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12.12.2011 | Von:
Michael Hochgeschwender

Der Amerikanische Bürgerkrieg in der öffentlichen Erinnerung - ein nationales Trauma?

Erinnerung und Reconciliation Cause

Damit wurde der bis dahin dominante Reconciliation Cause abgelöst.[38] Der ging zwar nicht ganz unter, da er etwa in den Medien prominent vertreten blieb, man denke an Ken Burns umfängliches Dokumentarepos über den Bürgerkrieg, an die populäre TV-Serie "North and South" (1985/86) oder an den monumentalen Spielfilm "Gettysburg" (1993), aber er verlor erkennbar an integrativer Dynamik. Zuvor aber hatte dieser Cause das Gedenken an den Bürgerkrieg in markanter Weise fast schon total beherrscht, zumindest in den Kreisen weißer Amerikaner. Entstanden war er unmittelbar nach dem Bürgerkrieg, um dann in der radikalen Rekonstruktion an Dynamik einzubüßen. Erst in den 1880er Jahren nahm er dann - vor dem Hintergrund des allmählichen Verblassens direkter Kriegserinnerungen und der Hilfe des Nordens für den Süden im Verlauf der großen Choleraepidemie 1884/85 - wieder an Fahrt auf. Mit der nationalistischen und imperialistischen Welle der 1890er Jahre, vor allem mit dem Krieg von 1898 gegen Spanien, wurde die nationale Wiederversöhnung der weißen Amerikaner zum primären Ziel aller Kriegserinnerungen.

Auf symbolischer Ebene erreichte die Rekonziliation dann 1913, beim 50. Jahrestag der Schlacht von Gettysburg, ihren Höhepunkt, als die weißen Veteranen in Grau und Blau sich über den Schützengräben die Hände reichten und konföderierte wie Unionsfahnen einträchtig zur Schau gestellt wurden. Die schwarzen Veteranen der Union mussten indes abseits feiern. Zu diesem Zeitpunkt waren selbst die hartnäckigsten weißen Verfechter des Emancipation Cause, die Mitglieder der GAR, auf den rekonziliatorischen Gedenkkurs umgeschwenkt, was mit den unbestreitbaren Vorteilen dieser Form von Erinnerungskultur zusammenhing. Der rekonziliatorische Diskurs spiegelte zum einen den Rassismus der Gesamtgesellschaft wider, indem er die Schwarzen mehr oder minder aus der Geschichte des Bürgerkrieges und seiner Ursachen herausschrieb. Die USA seien, so die Verfechter, ein Land mit gleichen Idealen gewesen, freilich in unterschiedlicher Auslegung. Beide Seiten hätten einen noblen, tapferen Kampf ausgefochten und könnten über den Ausgang des Krieges eigentlich froh sein, da man sich nun den wichtigen Aufgaben der Gegenwart im Konsens stellen könne. In Zeiten großer Bedrohung durch Weltkriege, Totalitarismen und die weltweite Depression der 1930er Jahre sorgte die Dominanz des Rekonziliationsdiskurses zumindest an der Front der Kriegserinnerung für Ruhe. Nicht zuletzt erlaubte dieser Diskurs eine Integration nahezu sämtlicher symbolischer, ritueller und semantischer Formen der divergierenden Kriegserinnerungen: Stars and Stripes standen neben Stars and Bars, der Civil War neben dem War Between the States, der Memorial Day der Union neben dem der Konföderation, die GAR neben UDC und SCV, Lost Cause neben Union Cause. Und das kollektive Gedächtnis der Nation, mitsamt allen denkbaren Möglichkeiten doppelter Loyalität, wurde nicht mit "unzeitgemäßen" Erinnerungen an die Sklaverei belastet.

Seit den 1950er Jahren wurde der Versöhnungskonsens dann von der schwarzen Bürgerrechtsbewegung und liberalen Historikern gleichermaßen in Frage gestellt. Nach den Erfahrungen mit dem Holocaust beschäftigte man sich intensiver mit der Sklaverei und kam dazu, ihre Rolle in der Vorgeschichte des Bürgerkrieges neu zu bewerten, was wiederum bis 1990 zu einem dramatischen Bedeutungsverlust des Reconciliation Cause führte.

Fußnoten

38.
Vgl. das Standardwerk von David W. Blight, Race and Reunion. The Civil War in American Memory, Cambridge, MA 2001.