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18.10.2011 | Von:
Christoph Reinprecht

Verwundbarkeit des Alterns in der Migration. Lebensrealitäten der türkeistämmigen älteren Bevölkerung

Handlungsräume für Mobilität und soziale Teilhabe

Transnationalität beeinflusst auf unterschiedliche Weise die Lebenswirklichkeit: Sie erlaubt die Verknüpfung von Lebenswelten in Deutschland und der Türkei. Dies bezieht soziale Kontakte aus Gegenwart und Vergangenheit ebenso ein wie sich überlappende oder auch übereinandergeschichtete Orte, Erfahrungs- und Werthorizonte. Zu den Besonderheiten von transnationalen Kontexten zählt, dass Kontakte, Werte, Güter, aber auch die Individuen selbst zirkulieren können. Innerhalb der türkeistämmigen älteren Bevölkerung lassen sich zunehmend Formen transnationaler Mobilität beobachten, die von unterschiedlicher Intensität und Ausprägung sind und im Alter eine Quelle von Lebensqualität bilden.

Da sich diese Mobilität innerhalb der verwandtschaftlichen oder ethnischen Netzwerke entfaltet, bleibt sie für die Mehrheitsgesellschaft meist unsichtbar.[14] Die häufigste Form der mobilen Lebensführung ist das Pendeln, das der vielfach gefühlten Doppelzugehörigkeit entspricht und durch bestehende Opportunitäten und Ressourcen in beiden Ländern sowie daraus resultierende Aufgaben und Bedürfnisse (wie Übernahme von Sorgepflichten in der Verwandtschaft, Nutzung und Erhaltung von materiellem Besitz) motiviert wird. Pendeln kann dauerhaft erfolgen oder eine Übergangslösung darstellen, auch im Sinne einer "fortwährenden Remigration".[15] Aufenthalts-, sozial- und pensionsrechtliche Gegebenheiten schränken die Möglichkeit dieser Form der Transmigration ein. Grenzen gesetzt sind dieser Lebensform auch durch die erforderlichen Ressourcen (ein bestimmtes Maß an Gesundheit, finanzielle Mittel, stabile Netzwerke) sowie bei Hochaltrigkeit. Formen des imaginierten Pendelns lassen sich bei Ressourcenmangel beobachten. Ähnlich wie im Falle des Remigrationswunsches transformieren sich dann die Mobilitätswünsche zu einer Art "Illusion".

Für die Mehrheitsgesellschaft weitgehend unsichtbar sind auch viele Formen der Aktivität, denen ältere türkeistämmige Personen im Rahmen der Nachbarschaft, von Vereinen und religiösen Einrichtungen nachgehen. Diese im Alter ausgeprägte Orientierung an migrantischen und ethnischen Strukturen wird oft als Rückzug in Gegenwelten ("Parallelgesellschaften") gedeutet. Sie ist jedoch eine mögliche Voraussetzung für soziale Integration und gesellschaftliche Teilhabe. Die Einbindung in ethnische Milieus ist förderlich für Soziabilität und die Realisierung von Aktivitätsbedürfnissen. Neuere Forschungen unterstreichen die Bedeutung der Mitwirkung in Vereinen und anderen Formen der Selbstorganisation.[16]

Es existieren verschiedene Varianten der Freiwilligenarbeit, die nicht nur Zugehörigkeit und Anerkennung stiften, sondern die für die beteiligten Individuen konkret nützlich sind, etwa indem sie neue Kontakte knüpfen oder wichtige Informationen und Orientierungswissen erwerben können. Das ist vor allem für Personen mit geringem Bildungskapital unmittelbar bedeutsam. Die Anbindung an ethnische und religiöse Organisationen schafft Zugang zu sozialer Unterstützung oder zu sozialen Diensten, die andernfalls nur schwer erreichbar sind. Durch die Freiwilligenarbeit wird darüber hinaus Sozialkapital erzeugt, wenn auch in durchaus ambivalenter Hinsicht: in Form von Vertrauen als auch von sozialer Kontrolle. Besonders für Frauen, die nicht erwerbstätig waren, sondern ihre traditionelle Familienrolle gelebt haben, und für alleinstehende Frauen können sich mit der aktiven Teilhabe Chancen auf Anerkennung und Selbstständigkeit eröffnen.[17]

Fußnoten

14.
Zuverlässige Angaben zum quantitativen Ausmaß der Pendelmigration und Remigration liegen nicht vor. Die Auswertungen des Deutschen Alterssurveys lassen darauf schließen, dass Personen im Rentenalter für längere Zeitspannen in die Türkei pendeln und der Anteil der Transmigranten insgesamt zunimmt. Vgl. H. Baykara-Krumme/A. Hoff (Anm. 5).
15.
Helen Krumme, Fortwährende Migration, in: Zeitschrift für Soziologie, 33 (2004), S. 138-153.
16.
Vgl. Dirk Halm/Martina Sauer, Freiwilliges Engagement von Türkinnen und Türken in Deutschland, Essen 2005. Demnach beteiligen sich zwei Drittel der befragten Türkeistämmigen aktiv in Selbstorganisationen.
17.
Die Bedeutung ethnischer Gemeinschaften für alleinstehende Frauen wird in der Literatur auch differenziert eingeschätzt. Vgl. Ingrid Matthäi, Die vergessenen Frauen aus der Zuwanderergeneration, Wiesbaden 2005.

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