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26.10.2011 | Von:
Markus Klein
Tim Spier

Parteibeitritt und Parteimitgliedschaft im Wandel

Motive des Parteibeitritts und der Parteimitgliedschaft

Den im Folgenden berichteten empirischen Analysen liegen die Daten der Potsdamer Parteimitgliederstudie des Jahres 1998 sowie der Deutschen Parteimitgliederstudie 2009[4] zu Grunde. Bei diesen beiden Studien handelt es sich um bundesweit repräsentative Befragungen der Mitglieder aller sechs im Deutschen Bundestag vertretenen Parteien mit 10300 bzw. 9400 Befragten.[5] Beide Befragungen erfolgten postalisch mit einem Kern identischer Fragen, um die Vergleichbarkeit über die Zeit zu gewährleisten. Einen Schwerpunkt dieses identischen Teils der beiden Befragungen bildete die detaillierte Erfassung der Motive des Parteibeitritts sowie der Gründe der heutigen Parteimitgliedschaft. Dabei wurde versucht, die im Rahmen des General-Incentives-Modells theoretisch unterschiedenen Anreize durch das Befragungsinstrument vollständig zu erfassen.[6]

Die empirische Auswertung dieses Fragekomplexes findet sich in Tabelle 1 (siehe Tabelle 1 der PDF-Version). Ausgewiesen ist dabei jeweils der Prozentanteil der Befragten, der die verschiedenen Motive als "sehr wichtig" oder "wichtig" bezeichnet hat. In der ersten Hauptspalte der Tabelle findet sich dabei die Wichtigkeit für den Parteibeitritt, in der zweiten Spalte die Wichtigkeit für die heutige Parteimitgliedschaft sowie in der dritten Spalte die Prozentpunktdifferenz zwischen der Häufigkeit der Nennung als wichtigster Mitgliedschaftsgrund und der Häufigkeit der Nennung als wichtigem Beitrittsgrund. Diese letzte Spalte gibt Auskunft über die Veränderung der Wichtigkeit der verschiedenen Motive im Verlaufe der individuellen Parteimitgliedschaft.

Die drei Hauptspalten sind außerdem nochmals weiter differenziert in zwei Unterspalten für die Jahre 1998 und 2009. Der Vergleich dieser beiden Jahre ist allerdings nur bedingt aussagekräftig, da zwei Drittel der im Jahr 2009 befragten Mitglieder bereits 1998 Parteimitglieder waren. Die veränderten Motive von Neumitgliedern treten daher im Rahmen eines Vergleichs der Ergebnisse der beiden Parteimitgliederstudien nicht in der nötigen Klarheit zu Tage. In einer dritten Unterspalte sind daher außerdem diejenigen im Jahr 2009 befragten Mitglieder ausgewiesen, die erst nach 1998 in ihre jeweilige Partei eingetreten sind (2009 neu). An dieser Gruppe sollte sich ein etwaiger Wandel von Beitrittsmotiven über die Zeit am deutlichsten beobachten lassen. Der Vergleich der Wichtigkeit der verschiedenen Mitgliedschaftsgründe über die drei Unterspalten hinweg gibt folglich Auskunft über die Veränderung der Motive des Parteibeitritts und der Parteimitgliedschaft im Verlaufe des sozialen Wandels.

Bevor wir uns dem Wandel der Mitgliedschaftsmotive zuwenden, soll kurz auf die relative Wichtigkeit der verschiedenen Gründe für den Beitritt in eine Partei eingegangen werden. Als mit Abstand am wichtigsten erweisen sich dabei die kollektiven politischen Anreize, gefolgt von den altruistischen und expressiven Anreizen. Dahinter rangieren die ideologischen sowie die selektiven prozessbezogenen Anreize. Von eher geringer Bedeutung sind schließlich die normativen sowie die selektiven ergebnisbezogenen Anreize. Allerdings darf im Hinblick auf die letztgenannte Anreizsorte nicht außer Acht gelassen werden, dass hier aller Wahrscheinlichkeit nach auch Effekte der sozialen Erwünschtheit eine Rolle spielen: Es kann vermutet werden, dass nicht alle Parteimitglieder diese Motive in einer Befragung offen eingestehen. Dies gilt insbesondere in Bezug auf die Erlangung beruflicher Vorteile. Umgekehrt mag gelten, dass kollektiv-politische und altruistische Anreize besonders häufig genannt werden, da dies sozial weithin akzeptierte Motive für die Mitgliedschaft in politischen Parteien sind.

