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Ökonomische Auswirkungen des demografischen Wandels


2.3.2011
Der demografische Wandel ist eine Herausforderung für das ganze Wirtschaftssystem. Seine ökonomischen Auswirkungen sind jedoch kein Schicksal, sondern können mit Arbeitsmarkt- und Sozialversicherungsreformen zu Chancen umgewandelt werden.

Einleitung



Der demografische Wandel ist einer der "Megatrends" des 21. Jahrhunderts, der die politische, soziale und ökonomische Situation unseres Landes entscheidend verändern wird. In 25 Jahren wird jeder dritte Bürger Deutschlands über 60 Jahre alt sein. Anteilsmäßig sind dies mehr als doppelt so viele pro Kopf der 20- bis 60-Jährigen wie heute. Dies ist ein dramatischer Strukturwandel der deutschen Bevölkerung. Die Alterung unserer Gesellschaft hat daher tief greifende Auswirkungen auf die Alters- und Gesundheitsvorsorge. Sie ist zudem eine Herausforderung an unser gesamtes Wirtschaftssystem, an den Arbeitsmarkt, die Produktion und den Kapital- und Immobilienmarkt unseres Landes.

Wird unser Lebensstandard sinken, weil die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter zurückgeht? Oder wird der Produktivitätsfortschritt auch weiterhin für einen steigenden Lebensstandard sorgen? Könnte der bislang "natürliche" Produktivitätsfortschritt durch die Alterung vermindert oder gar gestoppt werden, weil den Alten die Ideen ausgehen? Oder gibt es einen entgegengesetzten Rückkopplungsprozess, nach dem die Gesellschaft unter dem Druck der (demografischen) Verhältnisse neue Produktivitätsreserven erschließt? Dies sind beispielhafte Fragen, die zeigen, wie fundamental der demografische Wandel unsere ökonomische Situation beeinflussen kann.

Leider hat sich in Deutschland eine eher pessimistische Sicht eingestellt. Der demografische Wandel wird von den meisten als Bedrohung, die gesetzliche Rente als Auslaufmodell und das deutsche Gesundheitssystem nur als Kostenfaktor gesehen. Ich halte dies für eine Fehleinschätzung. Ich sehe in unserer steigenden Lebenserwartung und der stetig besser werdenden Gesundheit eine Ressource, die eine längere Erwerbstätigkeit ohne größere Einbußen an Lebensqualität ermöglicht und das Bedrohungspotenzial des demografischen Wandels in eine große Chance für Jung und Alt wendet. Auch das beliebte Argument, dass ältere Menschen den jüngeren die Arbeitsplätze wegnehmen würden, ist nach aller Evidenz grundlos.

Ob der dramatische Strukturwandel unseren Lebensstandard und unseren Sozialstaat bedroht, ist daher keineswegs ausgemacht, sondern hängt von unseren künftigen wirtschafts-, sozial- und arbeitsmarktpolitischen Entscheidungen und unserer Reaktion auf diese politischen Maßnahmen ab.

Dieser Beitrag umfasst also spannende, hoch politische und daher sehr kontroverse Themen.[1] Im folgenden Abschnitt werden zunächst die demografischen und ökonomischen Rahmendaten geschildert, um die Herausforderung des demografischen Wandels und mögliche Lösungsansätze zu charakterisieren. Anschließend werden die ökonomischen Auswirkungen detailliert dargestellt, um diesen dann Lösungsansätze gegenüberzustellen. Schließlich werde ich ein typisches Simulationsmodell der Volkswirtschaftslehre auf die Problematik des demografischen Wandels anwenden und zeigen, wie sich unser Lebensstandard entwickeln kann, je nachdem welche Lösungsansätze ergriffen oder nicht ergriffen werden.

