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30.11.2011 | Von:
Susanne Schattenberg

Das Ende der Sowjetunion in der Historiographie

Postumer Patriotismus

Interessanterweise zeigen neueste Studien, dass heute keineswegs in allen ehemaligen Unionsrepubliken die Mehrheit der Bevölkerung glücklich darüber ist, dass die Sowjetunion nicht mehr existiert. Nicht nur in Russland wird der Zerfall des Imperiums als Verlust von geostrategischer Größe, Identität, Freizügigkeit, Sprachgemeinschaft und Völkerfamilie empfunden. Es scheint, als ließe sich die stets angezweifelte Existenz des homo sovieticus doch nachweisen, zumindest postum und ex negativo. In Zentralasien, aber auch in Armenien oder im Altai-Gebiet beklagen Menschen, dass sie mit wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Problemen auf den nationalen oder regionalen Rahmen verwiesen sind, sich marginalisiert und von der Weltgeschichte abgekoppelt fühlen.[29] Auch wenn aus der Rückschau die Welt immer rosiger erscheint, als sie war, gibt dieser Phantomschmerz doch wichtige Hinweise auf die Art der Stabilität der Sowjetunion.

Dass das Ende der Sowjetunion im Westen nicht vorausgesehen wurde, war auch ein Problem der sozialwissenschaftlichen Methode, so Dominic Lieven.[30] Mit wirtschaftlichen, geopolitischen oder sozialen Faktoren allein lassen sich weder Zusammenhalt noch Zerfall des Imperiums erklären. Es ist daher nicht erstaunlich, dass mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion eine theoretisch informierte Kulturgeschichte die Sozialgeschichte ablöste und statt nach objektiven Daten nach den wahrgenommenen Wirklichkeiten der Sowjetmenschen fragt. Allerdings wäre auch mit diesen Methoden kein bevorstehender Zusammenfall diagnostiziert worden, denn wie die Studien von Yurchak oder Serguei Oushakine zeigen, war die UdSSR ein Referenzrahmen, in dem sich ein Großteil der Bevölkerung behaglich eingerichtet hatte - bis Gorbatschow kam. Abgesehen davon, dass es nicht die Aufgabe von Historikern ist, die Zukunft vorauszusagen, muss festgehalten werden, dass es keine Krise gab, die man hätte beobachten können, es sei denn, man hieß Gorbatschow und hatte die Einsichten eines Politbüromitglieds. Die vielen verschiedenen Komponenten wie "Gorbatschow-Faktor", die Herrschaft durch politische Clans, die vermeintliche Ewigkeit des Systems, Wirtschaft und Konsumlage, Rüstungswettlauf und Nationalitätenfrage müssen noch zu einem Bild zusammengefügt werden, um zu erklären, warum die Sowjetunion die Generation ihrer Erbauer nur um sehr wenige Jahre überlebte.

Fußnoten

29.
Vgl. Serguei Alex Oushakine, The Patriotism of Despair. Nation, War, and Loss in Russia, New York 2009.
30.
Vgl. Dominic Lieven, Western Scholarship on the Rise and Fall of the Soviet Régime: The View from 1993, in: Journal of Contemporary History, 29 (1994), S. 195-227, hier: S. 213.