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26.10.2011 | Von:
Markus Klein
Tim Spier

Parteibeitritt und Parteimitgliedschaft im Wandel

Klassifikation der Motive

Die Motive des Parteibeitritts und der Parteimitgliedschaft sind von Person zu Person verschieden, können allerdings auf der Grundlage theoretischer Überlegungen systematisiert werden. Der in der Parteimitgliederforschung einflussreichste Systematisierungsvorschlag stammt von den beiden englischen Forschern Patrick Seyd und Paul Whiteley.[2] Im Rahmen ihres sogenannten General-Incentives-Modells versuchen sie, alle Anreize zur Partizipation in politischen Parteien zu erfassen. In dem Moment, in dem sich Menschen von diesen Anreizen in ihrem Verhalten leiten lassen, entstehen entsprechende individuelle Beitritts- und Mitgliedschaftsmotive.

Man kann im Rahmen des General-Incentives-Modells in einer ersten Annäherung zwischen harten und weichen Anreizen unterscheiden.[3] Die harten Anreize
sind dadurch gekennzeichnet, dass es sich um persönliche, dem Mitglied unmittelbar zufließende Vorteile aus der Parteimitgliedschaft handelt. Diese Anreize werden als selektiv bezeichnet. Man kann sie weiterhin unterscheiden in ergebnis- und prozessbezogene Anreize. Selektive ergebnisbezogene Anreize sind Belohnungen, die dem Mitglied als Konsequenz seines innerparteilichen Engagements unmittelbar zufließen können. Dies sind beispielsweise Ämter und Mandate oder aber berufliche Perspektiven innerhalb und außerhalb der Partei. Selektive prozessbezogene Anreize hingegen sind Belohnungen, die aus der innerparteilichen Aktivität selbst erwachsen. Dies können der Spaß an der politischen Arbeit, das Erleben von Gemeinschaft innerhalb der Partei sowie freundschaftliche Beziehungen zu anderen Parteimitgliedern sein. Gemeinsam ist diesen harten Anreizen, dass sie in der Regel ein aktives innerparteiliches Engagement voraussetzen, um wirksam werden zu können.

Weiche Anreize
einer Parteimitgliedschaft hingegen können auch dann wirksam werden, wenn keine aktive innerparteiliche Beteiligung gegeben ist. Sie können folglich bereits mit der bloßen Mitgliedschaft verbunden sein. Das General-Incentives-Modell kennt insgesamt fünf solcher weichen Anreize. Kollektive politische Anreize sind dann gegeben, wenn das Mitglied glaubt, durch seine Mitgliedschaft zur Durchsetzung politischer Inhalte und Maßnahmen beizutragen, die von dem Mitglied für wünschenswert gehalten werden. Normative Anreize hingegen bestehen in der Erfüllung bestimmter Erwartungen des sozialen Umfelds. Altruistische Anreize liegen dann vor, wenn das Mitglied glaubt, durch seine Mitgliedschaft einen Beitrag zum Funktionieren der Demokratie zu leisten. Von ideologischen Anreizen wird gesprochen, wenn sich Mitglieder durch ihre Mitgliedschaft zu bestimmten ideologischen Prinzipien bekennen wollen. Expressive Anreize schließlich bestehen in der Bekundung von Unterstützung für die Partei und ihre Politiker durch die Mitgliedschaft.

Die verschiedenen Arten von Anreizen schließen einander nicht aus, sondern können in unterschiedlichen Kombinationen und Gewichtungen gleichzeitig das Verhalten der Menschen bestimmen. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass das General-Incentives-Modell auch negative Anreize einer Parteimitgliedschaft umfasst, die hier aber nicht detailliert analysiert werden. Es handelt sich dabei im Wesentlichen um die Opportunitätskosten, also die für die Partei aufgewendete Zeit und Energie, die für andere Zwecke nicht mehr zur Verfügung stehen. Darüber hinaus wird das aus der Mitarbeit in Gremien und ehrenamtlichen Diensten potentiell erwachsende Arbeitsleid genannt. Schließlich und endlich sind mit einer Parteimitgliedschaft monetäre Kosten in Gestalt der Mitgliedsbeiträge verbunden.

Fußnoten

2.
Vgl. u.a. Patrick Seyd/Paul F. Whiteley, Labour's Grass Roots. The Politics of Party Membership, London 1992.
3.
Die Darstellung des General-Incentives-Modells orientiert sich an der Interpretation in Markus Klein, Partizipation in politischen Parteien. Eine empirische Analyse des Mobilisierungspotentials politischer Parteien sowie der Struktur innerparteilicher Partizipation in Deutschland, in: Politische Vierteljahresschrift, 47 (2006) 1, S. 35-61.