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2.3.2011 | Von:
James W. Vaupel
Björn Schwentker

Eine neue Kultur des Wandels - Essay

Die jungen Alten kommen

Die Verlängerung der Lebenserwartung findet also sozusagen am "oberen Ende" des Lebens statt. Die Alten werden in Zukunft noch älter. In der Öffentlichkeit hat diese erfreuliche Entwicklung zu einigen Fehleinschätzungen geführt. Sie sind hauptsächlich auf ein verzerrtes Bild des Alterns zurückzuführen: Das einer senilen Bevölkerung, deren Alte für die Gemeinschaft vornehmlich eine Bürde sind. Symbolhaft haben sich dafür Begriffe wie "Vergreisung" oder "Überalterung" der Gesellschaft in der medialen Debatte breit gemacht, verbunden mit den Assoziationen von Krankheit, Schwäche und egoistischem Altersstarrsinn.

Die Diskussion leidet unter einem systematischen Denkfehler: der "Ceteris-Paribus-Logik", also der irrigen Annahme, dass sich nur ein Parameter ändert, alles andere aber so bleibt, wie es ist. Es wird zwar allgemein akzeptiert, dass wir sehr viel älter werden. Es wird aber ignoriert, dass wir auch sehr viel gesünder altern als früher. Tatsächlich verändert sich das Alter beträchtlich und ist gleichzeitig von uns selbst veränderbar. Es ist plastisch.

Es gibt begründete Hoffnung, dass sich die Lebensspanne, innerhalb derer wir noch gesund, leistungs- und arbeitsfähig sind, genauso schnell erweitert wie die Lebenserwartung steigt. Grob gesprochen ist damit ein heute 50-Jähriger so fit wie noch 1970 ein 40-Jähriger oder ein 65-Jähriger so gesund wie ein damals 55-Jähriger. Das Alter wird also immer aktiver und agiler, und Alte können (und wollen) gesellschaftlich mehr Verantwortung übernehmen als früher. Mit dieser Einsicht verliert der demografische Wandel sofort eine Menge des ihm zu Unrecht zugeschriebenen Schreckens.

Wieso dürfen wir so optimistisch sein? In der Tat ist wissenschaftlich noch nicht geklärt, wie genau sich Alterskrankheiten und funktionale Behinderungen im Licht der steigenden Lebenserwartung entwickeln. Es steht außer Frage, dass der Körper zum Ende des Lebens hin abbaut. Wir alle altern, und manche sind schon in frühem Alter von körperlichem Leid betroffen. Aber der große Trend ist ein anderer. Es scheint realistisch, davon auszugehen, dass der Anteil der kranken und schwachen Jahre am Lebensende im Verhältnis zur gesamten Lebenszeit immer kleiner wird.

Ein starkes Indiz dafür ist die Entwicklung der Mortalität, also der Wahrscheinlichkeit, in einem bestimmten Lebensjahr zu sterben. Sie gilt als einer der verlässlichsten Indikatoren für die Gesundheit. Würden wir tatsächlich, entsprechend der gängigen Vorstellung, mit steigender Lebenserwartung immer länger siech und schwach sein, dann wäre dies die Folge eines Alterungsprozesses, der sich verlangsamt. Die körperliche Entkräftung, die wir bisher zwischen 70 und 80 erfahren haben, erlitten wir dann beispielsweise von 70 bis 85. Die Rate, mit der unsere Sterbewahrscheinlichkeit im Alter ansteigt, müsste dann abflachen. Dies ist aber nicht der Fall, wie die Mortalitätsdaten belegen: Die Änderungsrate der Sterbewahrscheinlichkeit bleibt gleich, die Mortalitätskurve verschiebt sich einfach nur in ein höheres Alter. Das heißt: Der Alterungsprozess geht nicht langsamer, der körperliche Verfall beginnt nur später.[5] Der Tod stellt sich also nicht langwieriger und schleichender ein, er wird lediglich aufgeschoben. Darum ist es sehr wahrscheinlich, dass sich die gesunde Lebensspanne in gleichem Maße verlängert.

Schwieriger ist es, die Zunahme der Gesundheit im Alter direkt zu erfassen. Zunächst sieht nämlich alles nach dem Gegenteil aus. Die Literaturlage ist zwar teils widersprüchlich, doch es kristallisiert sich heraus, dass viele, insbesondere chronische Erkrankungen im Alter häufiger werden: etwa Herz-Kreislauf-Krankheiten, Krebs, Demenz oder auch Übergewicht. Doch viele Krankheiten werden heute früher und besser erkannt, und tauchen darum in den Statistiken häufiger auf. Gleichzeitig werden sie immer früher und besser behandelt.

Ständige Fortschritte in der Medizin haben dazu geführt, dass viele Alte heute zwar in den Augen der Gesundheitsstatistik krank, aber durchaus fit sind. So lässt sich etwa mit einem Schrittmacher trotz Herzschwierigkeiten noch sehr lange und gut leben. Und künstliche Gelenke halten immer mehr Rentnerinnen und Rentner mobil, obwohl ihr Knie oder ihre Hüfte eigentlich verschlissen sind. Für medikamentöse und andere medizinische Behandlungsformen gelten ähnliche Effekte. Anders ist nicht zu erklären, wieso die Mortalität so eindeutig sinkt, während die Häufigkeit vieler Krankheiten steigt.[6]

Es ist wahrscheinlich, dass sich der Alterungsprozess auch in Zukunft weiter aufschiebt; die Voraussetzungen dafür werden immer besser: Die Medizin wird sich weiter entwickeln und das Streben nach gesünderer Ernährung und Lebensweise lag selten so sehr im Trend wie heute. Hier gibt es viel Potenzial nicht nur in den höheren Altersgruppen, sondern auch unter den Jugendlichen. Sie können das Alter künftig in noch besserem körperlichem Zustand erreichen, wenn es gelingt, einige unvernünftige Lebensweisen zu bekämpfen, wie etwa Rauchen, übermäßigen Alkoholkonsum, Mangel an Bewegung oder Übergewicht.

Fußnoten

5.
Vgl. James W. Vaupel, Biodemography of human aging, in: Nature, (2010) 464, S. 536-542.
6.
Vgl. K. Christensen et al. (Anm. 3).

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