Demografie und Erwerbstätigkeit



Abbildung 1 (sh. PDF-Version) zeigt die Grundstrukturen des demografischen Wandels in Deutschland, aufbauend auf den Daten des Statistischen Bundesamtes und der sogenannten Rürup-Kommission.[2] Dargestellt sind vier Bevölkerungspyramiden: Rechts ist jeweils die Anzahl der Frauen, links die Anzahl der Männer, ansteigend vom Alter 0 bis 100 Jahre. Das Jahr 1965 (oben links) ist der Höhepunkt des Babybooms. Abgesehen von den Einschnitten der Weltkriege und Wirtschaftskrisen ist durchaus eine "Alterspyramide" zu erkennen. Heute hat sich dies grundlegend geändert (oben rechts: Jahr 2010). Drei Entwicklungen haben dazu geführt: die steigende Lebenserwartung, der auf den Babyboom folgende, sogenannte Pillenknick und die anhaltend niedrige Geburtenrate. Die Fortsetzung dieser drei Entwicklungen bewirkt zusammen den demografischen Wandel.

Erstens hat sich der Altersaufbau 2010 im Unterschied zu 1965 gestreckt: weit mehr Personen erreichen heute das Alter von 100 Jahren. Die Streckung der Pyramide repräsentiert die bislang ungebrochene Erhöhung der Lebenserwartung, die nach wie vor etwa linear ansteigt: Pro zehn Jahre erhöht sich die Lebenserwartung um 1,5 Jahre (die vorsichtige Prognose des Statistischen Bundesamtes) bis 3,5 Jahre (die sehr optimistische Prognose des Max-Planck-Instituts für Demografische Forschung in Rostock).[3] Ebenso sieht man den starken Einbruch der Kinderzahlen im Pillenknick, der auf die Babyboomjahre folgte.

Im Jahr 2010 sind die Babyboomer etwa Mitte vierzig. Die rasche Abfolge von Pillenknick auf Babyboom ist die zweite große Komponente des demografischen Wandels, die historisch gegeben ist, an der wir nichts mehr ändern können, und die in etwa 15 Jahren ganz dramatisch die sozialpolitische und ökonomische Lage Deutschlands bestimmen wird. Dies sieht man auf der Bevölkerungspyramide des Jahres 2025 (links unten). Im Vergleich zum Jahr 2010 hat sich die Abfolge von Pillenknick auf Babyboom um 15 Jahre vorgearbeitet, nun sind die Babyboomer etwa 60 Jahre alt und beginnen, in Rente zu gehen.

Weitere 25 Jahre später (rechts unten: Jahr 2050) sind die Babyboomer schon recht alt, die meisten von ihnen sind verstorben. Die erwartete Altersstruktur im Jahre 2050 zeigt, dass uns der demografische Wandel langfristig beschäftigen wird. Solange die Geburtenraten so niedrig bleiben wie sie sind - dies ist die dritte, langfristig besonders wichtige Komponente des demografischen Wandels - wird die Bevölkerungsstruktur nie wieder die Form der eingezeichneten Pyramide erreichen, sondern wird einen Kopf haben, der größer als die Basis ist. Von Generation zu Generation wird uns etwa ein Drittel der Bevölkerung fehlen. Dies liegt daran, dass die Geburtenrate von derzeit 1,4 Kindern pro Frau nur zwei Dritteln der Geburtenrate entspricht, die für eine Bestandserhaltung nötig ist (Dies sind etwa 2,1 Kinder pro Frau: Sie muss sich und ihren Mann ersetzen unter Einbeziehung der zum Glück in Deutschland sehr niedrigen Kinder- und Jugendsterblichkeit).

Für die wirtschaftliche Entwicklung ist weniger die Altersschichtung grundlegend als die Aufteilung in Menschen, die zur Wirtschaft und den sozialen Sicherungssystemen direkt oder indirekt finanziell beitragen, und Menschen, die von ihnen alimentiert werden - sei es, weil sie sich noch in der Ausbildung befinden oder sei es, weil sie sich nach dem Erwerbsleben im verdienten Ruhestand befinden. Altersschichtung und Erwerbsphase hängen zwar eng zusammen, aber hier gibt es viele Spielräume: Wenn wir uns zum Beispiel mit Dänemark vergleichen, kommen dort die jungen Menschen etwa zwei Jahre früher in ihren Beruf; es arbeiten deutlich mehr dänische Frauen als bei uns, vor allem nach der Kindererziehungsphase; schließlich gehen die Dänen über zwei Jahre später in die Rente als die Deutschen. Bei ähnlicher Altersschichtung gibt es in Dänemark also deutlich mehr Erwerbstätige pro Kopf der Bevölkerung als bei uns.

