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30.11.2011 | Von:
Gemma Pörzgen

Russische Medien zwischen Vielfalt und Bedrohung

Machtpolitisch bedeutsam ist in der Russischen Föderation vor allem die Fernsehberichterstattung. Unabhängige Zeitungen erreichen nur ein kleines Publikum. Bisher ist das Internet ein Reservat der Pressefreiheit.

Einleitung

Wer heute in der russischen Hauptstadt Moskau am Kiosk steht, blickt auf eine Fülle von Zeitungen und Zeitschriften. Darunter sind mit den Wirtschaftszeitungen "Kommersant" und "Wedemosti", dem Wochenblatt "Nowaja Gaseta" oder der Zeitschrift "Russkij Reporter" Publikationen von hoher Qualität, bei deren Lektüre der interessierte Leser auf exzellente Analysen und interessante Reportagen stößt. Die Themenvielfalt ist groß, und unter den russischen Journalisten gibt es zahlreiche angesehene Publizisten mit klangvollen Namen und echter Stammleserschaft. Wer im Radio "Echo Moskwy" hört, ist beeindruckt, wie viele Spitzenpolitiker sich dort kritischen Fragen stellen, und dass kaum ein heikles Thema ausgespart bleibt. Doch der Schein trügt.

Während die sowjetischen Staatszeitungen wie die "Prawda" oder die "Iswestija" als überregionale Leitmedien Millionenauflagen hatten, erreichen heutige Zeitungen diese überregionale Breitenwirkung nicht mehr. So gibt es zwar wichtige kritische Stimmen wie die "Nowaja Gaseta", aber ihre Wirkung bleibt bei einer Auflage von rund 230.000 Exemplaren vor allem auf die größeren Städte wie Moskau und St. Petersburg begrenzt. Da unabhängige Medien mit geringen Auflagen und kleiner Hörerschaft in dem riesigen Land mit rund 140 Millionen Einwohnern kaum eine kritische Masse erreichen, werden sie der Führung nicht gefährlich, sondern dienen eher als Ventil der Unzufriedenheit.

Russische Journalisten klagen deshalb häufig darüber, dass selbst mutige, investigative Recherchen kaum noch ein politisches Echo finden. "Ich verstehe mich heute als Historiker des Tages", sagt der Journalist Leonid Nikitinski etwas resigniert.[1] Er ist einer der führenden Gerichtsreporter des Landes und arbeitet seit Jahren für die "Nowaja Gaseta", doch es kommt ihm vor, als erzielten Journalisten nur noch dann Widerhall, wenn ihre Recherchen mit einer politischen Intrige zusammenfallen. Nikitinski tröstet sich deshalb mit seiner Rolle als Chronist der Tagesgeschehnisse: "Wir schreiben Geschichte und halten fest, was passiert."

Machtpolitisch bedeutsam ist in der Russischen Föderation vor allem die TV-Berichterstattung. Die wichtigsten Fernsehsender, die landesweit zu sehen sind, unterstehen der Kontrolle des Kreml. In nahezu jedem Haushalt gibt es ein Fernsehgerät, und für rund 90 Prozent der Bürger ist das Fernsehen die wichtigste Informationsquelle. Mit dem Fernsehen erreicht man die Zuschauer bis in die entlegensten Winkel des Landes. Wer die abendliche Nachrichtensendung "Wremja" einschaltet, kann sich davon überzeugen, wie stark die Regierung dieses Propagandainstrument nutzt und damit die Meinungsbildung landesweit dominieren kann. Die Beiträge widmen sich überwiegend der Arbeit des Präsidenten Dmitri Medwedew und des Ministerpräsidenten Wladimir Putin oder nachgeordneter Behörden. Kritische Themen werden meist ausgespart, Oppositionspolitiker kommen kaum zu Wort. "Das Fernsehen ist reine Propaganda. Die Leute schauen dem Staatsfernsehen zu, gehen auf die Straße und sehen etwas völlig anderes", beschreibt der Chefredakteur der kremlkritischen "Nowaja Gaseta", Dmitri Muratow, die Diskrepanz, die für viele Russen spürbar ist und die verbreitete Apathie noch verstärkt.[2]

Fußnoten

1.
Interview d. Verf. mit Leonid Nikitinski im Oktober 2011 in Moskau.
2.
Gemma Pörzgen, Nur Öl und Gas, in: Journalist, (2009) 3, S. 59.