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2.3.2011 | Von:
Axel Börsch-Supan

Ökonomische Auswirkungen des demografischen Wandels

Simulationsrechnungen

Alle drei Komponenten des BIPs - Erwerbstätigkeit, Produktivität und Kapitalstock - können auch bei einer alternden Gesellschaft wachsen. Unsere Gesellschaft ist also keineswegs zum Stillstand oder gar Rückschritt verdammt; ganz im Gegenteil bietet die Tatsache, dass Menschen im Alter von 60 Jahren heute eher den Menschen im Alter von 50 Jahren vor einer Generation ähneln, eine enorme Chance.

Die moderne Volkswirtschaftslehre bedient sich relativ komplizierter Rechenmodelle, um diese Überlegungen wissenschaftlich zu fundieren und quantitativ auszudrücken. Die Komplikationen liegen weniger in den erläuterten Grundlinien, sondern in den gegenseitigen Abhängigkeiten (zum Beispiel: weniger Produktivkapital verringert auch die Arbeitsproduktivität), der internationalen Einbindung der deutschen Volkswirtschaft und den Verhaltensreaktionen auf Gesetzesänderungen.

Abbildung 3 (sh. PDF-Version) zeigt das Ergebnis eines solchen Rechenmodells, das die ökonomischen Auswirkungen des demografischen Wandels simuliert.[9] Zielvariable ist der ökonomische Lebensstandard eines Durchschnittsdeutschen während des demografischen Wandels, der hier bis zum Jahr 2050 verfolgt wird, und zwar gemessen an den durch Arbeits- und Renteneinkommen definierten Konsummöglichkeiten im Vergleich zu einer Bevölkerung, die nicht altert. In Abbildung 3 bedeuten 100 Prozent im Jahr 2050 also, dass es einem typischen Deutschen genauso gut geht wie wenn es den demografischen Wandel nicht geben würde.

Die unterste Kurve (Kurve 1) beschreibt den wirtschaftspolitischen Status quo in dem Sinne, dass die Menschen während des demografischen Wandels unter den gleichen arbeitsmarkt- und rentenpolitischen Rahmenbedingungen leben wie heute. Diese Kurve entspricht, was die Erwerbsbeteiligung angeht, dem Status-quo-Szenario in Abbildung 2. Man sieht, dass der Lebensstandard deutlich absinkt, bis 2050 um etwa 17 Prozent, also um ein gutes Sechstel. Wegen der deutlich kleineren Zahl von Erwerbstätigen schrumpft der gesamtwirtschaftliche "Kuchen", weil weniger Menschen Güter und Dienstleistungen produzieren. Dies kann auch nicht durch Importe wettgemacht werden, denn diese müssen aus den deutschen Exporterlösen bezahlt werden - doch für die Herstellung von Exportprodukten gibt es ebenso wie für die inländische Produktion weniger Erwerbstätige.

Abbildung 3 ist relativ zu einer Entwicklung ohne den demografischen Wandel. Absolut gesehen wird die Produktivitätsentwicklung dies mehr als ausgleichen, wir werden also nicht real ärmer trotz des demografischen Wandels. Aber da die Produktivität in unseren Nachbarländern ebenso steigt (in den meisten unserer Nachbarländern übrigens stärker als bei uns), der Alterungsprozess in Deutschland aber mit der Ausnahme Italiens deutlich ausgeprägter ist, würden wir im Vergleich mit unseren Nachbarländern Jahr für Jahr ärmer werden.

Die übrigen Kurven zeigen, dass es nicht so kommen muss. Dem Status-quo-Szenario werden zwei Politikmaßnahmen (Arbeitsmarkt- und Sozialversicherungsreform) mit und ohne Verhaltensreaktionen gegenübergestellt. Im besten Falle wird die Zukunft wie Kurve 2 aussehen. Ihr liegt eine Reform des Arbeitsmarktes zugrunde, welche die Erwerbstätigkeit auf das dänische Niveau erhöht, also der "dänischen" Entwicklung der Abbildung 2 entspricht. Zudem werden die alterungsabhängigen, umlagefinanzierten Sozialversicherungen - also die Renten-, Kranken- und Pflegeversicherungen - stärker kapitalgedeckt finanziert. Riester- und Betriebsrentensystem werden also weiter ausgebaut, die gesetzliche Krankenversicherung muss ebenso hohe Rücklagen bilden wie die privaten Krankenversicherungen und die Pflegeversicherung wird komplett kapitalgedeckt. Werden alle diese Reformen vollständig umgesetzt und von der Bevölkerung angenommen, zeigt Kurve 2, dass im Zuge des demografischen Wandels unser Lebensstandard sogar deutlich steigen kann.

Wird reformpolitisch zwar eine Angleichung der deutschen Erwerbstätigkeit an die dänische geschafft, aber auf eine stärkere kapitalgedeckte Finanzierung der Sozialversicherungen verzichtet, ergibt Kurve 3 immer noch einen leichten Anstieg des Lebensstandards, allerdings nur dann, wenn die Arbeitsmarktreformen, einschließlich der Rente mit 67, auch vollständig von der Bevölkerung angenommen werden.

Typischerweise ist das jedoch nicht der Fall. Die Verhaltensreaktionen auf Gesetzesänderungen sind komplex. In den seltensten Fällen machen die Menschen genau das, was der Gesetzgeber im Sinn hatte - meistens gibt es Ausweichreaktionen. So wird die Einführung der Rente mit 67 aller Wahrscheinlichkeit nicht zu einer Erhöhung des durchschnittlichen Renteneintritts um zwei Jahre führen, sondern um deutlich weniger, weil dann zum Beispiel mehr Menschen Erwerbsminderungsrenten beantragen. Auch die Riesterrente haben bei weitem nicht alle Haushalte angenommen, sondern, je nach Einkommensschicht, zwischen ein und zwei Drittel der Anlageberechtigten.

Die Kurven 4 und 5 versuchen, diese ausweichenden Verhaltensreaktionen zu simulieren und entsprechen den Kurven 2 und 3. Nun wird es schon schwieriger, die Folgen des demografischen Wandels abzufedern: Nur mit einer Kombination aus Arbeitsmarkt- und Sozialversicherungsreform wird das gelingen.

Fußnoten

9.
Vgl. Axel Börsch-Supan/Alexander Ludwig, Old Europe is Aging: Reforms and Reform Backlashes, in: John Shoven (ed.), Demography and the Economy,Chicago 2011.

Dossier

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