Die Kenngröße Erwerbstätige pro Kopf der Bevölkerung ist zentral für die ökonomischen Auswirkungen des demografischen Wandels; sie ist aber auch eine der wichtigsten Schlüsselgrößen für Lösungsansätze, die aus dem Bedrohungspotenzial des demografischen Wandels eine Chance machen können. Sie ist nicht einfach zu prognostizieren, da sie von vielen Annahmen wie Länge von Schulzeit und Studium, Vereinbarkeit von Beruf und Familie und von dem Verhalten der Arbeitnehmer und -geber beim Renteneintritt abhängt.

Abbildung 2 (sh. PDF-Version) zeigt zwei mögliche Verläufe, basierend auf einer Erwerbsprognose des Mannheimer Forschungsinstituts Ökonomie und Demografischer Wandel.[4] Ihr liegen zwei sehr verschiedene Annahmen zugrunde. Ein erstes Szenario ("Status quo") basiert auf der Annahme, dass die Erwerbstätigkeit nach Alter und Geschlecht, wie sie derzeit in Deutschland vorherrscht, auch in Zukunft so bleibt. Wir passen uns also zum Beispiel mit dem Rentenalter nicht dem demografischen Wandel an, sondern bleiben so, wie wir es derzeit gewohnt sind. Dem zweiten Szenario ("Dänemark") liegt stattdessen zugrunde, dass wir Deutschen in einem Anpassungsprozess das oben beschriebene Erwerbsverhalten der Dänen übernehmen. Die höhere dänische Erwerbsbeteiligung ist nicht vom Himmel gefallen oder Ausdruck einer etwaigen traditionellen dänischen Lust am Arbeiten, sondern war Resultat eines etwa zehn Jahre langen Arbeitsmarktreformprozesses in den 1990er Jahren.

Die beiden Verläufe sind höchst unterschiedlich. Unter den heutigen Erwerbsquoten sinkt die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland rapide und beträchtlich: 2030 wird es etwa 17 Prozent weniger Erwerbstätige pro Kopf der Bevölkerung geben, im Jahr 2050 sogar 23 Prozent. Erhöhen wir in den nächsten zehn Jahren unsere Erwerbstätigkeit auf das dänische Niveau, bleibt die Zahl der Erwerbstätigen pro Kopf der Bevölkerung in etwa gleich und sinkt danach bis zum Jahr 2030 lediglich um etwa vier Prozent, bis 2050 um etwa sechs Prozent ab. Die Demografie selbst ist also nicht unser Schicksal, sondern entscheidend ist, ob wir es schaffen, uns durch eine Erhöhung der Erwerbsbeteiligung an den demografischen Wandel anzupassen. Abbildung 2 zeigt, dass dies keineswegs unmöglich ist, wenn es unsere Nachbarn, die Dänen, die viel Freizeit und ein enges soziales Netz haben, bereits geschafft haben.

Ökonomische Auswirkungen



Der demografische Wandel bedeutet in der mittleren Frist, also etwa in 15 Jahren (Abbildung 1, links unten), dass wir viele Rentner haben werden, aber wenige Beitragszahler in die Rentenversicherung. Entsprechend wird es aber auch viele Personen geben, die Leistungen aus der gesetzlichen Krankenkasse benötigen, aber nur wenige, die Beiträge in die gesetzliche Krankenversicherung einzahlen. Tatsächlich sind alle unsere sozialen Sicherungssysteme bedroht, wenn es weniger Erwerbstätige und somit weniger Beitragszahler für die beitragsfinanzierten Sozialversicherungen geben wird.

Die Alterung bedeutet aber auch fundamentale Veränderungen für die makroökonomische Entwicklung. Denn in den nächsten 20 Jahren wird sich die Bevölkerungszahl der Bundesrepublik kaum ändern, sie schrumpft erst nach dem Ableben der Babyboom-Generation. Es wird also weiterhin viele Konsumenten geben in Deutschland, aber, wenn das Status-quo-Szenario der Abbildung 2 eintrifft, deutlich weniger Erwerbstätige, welche die Güter und Dienstleistungen produzieren, die diese Menschen konsumieren wollen.

