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10.1.2011 | Von:
Helga Theunert

Aktuelle Herausforderungen für die Medienpädagogik

Medienkompetenz fördern

Das Anliegen der Medienpädagogik ist es, Menschen für ein souveränes Leben mit Medien stark zu machen, so dass sie, egal welche Gestalt die Medienwelt annimmt, ihr kritisch reflexiv und selbstbestimmt handelnd begegnen können. Um dieses Anliegen zu realisieren, muss sich medienpädagogisches Handeln an der gesellschaftlichen Bedeutung der Medien (heute: an der zunehmenden Mediatisierung), an der Beschaffenheit der Medienangebote und -systeme (heute: an der konvergenten Medienwelt) und vor allem am Mediengebrauch der Subjekte (heute: im Spektrum von Rezeption bis zur medialen Artikulation) ausrichten. Im Konzept der Medienkompetenz sind diese Größen aufeinander bezogen.[11]

Medienkompetenz ist eingebettet in die umfassende Kommunikative Kompetenz, die ihrerseits soziale Handlungsfähigkeit mit begründet. Kommunikative Kompetenz bezieht sich auf die interaktiven Daseinsformen in personalen und gesellschaftlichen Zusammenhängen und impliziert die Fähigkeit zur gleichberechtigten Teilhabe an gesellschaftlicher Kommunikation. Medienkompetenz bezieht sich auf die Verbindung des alltäglichen Lebens mit der Medienwelt und impliziert die Fähigkeit, die medialen Gegebenheiten, welche die gesellschaftliche Kommunikation tragen, erstens zu begreifen, zweitens sozial und ethisch verantwortlich zu nutzen und drittens selbstbestimmt in Gebrauch zu nehmen.

Beharrt man auf dem grundlegenden Zusammenhang von sozialer Handlungsfähigkeit, kommunikativer Kompetenz und Medienkompetenz, vermag das Konzept der Medienkompetenz auch Entwicklungen aufzunehmen, bei denen die Grenzen zwischen medialen und realen Räumen fließend werden und Menschen hier wie dort kommunizieren, sich artikulieren und dadurch ihr Leben gestalten. Im Kern zielt die Förderung von Medienkompetenz immer darauf, Menschen dabei zu unterstützen, der Medienwelt in jeder Gestalt als Souverän zu begegnen.

Im Konzept der Medienkompetenz werden die dafür notwendigen Fähigkeitsbündel miteinander verzahnt: Erstens Wissen über die Strukturen und Angebote der Medienwelt sowie Handhabung und aktiver Gebrauch von medialen Werkzeugen und Mediensystemen. Zweitens Reflexion und Beurteilung der Bedeutung der medialen Gegebenheiten für die eigene Lebensführung, soziales Miteinander und gesellschaftliche Zusammenhänge. Drittens selbstbestimmtes und sozial wie ethisch verantwortliches Medienhandeln im Spektrum von Rezeption, Kommunikation und produktiver Artikulation und Partizipation. Im Ertrag schafft das Zusammenwirken dieser Fähigkeitsbündel das Fundament, um die jeweils verfügbare Medienwelt hinsichtlich ihrer Ressourcen und Risiken fundiert einschätzen, sich in ihr orientieren und positionieren zu können. Auf diesen Orientierungs- und Positionierungsleistungen können wiederum veränderte Akzentuierungen, Differenzierungen und Erweiterungen aufsetzen, die medienkompetentes Handeln angesichts neuer medialer Entwicklungen aktualisieren.

Konvergente Medienwelt und Mediatisierung bringen für die Medienpädagogik erhebliche und neuartige Anforderungen mit sich. Das Konzept der Medienkompetenz bietet einen tragfähigen Rahmen, um diese systematisch zu verorten. Darüber hinaus ist über Wege nachzudenken, die insbesondere diejenigen Jugendlichen erreichen, für die aus den medialen Gegebenheiten Risiken entstehen. Das sind vor allem, aber keineswegs nur Jugendliche aus bildungsbenachteiligten Milieus. Orientierung für die Gestaltung zielführender Wege bieten folgende Aspekte:

  • Für ein souveränes Leben mit Medien brauchen Jugendliche insgesamt vorrangig Anregungen zur Reflexion der medialen Gegebenheiten und ihrer gesellschaftlichen Bedeutung sowie des eigenen Medienhandelns. Darüber hinaus sind die positiven Potenziale der Medienwelt allen Jugendlichen zugänglich zu machen.
  • Maßnahmen an den Stärken der Jugendlichen auszurichten, verspricht Erfolg, weil Jugendliche erstens im Gegensatz zum Gros ihrer pädagogischen Bezugspersonen in der vernetzen Medienwelt "zu Hause" sind, zweitens pädagogischen Anregungen offener gegenüberstehen, wenn diese mit autonomen Erfahrungsräumen verknüpft sind und drittens Medienkompetenz durchaus als Wert anerkennen und anstreben. Erhebliche Bedeutung ist in diesem Kontext dem peer-to-peer-Lernen beizumessen.
  • Auch wenn bisher primär besser gebildete Jugendliche auf pädagogische Online-Angebote reagieren, sollten Überlegungen intensiviert werden, Jugendlichen in die Mitmachwelt des social web zu folgen, sie neben den realen auch an ihren medialen Treffpunkten aufzusuchen, anzuregen und gegebenenfalls zu betreuen.
Die Erfahrungen mit solchen Maßnahmen sind (noch) nicht üppig. Ein neuartiges Projekt des JFF - Institut für Medienpädagogik sei hier erwähnt: "www.webhelm.de". Es verfolgt das Ziel, Jugendliche für informationelle Selbstbestimmung, insbesondere für Datenschutz, Persönlichkeitsrechte und Urheberrecht zu sensibilisieren und zu einem selbstverantwortlichen Gebrauch der Mitmachmöglichkeiten des social web anzuregen. Dazu richtet sich ein Online-Portal direkt an Jugendliche. Die dort platzierten multimedialen Informationen und Tipps werden in den "Webhelm-Werkstätten" von Jugendlichen für Jugendliche produziert, in Form von interaktiven Videoclips, Fotostories, Podcasts und anderem mehr.

Die Förderung der Medienkompetenz der heranwachsenden Generation ist Pflicht. Der kompetente Umgang mit den positiven Potenzialen der Medienwelt erfordert aber zugleich Bedingungen des Aufwachsens, welche die Lebenssouveränität stärken und die Widerständigkeit gegen Gegebenheiten, die diese beschränken, unterstützen. Um die dafür notwendigen Fähigkeiten ausbilden zu können, brauchen alle Heranwachsenden positive Entwicklungsbedingungen und Bildungs- und Befähigungsgerechtigkeit sowie den respektvollen Einbezug ihrer Perspektiven. So kann milieuspezifischer Diskriminierung und Exklusionsrisiken entgegengewirkt und Mitverantwortung und Partizipation angeregt werden. Auf diesen Grundlagen kann Medienpädagogik die Sicherung souveräner Lebensführung in der mediatisierten Gesellschaft am besten mit gewährleisten.

Fußnoten

11.
Vgl. zum Folgenden ausführlich: Helga Theunert, Medienkompetenz, in: Bernd Schorb et al. (Hrsg.), Grundbegriffe Medienpädagogik - Praxis, München 2009.