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10.1.2011 | Von:
Joachim Weiner

"Medienkompetenz" - Chimäre oder Universalkompetenz? - Essay

Verlagerung von Verantwortung

Dass diese schleichende, in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen fortschreitende Verlagerung der Verantwortung für die problematischen Folgen politischer Entscheidungen von der Politik auf die Bürger bislang mehr oder weniger widerstandslos hingenommen wird, zeigt, wie stark neoliberale Denkmuster bereits im individuellen Bewusstsein verankert sind. Anders lässt sich kaum erklären, dass selbst dann, wenn die Politik Medienkompetenz ganz offenkundig dazu missbraucht, um ihr eigenes Versagen zu kaschieren, kein lautstarker Widerspruch aufkommt.

So etwa, wenn versucht wird, der Öffentlichkeit ein so beunruhigendes gesellschaftliches Phänomen wie die merkliche Zunahme schwerer psychischer und sozialer Störungen bei Kindern und Jugendlichen mit Blick auf deren Medienverhalten als Folge eines Mangels an Medienkompetenz zu verkaufen. Als ob der exzessive Fernsehkonsum und die suchtähnliche Abhängigkeit von Handy, Computer, Internet, computerbasierten Killerspielen und sonstigen medialen Gewalt- und Pornografieangeboten, die bei vielen der psychisch und sozial schwer gestörten Kinder und Jugendlichen zu beobachten sind, die primäre Ursache für ihr deviantes Verhalten wären.

Wie unverfroren die Politik darum bemüht ist, der Öffentlichkeit die Symptome jugendlicher Devianz als deren Ursache zu verkaufen, offenbart ihr unseriöser Umgang mit den Amokläufen von Jugendlichen an Schulen in Erfurt, Emsdetten und Winnenden. Noch bevor die psychosozialen Ursachen und die Hintergründe der Taten hinreichend geklärt waren, wurde im Verbund mit den Medien eine Debatte über das Verhältnis von Medien und Gewalt eröffnet, in der sich Politiker, Psychologen, Pädagogen und Kriminologen mit hinlänglich bekannten Argumenten für oder gegen ein Killerspielverbot und einen verstärkten Jugendschutz aussprachen. Einig waren sich die Kontrahenten jedes Mal aber darin, dass es den Tätern an Medienkompetenz gemangelt habe und daher deren Förderung die wirksamste Prävention gegen solche Taten sei.

Indem die von der Politik zu verantwortenden sozialen und ökonomischen Bedingungen, unter denen solche sozial und psychisch deformierten Männer in unserer Konkurrenz- und Leistungsgesellschaft heranwachsen, in den medial inszenierten Debatten über die Ursachen der Amokläufe systematisch ausgeblendet wurden, bekamen unter der Hand diejenigen die Mitverantwortung für die Taten zugeschoben, die für eine ausreichende Medienkompetenz der Heranwachsenden zuständig sind: die Eltern, Kindergärten und Schulen. Durch diesen strategischen Schachzug war nicht nur die Politik, sondern auch die Medienindustrie weitgehend von dem Vorwurf der Mitverantwortung für die Taten entlastet und konnte, mehr oder weniger ungehindert, ihr profitables Angebot an Gewalt, Pornografie und menschenverachtenden Reality-Formaten weiter ausbauen.

Wenn sich unterdessen auch die Computerspieleindustrie, die geradezu darauf angewiesen ist, permanent an der medialen Gewaltspirale zu drehen, um die von ihr entwickelten Produkte einer nach immer neuen Kicks verlangenden Klientel erfolgreich zu verkaufen, für die Förderung der Medienkompetenz ihrer Kundschaft stark macht, dann nicht, weil die Branche unter dem Eindruck der Amokläufe mehr Verantwortungsbewusstsein entwickelt hätte. Sie hat nach wie vor kein Interesse daran, ihre jugendliche Kundschaft vor übermäßigem Medienkonsum und mentaler Verrohung zu bewahren. Wohl aber daran, dass die Konsumenten ihre Allmachts- und Gewaltphantasien nur digital befriedigen und nicht die Grenze zur Realität überschreiten - schaden doch Amokläufe nicht nur dem Image der Branche, sondern auch dem Geschäft.