Weniger Erwerbstätige, also Produzenten von Gütern und Dienstleistungen, heißt notwendigerweise, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP), nachdem wir zumindest annähernd unseren Wohlstand messen, sinken wird. Der ökonomische Lebensstandard, definiert als BIP pro Kopf der Bevölkerung, wird erzeugt als Produkt der in die Volkswirtschaft investierten Ressourcen (vor allem die Anzahl der Arbeitsstunden, aber auch des Realkapitals, also Maschinen und Ausrüstungen) multipliziert mit der Produktivität, mit der Arbeit und Maschinen eingesetzt werden. Die zukünftige Entwicklung des BIPs pro Kopf wird daher aus drei Komponenten errechnet: der zukünftigen Entwicklung der Produktivität, der Wachstumsrate der Erwerbsquote und der Wachstumsrate des Realkapitals, das pro Kopf der arbeitenden Bevölkerung aufgewendet wird.

Hier gibt es zunächst nur schlechte Nachrichten. Erstens gehen viele vom Status-quo-Szenario der Abbildung 2 aus und erwarten nicht, dass die Erwerbsquote deutlich steigen könnte. Zweitens wird vielfach behauptet, dass ältere Menschen weniger produktiv sind als jüngere. Sollte diese Behauptung stimmen, würde eine Alterung der Bevölkerung, die auch immer eine Alterung der Belegschaft impliziert, einen Rückgang der Produktivität zur Folge haben. Drittens hat eine ältere Bevölkerung eher die Tendenz dazu, Vermögenswerte abzubauen, statt neue anzusammeln. Dies gilt natürlich auch für die Sparguthaben, mit denen Investitionen finanziert werden. Ein Wachstum des Produktivkapitals pro Kopf der arbeitenden Bevölkerung ist daher in einer alternden Bevölkerung schwieriger zu finanzieren.

Zudem wird sich auch auf den Immobilien- und Kapitalmärkten eine wesentliche Strukturveränderung ergeben, wenn die Babyboom-Generation ihr angespartes Vermögen und viele ihrer erworbenen Häuser verkaufen möchte. Denn dann gibt es viele Verkäufer von Vermögensgegenständen, aber relativ wenige Käufer aus der jungen Generation. Einige sehen hier die nächste große Finanzkrise mit einem Abschmelzen der Vermögenswerte.

Lösungsansätze



Dass es nicht so kommen muss, zeigt das optimistische Szenario in Abbildung 2. Die Lösungsansätze liegen im Prinzip auf der Hand: eine höhere Erwerbstätigkeit, mehr Aus- und Weiterbildung und ein Abpuffern der stärksten Belastung durch eine echte "Nachhaltigkeitsreserve".

Erstens bedarf es großer Anstrengungen, damit die im internationalen Vergleich niedrige deutsche Erwerbsquote trotz des demografischen Wandels ansteigt, indem jüngere Menschen früher in den Beruf eintreten, mehr Frauen Familie und Beruf miteinander vereinbaren können und die Menschen nicht schon mit Anfang 60 in den Ruhestand geschickt werden. Das Beispiel der Dänen zeigt, dass dies machbar ist. Gesundheitlich geht es uns Deutschen sogar besser als den Dänen, so dass einer Anpassung der Lebensarbeitszeit an die verlängerte Lebenszeit eigentlich nichts im Wege steht. Zudem hilft uns die Entwicklung der Lebenserwartung und unserer Gesundheit dabei. Die durchschnittliche Lebenserwartung des Menschen wird sich bis 2029, wenn die Rente mit 67 voll eingeführt sein wird, um drei Jahre erhöhen, die Arbeitsphase jedoch nur um zwei: Die Rente mit 67 bedeutet also einen um ein Jahr längeren Rentenbezug und keine Rentenkürzung.

