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Das bessere Leben, erträumt und erlitten* - Reportage


12.12.2011
Nach 27 Jahren illegalen Arbeitens in Kalifornien hat der Mexikaner Javier Gómez eine Arbeitserlaubnis erhalten. In anderen Bundesstaaten der USA wäre es ihm womöglich anders ergangen.

Einleitung



Javier Gomez wird am Flughafen von San Francisco seine Papiere vorweisen, die Sicherheitskontrolle passieren und das Flugzeug nach Mexiko-Stadt besteigen, aufrechten Ganges und ohne Angst. Nicht so wie in der Vergangenheit, in der er fast Jahr für Jahr die Vereinigten Staaten heimlich betrat und verließ, erstmals im Februar 1984 und zuletzt im März 2009, als er sich mit zwölf anderen "illegalen Migranten" auf das Fahrgestell eines Lieferwagens legte, dicht gedrängt und die Schuhe eines Mitpassagiers im Gesicht, und sich während 15 Stunden unter der schweren Teppichmatte nicht rühren durfte, um weder an der Grenze noch bei den häufigen Kontrollen im Hinterland die Aufmerksamkeit der US-amerikanischen Behörden zu erregen.

"Sie haben mir eine Arbeitserlaubnis gegeben", sagt der 52-Jährige in seinem Wohnwagen, der schon einige Jahrzehnte unter den Rädern haben dürfte, und nimmt einen Schluck aus der Bierflasche. Die Stille des Moments wird vom Horn eines Güterzugs durchbrochen, der einige hundert Meter die verlassene Wilson Landing Road hinunter durch die Dunkelheit der Nacht rattert. Danach legt sich wieder Lautlosigkeit über die schier endlosen Baumreihen der Plantagen, welche die Umgebung des nordkalifornischen Städtchens Chico durchziehen. Javier hat die Worte bedächtig und nur mit dem Hauch eines Lächelns gesprochen. Eine Woche, nachdem er die Nachricht vom Migrationsamt in der Hauptstadt Sacramento im Briefkasten liegen sah, scheint ihm der Vorgang noch immer ungeheuerlich, fast unfassbar zu sein. Lange ist er ein "Illegaler" gewesen.

Seine Familie, die in der Gemeinde Tláhuac im Süden von Mexiko-Stadt wohnt, lässt er noch im Ungewissen. "Ich will meine Frau und die anderen überraschen", erklärt Javier. In knapp zwei Monaten wird seine älteste Enkelin 15 Jahre alt. Die rauschende fiesta de quinceañera markiert in Mexiko und anderen lateinamerikanischen Ländern den Übergang vom Mädchen zur jungen Frau. Spätestens dann will Javier zuhause sein. Zuvor müssen noch die Nussernte eingefahren und der ersehnte Ausweis in San Francisco abgeholt werden. Die mit Holztapete verkleideten kleinen Schränke über der braun-grauen Sitzcouch quellen bereits über mit Weihnachtsgeschenken. Dank der harten Dollars, die Javier seit 1984 in die Heimat schickt, hat seine Familie in Tláhuac ein kleines Grundstück kaufen und darauf ein Haus bauen können. Die drei Kinder verließen die Schule nicht wie er nach sechs Jahren, sondern mit dem Abitur in der Hand. Seine Ehefrau Rosa María Villanueva hat die Geldsendungen verlässlich verwaltet und Javier über die Jahre und Distanzen hinweg die Treue gehalten. Wie sie betont auch er, das strenge Regime der meist alleinerziehenden Mutter habe verhindert, dass die Familie wie jene anderer Arbeitswanderer an der zermürbenden Trennung zerbrochen sei. Das Visum erscheint wie die Krönung dieser Aufstiegsgeschichte. Doch lassen weder das zurückhaltende Naturell Javiers noch die Enge und Einsamkeit im Wohnwagen die Freude überschäumen. Hier koche er alleine, schlafe er alleine, rauche er alleine, hat er beim Vorstellen seines abgelegenen Heimes gesagt.

* Zweiter Teil; der erste Teil der Reportage ist im Themenheft "Mexiko" erschienen: APuZ, (2011) 40–42, S. 42–46, online: www.bpb.de/CD1T3B.