Wenden wir uns nun dem Wandel der Mitgliedschaftsmotive nach dem Parteibeitritt zu. Hier ist zunächst festzustellen, dass einige Mitgliedschaftsgründe deutlich an Bedeutung verlieren, sobald die Schwelle des Parteibeitritts übertreten ist. Dies gilt zunächst für die beeindruckenden Persönlichkeiten an der Parteispitze sowie für den Einfluss von Familie und Freunden. Dass diese Einflussgrößen eher bei der Entscheidung zum Parteibeitritt von Bedeutung sind als während der Mitgliedschaft selbst, ist nicht überraschend und auch nicht problematisch. Dass hingegen der Spaß an der politischen Arbeit im Hinblick auf die heutige Mitgliedschaft deutlich seltener als Mitgliedschaftsmotiv genannt wird als in Bezug auf die Entscheidung zum Parteibeitritt, scheint auf mögliche Defizite der innerparteilichen Demokratie hinzudeuten. Offensichtlich erleben viele Parteimitglieder ihr innerparteiliches Engagement als wenig erfreulich und sehen sich in ihren Erwartungen enttäuscht. Diese Enttäuschung könnte auch erklären, warum das Motiv, sich für die Ziele der Partei einzusetzen, deutlich seltener als Grund der heutigen Mitgliedschaft genannt wird als in Bezug auf den Beitritt. All dies zusammengenommen mag letztendlich auch die Bereitschaft zum Parteiaustritt erhöhen.

Im Hinblick auf die zweite hier untersuchte Dimension des Wandels fällt zunächst ein hohes Maß an Stabilität ins Auge: Die Wichtigkeit kollektiver politischer Anreize hat sich zwischen 1998 und 2009 nicht systematisch verändert, und zwar sowohl im Hinblick auf den Parteibeitritt als auch für die heutige Mitgliedschaft. Gleiches gilt für die normativen, ideologischen, altruistischen und expressiven Anreize. Auch die Betrachtung der Neumitglieder aus der Befragung des Jahres 2009 liefert im Hinblick auf diese fünf Motivkomplexe keine eindeutigen Indizien für einen grundlegenden Wandel. Anders verhält es sich hingegen bei den selektiven Anreizen: In Bezug auf die ergebnisbezogenen Anreize kann ein leichter Bedeutungsgewinn beobachtet werden, der sich vor allem bei den Neumitgliedern der Befragung aus dem Jahr 2009 zeigt. Bei den prozessbezogenen Anreizen ist zumindest beim Spaß an der politischen Arbeit sowie beim Zusammenkommen mit netten Leuten ein erkennbarer Wichtigkeitszuwachs zu beobachten. Wir werten dies als einen ersten empirischen Beleg für unsere theoretisch begründete Erwartung, dass selektive Anreize für eine Parteimitgliedschaft im Zeitverlauf an Bedeutung gewinnen.

Fußnoten

4.
Die Deutsche Parteimitgliederstudie 2009 wurde unter der Leitung von Ulrich von Alemann und Markus Klein durchgeführt und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziell gefördert.
5.
Für eine detaillierte Beschreibung der beiden Erhebungen siehe Markus Klein, Was wissen wir über die Mitglieder der Parteien?, in: Tim Spier et al. (Hrsg.), Parteimitglieder in Deutschland, Wiesbaden 2011.
6.
Der Fragewortlaut ist in Tabelle 1 dokumentiert.