Nun könnte man meinen, dass diese gewonnenen Jahre ganz oder zu einem Großteil mit großen gesundheitlichen Einschränkungen verbracht werden. Dies ist falsch, alle Anzeichen deuten darauf hin, dass das Gegenteil der Fall sein wird: Die Anzahl der Jahre, in der die Menschen ohne gesundheitliche Einschränkungen leben, bleibt nicht nur anteilsmäßig gleich, sondern sie steigt noch schneller an als die Lebenserwartung. Die Zeit im Alter, vor der wir uns fürchten, verschwindet nicht, leider, aber sie wird kürzer, obwohl wir länger leben.[5] Dies liegt nicht daran, dass die typischen Alterskrankheiten später auftreten, denn die Biologie des Menschen ändert sich nur langsam. Die behindernden Auswirkungen der typischen Alterskrankheiten kommen jedoch erst später zum Tragen, weil moderne Medizin und Technik uns das Leben mit diesen Krankheiten deutlich erleichtern. Eine Erhöhung der Erwerbstätigkeit insbesondere der über 55-Jährigen ist politisch kontrovers, weil er Besitzstände angreift, aber volkswirtschaftlich unumstritten.

Zweitens ist es keineswegs erwiesen, dass die Produktivität älterer Menschen sinkt. Eher scheinen sich Erfahrung und körperliche Leistungsfähigkeit zu ergänzen: Während erstere steigt, sinkt letztere, und die Summe bleibt konstant über alle Altersklassen.[6] In Zukunft ist es aber wichtig, dass eine älter werdende Belegschaft durch vermehrte Aus- und Weiterbildungsanstrengungen neue Techniken erlernen und flexibel bleiben kann. Auch hier können die skandinavischen Länder als Vorbild dienen, in denen Menschen über vierzig weit mehr weitergebildet werden als in Deutschland. Eine Verbesserung der Weiterbildung und lebenslanges Lernen sind politisch unkontrovers und eine volkswirtschaftliche Binsenweisheit, sind aber bislang Lippenbekenntnisse geblieben, weil Arbeitgeber, Arbeitnehmer und der Staat sich um die Finanzierung streiten.

Drittens ist es sinnvoll, wenn durch teilweise kapitalgedeckte soziale Sicherungssysteme (Rente, Krankenversicherung, Pflegeversicherung) ein Kapitalstock angesammelt wird, der uns über die Dauer seiner Akkumulation hilft, zusätzliches Produktivkapital zu schaffen, und gleichzeitig die jüngere Generation von zukünftigen Sozialabgaben entlastet. Ein höherer Bestand an produktivem Kapital in den Sozialversicherungssystemen hilft, die Spitzenbelastung der jungen Generation durch hohe Beitragssätze abzumildern, die in den Jahren 2020 bis 2035 entsteht. Abbildung 1 (links unten) zeigt, wie für etwa 15 Jahre eine Spitzenlast an Renten- und sonstigen Sozialversicherungsleistungen für Ältere von den Jüngeren getragen werden muss.

Dieser dritte Punkt ist sehr kontrovers. Vor allem mag uns die jüngste Finanzkrise skeptischer gemacht haben - tatsächlich aber ist das Altersvorsorgevermögen (etwa der Riesterrenten) von der Finanzkrise praktisch unberührt geblieben, weil es sicher und nicht spekulativ angelegt war. Sogar die Ansprüche auf die gesetzliche Rente waren stärker von der Krise betroffen als die Ansprüche auf Auszahlungen aus Riestervermögen.[7] Und ein dramatisches Abschmelzen der Vermögenswerte, wenn die Babyboom-Generation in Rente geht, lässt sich ebenfalls ausschließen.[8]

Simulationsrechnungen



Alle drei Komponenten des BIPs - Erwerbstätigkeit, Produktivität und Kapitalstock - können auch bei einer alternden Gesellschaft wachsen. Unsere Gesellschaft ist also keineswegs zum Stillstand oder gar Rückschritt verdammt; ganz im Gegenteil bietet die Tatsache, dass Menschen im Alter von 60 Jahren heute eher den Menschen im Alter von 50 Jahren vor einer Generation ähneln, eine enorme Chance.

Die moderne Volkswirtschaftslehre bedient sich relativ komplizierter Rechenmodelle, um diese Überlegungen wissenschaftlich zu fundieren und quantitativ auszudrücken. Die Komplikationen liegen weniger in den erläuterten Grundlinien, sondern in den gegenseitigen Abhängigkeiten (zum Beispiel: weniger Produktivkapital verringert auch die Arbeitsproduktivität), der internationalen Einbindung der deutschen Volkswirtschaft und den Verhaltensreaktionen auf Gesetzesänderungen.

