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12.12.2011 | Von:
Michael Hochgeschwender

Der Amerikanische Bürgerkrieg in der öffentlichen Erinnerung - ein nationales Trauma?

Erinnerung und Emancipation Cause

Wesentlich radikaler war eine andere Form nordstaatlicher Kriegserinnerung, die emanzipatorische Meistererzählung.[34] Sie wurde bis zum Ende der Fusionsära im Süden (1895/1902) mehrheitlich von den radikalen Republikanern und den Veteranenverbänden der Unionstruppen, allen voran der den Republikanern nahestehenden Grand Army of the Republic (GAR)[35] und schwarzen beziehungsweise liberalen Bürgerrechtsverbänden, etwa der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP), getragen. Wie die radikalen Formen der Lost-Cause-Ideologie arbeitete der Emancipation Cause mit starken moralischen Werturteilen und klaren Schuldzuschreibungen. In dieser Version war die Kriegsschuldfrage klar; der Süden wurde als eindeutiger Aggressor angesehen, die Sklaverei habe zum verräterischen Treubruch an der unteilbaren Union geführt.

Tatsächlich kam der Sklaverei einzig im emanzipatorisch-abolitionistischen Denken eine zentrale Funktion in der Kriegserinnerung zu. Dies war freilich zugleich die Krux dieses Ansatzes, da mit dem Ende der Rekonstruktionsära und der republikanischen Southern Strategy,[36] also der Herrschaft nordstaatlich-republikanischer und schwarzer Politiker über den Süden in den 1870er Jahren, das Interesse selbst der nordstaatlichen Öffentlichkeit am Schicksal der ehemaligen Sklaven rapide zugunsten eines rekonziliatorischen Rassismus und einer imperial-militaristischen weißen Männlichkeit nachließ. Dieser Primat sieghafter Männlichkeit erlaubte es obendrein nicht, die dem emanzipatorischen Diskurs innewohnenden Formen des Umgangs mit Traumata weiter zu verfolgen, da sie nicht in das neue Schema kriegerischer Tapferkeit passten. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Aufkommen der schwarzen Bürgerrechtsbewegung und ab den 1960er Jahren mit den neuen Diskussionen um Opfer tyrannischer Gewalt im Kontext des Holocaust konnte sich ein pointiert auf der Wertschätzung traumatisierter Opfer beruhender Diskurs,[37] in diesem Fall der Schwarzen während der Sklaverei und nach der Rekonstruktion, wieder breit durchsetzen.

Zumindest für die amerikanische Linke, aber auch in liberalen Kreisen, bei der Mehrheit der Schwarzen, bei vielen Historikern und in der medialen Inszenierung von Kriegserinnerungen wurde der Emancipation Cause in den 1980er Jahren hegemonial. Durch die nahende 125. Wiederkehr des Kriegsausbruchs von 1861 im Jahr 1986 wurde die wissenschaftliche und politische Auseinandersetzung neu beflügelt. Einfluss entfaltete insbesondere das neoabolitionistische Meisterwerk "Battle Cry of Freedom" (1988) des Historikers James McPherson, aber auch Spielfilme wie "Glory" (1989), der das Schicksal einer schwarzen Einheit in der Unionsarmee thematisiert, oder die TV-Serie "Roots" (1977) über eine Sklavenfamilie spielten eine Rolle.

Fußnoten

34.
Vgl. G.W. Gallagher (Anm. 15), S. 29-33.
35.
Vgl. Mary R. Dearing, Veterans in Politics. The Story of the GAR, Westport 1974.
36.
Vgl. Richard H. Abbott, The Republican Party and the South, 1855-1877, Chapel Hill 1986, S. 239.
37.
Eine gute Diskussion dieser Problematik findet sich bei Peter Novick, Nach dem Holocaust. Der Umgang mit dem Massenmord, München 2001.