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30.11.2011 | Von:
Susanne Schattenberg

Das Ende der Sowjetunion in der Historiographie

Krise oder Selbstmord?

Es ist vielleicht nicht erstaunlich, dass sich auch zum Ende der Sowjetunion zwei gegenläufige Meinungen entwickelt haben. Die noch vorherrschende Lehrmeinung scheint auch die "logische" und für den westlichen Beobachter plausiblere Erklärung zu sein: Die Sowjetunion befand sich in der Krise und hatte sich delegitimiert: Der Marxismus-Leninismus war zur Kulisse verkommen und wurde seit den 1960er Jahren zunehmend verlacht und verhöhnt.[6] Wirtschaftlich konnte sie mit den USA nicht Schritt halten und die Konsumwünsche der eigenen Bevölkerung nicht befriedigen; der Rüstungswettlauf hatte sie an den Rand des Ruins gebracht, und die aufflammenden Nationalitätenkonflikte taten ein Übriges, um dem maroden Koloss den Todesstoß zu versetzen.[7] Gern wird dem Zusammenbruch eine gewisse Gesetzmäßigkeit zugeschrieben, oder er wird mit der westlichen Geschichte parallelisiert: Danach war der Zerfall des Vielvölkerreichs eine "nachholende Entwicklung", die die "Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen" beendete.[8] Zuweilen wird ein makrohistorischer Rahmen bemüht. Die Geschichte Russlands müsse in drei großen Modernisierungszyklen gedacht werden: Von Peter I. bis 1856 habe das Land militärisch nachgerüstet und sei bis 1970 industrialisiert worden. Im Mikrochipbereich habe die UdSSR dann nicht mehr mithalten können.[9]

Dem widersprechen so prominente Experten wie der Gorbatschow-Spezialist Archie Brown, Politologe in Oxford, und Stephen Kotkin, Geschichtsprofessor in Princeton.[10] Beide vertreten vehement und pointiert die "Selbstmord-These". Es habe bis zu Gorbatschows Machtantritt keine Krise gegeben: Die Wirtschaft lief schlecht, aber sie lief, der "militärisch-industrielle Komplex" verschlang unglaubliche Ressourcen, aber das war in den USA auch nicht anders, und die Bevölkerung hatte sich in der Sowjetunion in bescheidenem Wohlstand eingerichtet. Erst der neue Generalsekretär habe so grundlegend an den Säulen des Regimes gerüttelt, dass er den Zusammenbruch nolens volens herbeiführte: "Der Leninismus beging Selbstmord, und nichts trat an seine Stelle",[11] so Kotkin. Diese diametral entgegengesetzten Thesen, die noch lange nicht das Stadium einer offenen, fruchtbaren, erkenntnisfördernden Debatte erreicht haben, gehen auf sehr unterschiedliche Grundannahmen über die Sowjetunion im Speziellen und die Geschichte im Allgemeinen zurück. Vor dem Hintergrund eines westlichen Fortschrittdenkens, das sich an Demokratie und Marktwirtschaft orientiert, musste die Sowjetunion als krisengeschüttelt erscheinen. Wenn man allerdings auf einen solchen universellen Maßstab verzichtet und die Sowjetunion an ihren eigenen Normen, Werten und Wahrheiten misst, dann schien die Sowjetunion so stabil und gefestigt wie nie zuvor.

"Alles war für immer, bevor es verschwand", heißt daher auch das vielbeachtete Buch von Aleksei Yurchak, Professor für Anthropologie in Princeton und selbst gebürtiger "Sowjetmensch".[12] Yurchak vertritt die These, dass die Sowjetunion das Stadium der "Normalität" erreicht hatte; die Masse der Bevölkerung habe sie als gegeben hingenommen und "mitgemacht": bei den Maiparaden, bei Komsomolveranstaltungen, zur Revolutionsfeier. Dieses reine "Mitmachen" sei aber kein Ausdruck für mangelnden Glauben und fehlende Überzeugung gewesen, sondern die Alltagspraktiken hätten als rituelle Bestätigung des Systems gedient. Yurchak spricht von einer "performativen Verschiebung", die das Existenzrecht der Sowjetunion nicht unterhöhlte, sondern im Gegenteil zu einer Wahrheit werden ließ, welche die wenigsten noch hinterfragten.

Fußnoten

6.
Vgl. Gerhard Simon, Das Ende der Sowjetunion. Ursachen und Zusammenhänge, in: Zeitschrift für internationale Fragen, 47 (1996) 1, S. 9-21, hier: S. 14.
7.
Vgl. Manfred Hildermeier, Geschichte der Sowjetunion 1917-1991. Entstehung und Niedergang des ersten sozialistischen Staates, München 19982.
8.
G. Simon (Anm. 6), S. 9.
9.
Vgl. Francis Fukuyama, The Modernizing Imperative. The USSR as an Ordinary Country, in: The National Interest, 31 (1993) 1, S. 19-25.
10.
Vgl. Archie Brown, Seven Years that changed the World. Perestrojka in Perspective, Oxford 2007; Stephen Kotkin, Armageddon Averted. The Soviet Collapse, 1970-2000, Oxford-New York 20082.
11.
S. Kotkin (ebd.), S. 188.
12.
Alexei Yurchak, Everything was forever, until it was no more. The Last Soviet Generation, Princeton, NJ-Oxford 2006.