Abbildung 3 (sh. PDF-Version) zeigt das Ergebnis eines solchen Rechenmodells, das die ökonomischen Auswirkungen des demografischen Wandels simuliert.[9] Zielvariable ist der ökonomische Lebensstandard eines Durchschnittsdeutschen während des demografischen Wandels, der hier bis zum Jahr 2050 verfolgt wird, und zwar gemessen an den durch Arbeits- und Renteneinkommen definierten Konsummöglichkeiten im Vergleich zu einer Bevölkerung, die nicht altert. In Abbildung 3 bedeuten 100 Prozent im Jahr 2050 also, dass es einem typischen Deutschen genauso gut geht wie wenn es den demografischen Wandel nicht geben würde.

Die unterste Kurve (Kurve 1) beschreibt den wirtschaftspolitischen Status quo in dem Sinne, dass die Menschen während des demografischen Wandels unter den gleichen arbeitsmarkt- und rentenpolitischen Rahmenbedingungen leben wie heute. Diese Kurve entspricht, was die Erwerbsbeteiligung angeht, dem Status-quo-Szenario in Abbildung 2. Man sieht, dass der Lebensstandard deutlich absinkt, bis 2050 um etwa 17 Prozent, also um ein gutes Sechstel. Wegen der deutlich kleineren Zahl von Erwerbstätigen schrumpft der gesamtwirtschaftliche "Kuchen", weil weniger Menschen Güter und Dienstleistungen produzieren. Dies kann auch nicht durch Importe wettgemacht werden, denn diese müssen aus den deutschen Exporterlösen bezahlt werden - doch für die Herstellung von Exportprodukten gibt es ebenso wie für die inländische Produktion weniger Erwerbstätige.

Abbildung 3 ist relativ zu einer Entwicklung ohne den demografischen Wandel. Absolut gesehen wird die Produktivitätsentwicklung dies mehr als ausgleichen, wir werden also nicht real ärmer trotz des demografischen Wandels. Aber da die Produktivität in unseren Nachbarländern ebenso steigt (in den meisten unserer Nachbarländern übrigens stärker als bei uns), der Alterungsprozess in Deutschland aber mit der Ausnahme Italiens deutlich ausgeprägter ist, würden wir im Vergleich mit unseren Nachbarländern Jahr für Jahr ärmer werden.

Die übrigen Kurven zeigen, dass es nicht so kommen muss. Dem Status-quo-Szenario werden zwei Politikmaßnahmen (Arbeitsmarkt- und Sozialversicherungsreform) mit und ohne Verhaltensreaktionen gegenübergestellt. Im besten Falle wird die Zukunft wie Kurve 2 aussehen. Ihr liegt eine Reform des Arbeitsmarktes zugrunde, welche die Erwerbstätigkeit auf das dänische Niveau erhöht, also der "dänischen" Entwicklung der Abbildung 2 entspricht. Zudem werden die alterungsabhängigen, umlagefinanzierten Sozialversicherungen - also die Renten-, Kranken- und Pflegeversicherungen - stärker kapitalgedeckt finanziert. Riester- und Betriebsrentensystem werden also weiter ausgebaut, die gesetzliche Krankenversicherung muss ebenso hohe Rücklagen bilden wie die privaten Krankenversicherungen und die Pflegeversicherung wird komplett kapitalgedeckt. Werden alle diese Reformen vollständig umgesetzt und von der Bevölkerung angenommen, zeigt Kurve 2, dass im Zuge des demografischen Wandels unser Lebensstandard sogar deutlich steigen kann.

Wird reformpolitisch zwar eine Angleichung der deutschen Erwerbstätigkeit an die dänische geschafft, aber auf eine stärkere kapitalgedeckte Finanzierung der Sozialversicherungen verzichtet, ergibt Kurve 3 immer noch einen leichten Anstieg des Lebensstandards, allerdings nur dann, wenn die Arbeitsmarktreformen, einschließlich der Rente mit 67, auch vollständig von der Bevölkerung angenommen werden.

