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18.10.2011 | Von:
Christoph Reinprecht

Verwundbarkeit des Alterns in der Migration. Lebensrealitäten der türkeistämmigen älteren Bevölkerung

Quellen von Lebensqualität

Forschungen zur Lebensqualität zeigen, dass türkeistämmige Ältere trotz ihrer vielfach prekären materiellen Lebensbedingungen über spezifische Ressourcen verfügen, die für die Erzeugung von Lebensqualität mobilisiert werden können. Auf den ersten Blick ist das Wohlbefinden unter der türkeistämmigen älteren Bevölkerung unterdurchschnittlich ausgeprägt. Das Niveau der Lebensqualität liegt deutlich unter jenem der deutschen Älteren, aber auch anderer nationaler und ethnischer Gruppen.[5] Bei näherer Betrachtung ist der Befund jedoch weniger eindeutig. Die Ergebnisse dokumentieren zwar ausgesprochen niedrige Werte für die Dimensionen Gesundheit und Umwelt, während für die psychische und soziale Dimension der Lebensqualität insgesamt höhere Werte und geringere Differenzen zu den Vergleichsgruppen verzeichnet werden.[6] Diese kontrastierte Befindlichkeit - positives psychisches Wohlbefinden und Zufriedenheit mit Sozialkontakten versus kritische Bewertung der Gesundheit und der Umweltbedingungen - bildet ein wichtiges Merkmal der Lebensrealität älterer türkeistämmiger Personen.

In den geringen Zufriedenheitswerten für Gesundheit und Umweltbedingungen schreibt sich eine lebenslange Randstellung in Gesellschaft und Arbeitmarkt fort. Wie andere Gruppen der ersten Generation der Arbeitsmigration zählt auch die ältere türkeistämmige Bevölkerung zur Arbeiterschaft in Produktionsbereichen mit überaus belastenden Arbeitsbedingungen wie schwerer körperlicher Tätigkeit, hohem Unfall- und Verschleißrisiko oder Akkord-, Schicht- und Nachtarbeit. Aufgrund dieser Belastungen, verstärkt durch ungesunde Wohnverhältnisse, aber auch psychosoziale Stressfaktoren aufgrund der Erfahrung von Fremdheit und sozialer Zurückweisung, setzt der Alternsprozess subjektiv frühzeitig ein. Gleichzeitig erhöhen sich die Risiken gesundheitlicher Beeinträchtigung.[7] Charakteristische Krankheitsbilder betreffen, als Konsequenz der beruflichen Tätigkeit, in erster Linie den Stütz- und Bewegungsapparat. Verbreitet sind chronische Erschöpfung und Müdigkeit sowie Magenkrankheiten. Der gesundheitliche Verschleiß bewirkt überdurchschnittliche Krankenhausaufenthalte, überhöhten Medikamentenkonsum (der allerdings auch durch die "Medikalisierung psychosozialer Probleme"[8] indiziert wird), sowie eine große Zahl an berufsunfähigen Personen.

Am stärksten ausgeprägt ist die niedrige Lebensqualität in der Bewertung der materiellen Lebens- und Umweltbedingungen. In diesem markant geäußerten Unzufriedenheitsempfinden kristallisieren sich die prekären Einkommens- und Wohnverhältnisse, welche die alltägliche Lebensführung erschweren.[9] Dazu kommen Gefühle der Unsicherheit hinsichtlich des Zugangs zur Umwelt, insbesondere im Zusammenhang mit öffentlichen Infrastrukturen. Nicht ausreichend orientiert fühlen sich viele vor allem in Bezug auf die pensionsrechtliche Situation und sozialrechtliche Absicherung, die als unübersichtlich erlebt werden. Unzureichend informiert fühlen sich viele aber auch im Hinblick auf das Angebot an sozialen Diensten und Einrichtungen der Altenarbeit. Zudem wird der Umgang mit Behörden und Einrichtungen als belastend erlebt, sei es aufgrund (sprachlicher oder sozialer) Ressourcendefizite oder von Diskriminierung. Armutslage, Informationsmangel und Unsicherheit verstärken den Eindruck, die Lebens- und Umweltbedingungen nicht ausreichend kontrollieren zu können. Dieses Empfinden wiegt so schwer, dass es unter allen Einzeldimensionen der Lebensqualität das allgemeine Wohlbefinden am stärksten beeinflusst. (Unter der älteren einheimischen Bevölkerung reagiert das allgemeine Wohlbefinden am sensibelsten auf Änderungen in der psychosozialen Befindlichkeit.)

