispiel Nachhaltige Entwicklung, in: Andreas Fischer/Günther Seeber (Hrsg.), Nachhaltigkeit und ökonomische Bildung, Bergisch Gladbach 2007, S. 47-66; Hans Kaminski/Katrin Eggert/Karl-Josef Burkard, Konzeption für die ökonomische Bildung als Allgemeinbildung von der Primarstufe bis zum Abitur, hrsg. vom Bundesverband Deutscher Banken, Berlin 2008; Bernd Remmele, Ökonomische Kompetenzentwicklung - Systeme verstehen, in: Günther Seeber (Hrsg.), Forschungsfelder der Wirtschaftsdidaktik, Schwalbach/Ts. 2009, S. 92-103.
5.
Entwickelt im Auftrag des Gemeinschaftsausschusses der Deutschen Gewerblichen Wirtschaft.
6.
Vgl. E. Klieme et al. (Anm. 2), S. 78; vgl. auch ders., Was sind Kompetenzen und wie lassen sie sich messen?, in: Pädagogik, (2004) 6, S. 12, zur Beschränkung auf kognitive Leistungsbereiche.
7.
E. Klieme et al. (Anm. 2), S. 50.