Typischerweise ist das jedoch nicht der Fall. Die Verhaltensreaktionen auf Gesetzesänderungen sind komplex. In den seltensten Fällen machen die Menschen genau das, was der Gesetzgeber im Sinn hatte - meistens gibt es Ausweichreaktionen. So wird die Einführung der Rente mit 67 aller Wahrscheinlichkeit nicht zu einer Erhöhung des durchschnittlichen Renteneintritts um zwei Jahre führen, sondern um deutlich weniger, weil dann zum Beispiel mehr Menschen Erwerbsminderungsrenten beantragen. Auch die Riesterrente haben bei weitem nicht alle Haushalte angenommen, sondern, je nach Einkommensschicht, zwischen ein und zwei Drittel der Anlageberechtigten.

Die Kurven 4 und 5 versuchen, diese ausweichenden Verhaltensreaktionen zu simulieren und entsprechen den Kurven 2 und 3. Nun wird es schon schwieriger, die Folgen des demografischen Wandels abzufedern: Nur mit einer Kombination aus Arbeitsmarkt- und Sozialversicherungsreform wird das gelingen.

Schlussfolgerungen



Eine deutlich sinkende Anzahl von Menschen im erwerbsfähigen Alter, höhere Sozialausgaben bei weniger Beitragszahlern, Kapitalmarktverluste für die Babyboomer, die Gefahr eines sinkenden Lebensstandards: Die ökonomischen Herausforderungen an eine alternde Gesellschaft sind groß und zahlreich. Hinzu kommen die vielfältigen gesellschaftlichen und medizinischen Herausforderungen einer alternden Gesellschaft. Sie reichen von der Ausgestaltung eines demografiefesten Gesundheitssystems über Pflege und Zuwendung einer großen, immer älter werdenden Babyboom-Generation zu den Auswirkungen auf die große Politik: Ein alterndes Deutschland wird nicht den Platz in der globalen machtpolitischen Hackordnung einnehmen können, den es derzeit hat.

Grund zu einem fundamentalen Pessimismus gibt es dennoch keinen. Die ökonomischen Auswirkungen des demografischen Wandels sind kein unabänderliches Schicksal, sondern sie können abgewendet werden, wenn eine Anpassung an die sich verändernde Welt gelingt. Zentrale Stellhebel sind eine erhöhte Erwerbsquote, vor allem unter den Älteren, und deren Aus- und Weiterbildung. Mit einer geschickten Kombination von Arbeitsmarkt- und Sozialversicherungsreform kann unser Lebensstandard auch in Zukunft zumindest gehalten werden, vielleicht sogar steigen.

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Fußnoten

1.
Vgl. Wissenschaftlicher Beirat beim Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit, Alterung und Familienpolitik. Gutachten für das Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit, Berlin 2005.
2.
Die Kommission wurde 2002 von der Bundesregierung eingesetzt, um Vorschläge zu erarbeiten, wie die Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme langfristig gesichert werden kann. Vgl. Kommission für die Nachhaltigkeit in der Finanzierung der Sozialen Sicherungssysteme, Abschlussbericht, Berlin 2003.
3.
Vgl. Jim Oeppen/James W. Vaupel, Enhanced: Broken Limits to Life Expectancy, in: Science, 296 (2002), S. 1029ff.
4.
Vgl. Axel Börsch-Supan/Christina B. Wilke, Zur mittel- und langfristigen Entwicklung der Erwerbstätigkeit in Deutschland, in: Zeitschrift für Arbeitsmarktforschung, (2009) 1, S. 29-48.
5.
Vgl. James A. Fries, Measuring and Monitoring Success in Compressing Morbidity, in: Annals of Internal Medicine, 139 (2003), S. 455-459.
6.
Vgl. Axel Börsch-Supan/Ismail Düzgün/Matthias Weiss, Age and Productivity in Work Teams: Evidence from an Assembly Line, in: Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Demographie e.V., (2006) 9, S. 9.
7.
Vgl. Axel Börsch-Supan/Martin Gasche/Michael Ziegelmeyer, Auswirkungen der Finanzkrise auf die private Altersvorsorge, in: Perspektiven der Wirtschaftspolitik, (2010) 4, S. 383-406.
8.
Vgl. James M. Poterba, Demographic Structure and Assets Returns, in: Review of Economics and Statistics, (2001) 4, S. 565-584.
9.
Vgl. Axel Börsch-Supan/Alexander Ludwig, Old Europe is Aging: Reforms and Reform Backlashes, in: John Shoven (ed.), Demography and the Economy,Chicago 2011.

 

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