Die vergleichsweise hohe Zufriedenheit in Bezug auf die psychische und soziale Dimension von Lebensqualität, die tendenziell mit einer insgesamt positiven Bewertung des Migrationsprojekts einhergeht, stützt sich auf die Existenz familiärer und verwandtschaftlicher Ressourcen (diese gelten als Quelle sozialer und emotionaler Unterstützung), auf das Vorhandensein ethnischer Vereine und religiöser Institutionen, die für soziale Einbindung, Zugehörigkeit und Identitätsbildung förderlich sind, sowie auf spezifische Handlungsräume und Aktivitätsressourcen, die eine transnationale Lebensführung eröffnen. Je mehr auf diese Bindungs- und Aktivitätsressourcen zurückgegriffen werden kann, desto eher können die den Migrationsprojekten zugrunde liegenden Lebensziele (Streben nach einem guten Leben, Wohlergehen, Sicherheit, Lebenschancen für die Kinder und Autonomie) verwirklicht werden.

Für die Lebensführung älterer türkeistämmiger Migrantinnen und Migranten ist ein ausgeprägter Familienbezug bezeichnend. Trotz eines häufig unterschätzten und im Zeitverlauf zunehmenden Anteils an Einpersonenhaushalten (etwa ein Viertel dieser Bevölkerungsgruppe lebt allein), überwiegt der Anteil der Mehrpersonen- und Mehrgenerationenhaushalte. Für die Lebensqualität im Alter ist das Vorhandensein eigener Kinder essenziell. Studien zeigen ein ausgeprägtes und stabiles intergenerationelles Solidarpotenzial.[10] Eine wichtige Funktion übernehmen neben familiären Netzwerkbeziehungen auch außerfamiliäre Kontakte im Wohnumfeld. Die Nähe zu Verwandtschaft und ethnischen peers bildet gerade im Alter ein Reservoir für Hilfe und Beistand, insbesondere bei Notfällen,[11] sie ist aber auch funktional für empowerment und Eingliederungsprozesse.[12]

Das Alltagsleben der älteren türkeistämmigen Bevölkerung zeichnet sich schließlich durch das dichte Geflecht an ethnischen und religiösen Vereinen und Einrichtungen aus. Diese sind sowohl im Hinblick auf die kulturelle Integration als auch in Bezug auf die Versorgung mit sozialen Diensten relevant. Diese unterschiedlichen "Solidaritätsfelder"[13] erfüllen jeweils spezifische Schutz- und Solidarfunktionen: Indem sie Anerkennung und Zugehörigkeit vermitteln, fördern sie die Entwicklung und Wahrung von Identität und psychischer Widerstandsfähigkeit. Von Bedeutung ist zudem, dass diese Solidaritätsfelder häufig transnational aufgespannt sind. Damit ist gemeint, dass die Beziehungszusammenhänge, sei es von Familie, Nachbarschaft oder Organisation, nicht lokal, regional oder national begrenzt sind, sondern Kontakte in der Türkei oder auch in anderen Ländern, in denen migrantische türkeistämmige Minderheiten leben, einschließt.

Viele türkeistämmige Ältere verfügen über solche Kontaktmöglichkeiten. Neue Informations- und Kommunikationstechnologien begünstigen diese transnationale Vernetzung. Für türkeistämmige ältere Menschen gilt somit ein Paradoxon: Sie leben einerseits in Deutschland sozialräumlich häufig isoliert mit einem auf die lokalen Bedingungen beschränkten Aktionsradius und andererseits in transnationalen Zusammenhängen mit erweiterten Handlungsfeldern. Wenn die soziale Dimension und die räumliche Dimension auseinanderdriften (wenn man sich beispielsweise nicht jenem sozialen Umfeld zugehörig fühlt, in dem man räumlich lebt), wird der reale Ort des Älterwerdens durch einen vorgestellten, imaginierten Raum ersetzt.

Fußnoten

5.
Vgl. Helen Baykara-Krumme/Andreas Hoff, Die Lebenssituation älterer Ausländerinnen und Ausländer in Deutschland, in: Clemens Tesch-Römer/Herbert Engstler/Susanne Wurm (Hrsg.), Altwerden in Deutschland, Wiesbaden 2006.
6.
Vgl. Ch. Reinprecht (Anm. 3).
7.
Vgl. Veysel Özcan/Wolfgang Seifert, Lebenslage älterer Migrantinnen und Migranten in Deutschland, in: Deutsches Zentrum für Altersfragen (Anm. 4).
8.
Norbert Schmacke, Migration und Gesundheit, in: Gesundheitswesen, (2002) 64, S. 554-559.
9.
Berechnungen finden sich in V. Özcan/W. Seifert (Anm. 7).
10.
Vgl. Helen Baykara-Krumme, Immigrant Families in Germany, Berlin 2008.
11.
Vgl. Maria Dietzel-Papkyriakou, Potentiale älterer Migrantinnen und Migranten, in: Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, 38 (2005) 6, S. 396-406.
12.
Vgl. Kathleen Valtonen, The ethnic neighborhood, in: International Social Work, 45 (2002) 3, S. 315-323; Bernhard Nauck/Annette Kohlmann, Verwandtschaft als soziales Kapital, in: Michael Wagner/Yvonne Schütze (Hrsg.), Verwandtschaft, Stuttgart 1998, S. 203-235.
13.
Vgl. M. Dietzel-Papkyriakou (Anm. 11).

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